Mimoun Azaouagh im Interview

"Das Grundgesetz gilt auch für Albert Streit"

Von Interview: Haruka Gruber
Montag, 31.01.2011 | 12:23 Uhr
Azaouagh kehrte nach einer Halbsaison bei der Regionalliga-Mannschaft zu den Profis zurück
© Imago
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Ein halbes Jahr war Mimoun Azaouagh in der Versenkung verschwunden, nachdem er im Sommer vom VfL Bochum zur Regionalliga-Mannschaft degradiert wurde. Hintergrund: Azaouagh erklärte nach dem Abstieg aus der Bundesliga, nicht mehr für Bochum spielen zu wollen. Doch nachdem er keinen neuen Verein fand, strafte ihn der VfL ab.

Nach der Hinrunde wurde der 28-Jährige aber begnadigt, durfte zu den Profis zurückkehren und war mitverantwortlich für den perfekten Rückrunden-Start mit drei Siegen aus drei Spielen. Mit sieben Erfolgen in Serie, zuletzt im Spitzenspiel in Augsburg, hat sich Bochum eindrucksvoll im Aufstiegskampf zurückgemeldet.

Azaouagh im Interview über die Würde des Menschen, eigene Fehler und seine Freude für Kumpel Antonio da Silva.

SPOX: Sie waren ein halbes Jahr von der Bildfläche verschwunden und spielten lediglich für Bochums zweite Mannschaft in der Regionalliga. Haben Sie erwartet, so erfolgreich zurückzukehren?

Mimoun Azaouagh: Schon in der Vorbereitung hat es sich angefühlt, als ob ich nie weg gewesen wäre. Das hat die Rückkehr enorm erleichtert. Aber ich möchte nicht zu sehr über mich reden.

SPOX: Warum nicht?

Azaouagh: Vor der Rückrunde wurde darüber spekuliert, ob ich zurückkomme, auf welcher Position ich spiele oder ob ich mit Chong Tese harmoniere. Aber die Siege zuletzt sind doch der Beweis dafür, dass es eben nicht um Azaouagh, Tese oder wen auch immer geht. Die letzten Monate haben gezeigt, dass es nicht entscheidend ist, ob die besten elf Einzelspieler auflaufen. Vielmehr muss eine Mannschaft aus elf Fußballern zusammengesetzt sein, die am besten zueinander passen. Deswegen ist es auch fehl am Platz, mich in den Vordergrund zu stellen. Ich spiele, wo mich Trainer Friedhelm Funkel aufstellt, und ich bin einfach nur froh, wieder im Profiteam zu sein.

SPOX: Spüren Sie aber nicht Genugtuung, dass Sie sich durch gute Leistungen in der Regionalliga wieder aufgedrängt und viele Kritiker Lügen gestraft haben?

Azaouagh: In solchen Kategorien denke ich nicht. Die Sache ist einfach: Mir geht es nur um den Spaß am Fußball. In der zweiten Mannschaft bekam ich die Chance zum Spielen, ich ergriff sie, dementsprechend waren meine Leistungen. Nicht mehr und nicht weniger.

SPOX: Dennoch werden Sie vernommen haben, dass Sie von den meisten abgeschrieben wurden.

Azaouagh: Ich habe all das nicht so sehr an mich heran gelassen, weil es ohnehin nichts bringt. Mittlerweile ist es mir egal, was Leute, die mich nicht persönlich kennen, über mich denken.

SPOX: Aus Selbstschutz?

Azaouagh: Man muss sich nur ansehen, wie es Albert Streit auf Schalke ergangen ist. Einen Fußballer für seine Leistungen oder seine Einstellung zu kritisieren, ist natürlich erlaubt. Aber es muss Grenzen geben.

SPOX: Streit wurde, nachdem er in Schalkes zweite Mannschaft versetzt wurde, beim Einlaufen auf den Fußball-Platz sogar angepinkelt.

Azaouagh: Genau solche Auswüchse meine ich. Nicht umsonst steht im Grundgesetz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Das gilt doch auch für Albert Streit und alle anderen Fußballer, oder nicht? Grundsätzlich trägt ein Spieler nie die gesamte Schuld.

