"Kritiker sollen meine Statistik lesen"

Von Interview: Thomas Gaber
Sonntag, 09.01.2011 | 23:30 Uhr
Gomez erzielte in der Hinrunde 20 Tore - 12 in der Bundesliga, 6 in der Champions League, 2 im Pokal
© Getty
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Mario Gomez blickt auf ein turbulentes Jahr im Trikot des FC Bayern München zurück. In der vergangenen Saison schon fast als gescheitert abgestempelt, drehte er in der abgelaufenen Hinrunde auf. Im SPOX-Interview spricht Gomez über seinen Werdegang, das Verhältnis zu Trainer Louis van Gaal und über Vergleiche mit Edin Dzeko. Außerdem hat er eine deutliche Meinung zur WM in Katar.

SPOX: Mario Gomez, wie lief die Woche in Doha für Sie?

Mario Gomez: Sehr gut. Mir war klar, dass ich mich nach dem Muskelfaserriss in der Wade langsam wieder rantasten muss. Aber es wird von Tag zu Tag besser. Ich habe im läuferischen Bereich alles gemacht, was möglich ist und jetzt kommt noch der Ball dazu.

SPOX: Hatten Sie Glück im Unglück, dass Sie sich im letzten Spiel der Hinrunde verletzt haben und Zeit hatten, die Verletzung auszukurieren?

Gomez: Eine Verletzung kommt nie zum richtigen Zeitpunkt. Ich bin aber in dem Pokalspiel in Stuttgart rechtzeitig rausgegangen, bevor es schlimmer wurde.

SPOX: Aber davor haben Sie noch schnell ein Tor gemacht gegen ihren Ex-Klub.

Gomez: Da ging's noch. Aber ich habe schon beim Warmmachen gespürt, dass es in der Wade zieht.

SPOX: Haben Ihnen die Pfiffe in Stuttgart eigentlich weh getan?

Gomez: Nein. Wenn ein Spieler, der beim VfB erfolgreich war, zu Bayern geht, ist das normal. Das wäre Sami Khedira oder Cacau auch so gegangen. Es gibt eben eine große Rivalität zwischen Stuttgart und Bayern. Bayern ist nun mal der beste Klub in Deutschland. Ich wollte mich verbessern, deswegen habe ich mich für Bayern entschieden. Darauf bin ich stolz und dann ist es mir auch egal, wenn mich ein paar Anhänger beschimpfen, nachdem sie mich jahrelang gefeiert haben. Das machen sie beim nächsten, der zu Bayern geht, auch wieder.

SPOX: Ihr Jubel nach dem ersten Tor beim Liga-Sieg in Stuttgart war aber eher verhalten.

Gomez: Ich habe mich gefreut, wollte aber niemanden provozieren. Nachdem ich weiter beschimpft und ausgepfiffen wurde, habe ich mich dann doch entschieden, die nächsten Tore zu feiern. Ich hatte eine schöne Zeit in Stuttgart, aber das ist Vergangenheit.

SPOX: Fühlen Sie sich mittlerweile von den Bayern-Fans akzeptiert?

Gomez: Ich muss niemandem etwas beweisen. Meine Kritiker sollen sich meine Vita der letzten Jahre anschauen und meine Statistik lesen. Ich weiß, dass es eine sehr gute Statistik ist. Für mich ist es wichtig, die Bayern-Fans auf meine Seite zu kriegen. Ich denke, das ist mir gelungen. Ich habe den Fans gezeigt, dass ich mit Herz und Seele Bayern-Spieler bin und ich alles für den Verein tue. Dass ich auch gegen meinen Ex-Verein Tore schießen will.

SPOX: Spüren Sie die gesteigerte Wertschätzung auch von Seiten des Vereins? Der Vorstand hat Sie ja im Sommer nicht gehen lassen.

Gomez: Ja. Für mich war das erste Jahr bei Bayern unbefriedigend. Es macht keinen Spaß, wenn man fast sechs Monate nicht spielt und nur ab und zu eingewechselt wird. Ich bin nicht Fußballer geworden, weil man viel Geld verdienen kann, sondern weil es mir Spaß macht. Ich habe aber nur Spaß, wenn ich regelmäßig spiele. Ich war vor dieser Saison Stürmer Nummer vier und fühlte mich zu gut für die Bank. Deshalb habe ich die Initiative ergriffen und nach Lösungen gesucht. Ich wollte mich ein Jahr ausleihen lassen, um anschließend mit mehr Selbstvertrauen einen neuen Anlauf bei Bayern zu nehmen. Der Verein hat das abgelehnt.

SPOX: Waren Sie enttäuscht?

Gomez: Überhaupt nicht. Der Verein hat mir ja weiterhin vertraut. Ich habe auf den Tag hingearbeitet, an dem ich wieder spiele, habe im Training noch mehr Gas gegeben. In der Hinrunde habe ich davon profitiert, habe mich körperlich sehr gut gefühlt und viele Tore geschossen. Ich habe in den wichtigen Spielen das abgerufen, was der Verein von mir verlangt. Es war immer mein Traum, mich bei Bayern München durchzusetzen und als Stammspieler mit Toren zum Erfolg beizutragen.

SPOX: Haben Sie aus der Zeit, in der Sie viel auf der Bank saßen, etwas gelernt?

Gomez: Ja. Wenn man als Stürmer jedes Mal nur zehn Minuten Zeit hat, kann man nicht vorne rumstehen und lauern. Ich wollte alles erzwingen und dann wurde alles noch schlechter. Aber das ist menschlich. Wenn man nicht viel Zeit hat, den Trainer zu überzeugen, dass man in die Mannschaft gehört, verkrampft man. Ich habe gelernt, ruhiger zu bleiben. Beim Champions-League-Spiel in Rom habe ich in der ersten halben Stunde keinen Ball gesehen. Ich bin aber nicht verrückt geworden und an der Eckfahne rumgeturnt, um irgendwie mal an den Ball zu kommen. Ich bin ruhig geblieben und habe die ersten beiden Chancen gleich verwertet.

SPOX: Inwieweit