SPOX: Sie selbst hatten bei den VfL-Fans einen schweren Stand, nachdem Sie im Sommer auf einen Weggang pochten, obwohl es keine interessanten Angebote gab - weswegen Sie zur zweiten Mannschaft degradiert wurden. Zwischenzeitlich kam angeblich sogar ein Rücktritt in Betracht. Welche Lehren haben Sie aus den letzten Monaten gezogen?

Azaouagh: Es ist alles sehr unglücklich gelaufen und ich habe Fehler begangen. Aber ich möchte die Vergangenheit hinter mir lassen und nicht mehr groß darüber sprechen.

SPOX: Sie haben sich von Ihrem Berater Klaus Gerster getrennt. Besteht da ein Zusammenhang?

Azaouagh: Klaus Gerster ist schon seit einiger Zeit nicht mehr mein Berater. Die Ereignisse im Sommer hatten damit nichts zu tun. Ich kläre mittlerweile alles Vertragliche selbst. Ich bin lange genug im Geschäft und weiß einigermaßen, worauf es ankommt.

SPOX: War es im Sommer eine Option, womöglich zu Borussia Dortmund und Ihrem früheren Förderer Jürgen Klopp zu wechseln? Ihr ehemaliger Mainzer Mitspieler Antonio da Silva war in einer ähnlich perspektivlosen Situation, dann bot er sich im Probetraining an und gehört nun zum erweiterten Stamm.

Azaouagh: Das war kein Thema, es gab keinen Kontakt mit Kloppo. Mich freut es aber ungemein, wie gut es bei Toni läuft. Er ist einer meiner engsten Freunde und ich weiß aus erster Hand, über welche Qualitäten er verfügt. Daher kommt es nicht überraschend, dass er sich durchgesetzt hat. Kloppo war er ja ohnehin immer auf seiner Seite. Ich bin sehr stolz auf Toni.

Aus der Versenkung: Antonio da Silva im Porträt

SPOX: Auch Sie erlebten unter Klopp Ihre beste Zeit. Wie gelingt es ihm, angeblich schwierig zu führende Spieler zu Bestleistungen anzuspornen?

Azaouagh: Er vereint einfach alle Eigenschaften in sich, die nötig sind, um jeden Spieler von 100 auf 110 Prozent zu führen. Er ist authentisch und sympathisch und vereint das mit einem unglaublichen Fußball-Sachverstand und Motivationskunst. Kloppo ist einfach ein geiler Typ.

SPOX: Wie verläuft die Zusammenarbeit mit Friedhelm Funkel?

Azaouagh: Mit ihm hatte ich nie ein Problem. Wir haben zum Ende des letzten Jahres mehrere Gespräche geführt, die von Respekt geprägt waren und in denen er mir meine Perspektiven aufgezeigt hat. Das alles gefiel mir sehr gut. Er ist geradlinig, das ist mir wichtig.

SPOX: Funkel hat einige Talente aus der früher wenig beachteten zweiten Mannschaft hochgezogen und ins Profiteam integriert, wie etwa Kevin Vogt und Matthias Ostrzolek. Ein entscheidender Faktor für die Aufholjagd?

Azaouagh: Mittlerweile gibt es in der Mannschaft eine gute Mischung aus Routiniers und Talenten, so muss es sein. Die Leistungen der letzten Wochen beweisen, dass der Verein den richtigen Kurs eingeschlagen hat.

SPOX: Erwarten Sie, wieder in den Fokus der marokkanischen Nationalmannschaft zu rücken, sollte Bochum weiter so erfolgreich sein?

Azaouagh: Der Kontakt zum marokkanischen Verband ist im Sommer leider eingeschlafen. Aber ich nehme an, dass sie sich zeitnah bei mir melden werden, wenn ich meine Form halte. Es ist wohl nicht von Nachteil, dass sich der neue Nationaltrainer Erik Gerets in Deutschland auskennt und hoffentlich die erste und zweite Liga genau beobachtet. Es ist nach wie vor mein großer Traum, irgendwann das Trikot meines Heimatlandes überzustreifen und für Marokko aufzulaufen. Es ist schwer, in Worte zu fassen, was für eine große Ehre es für mich wäre.

Ein Frankfurter Marokkaner: Mimoun Azaouagh im Interview

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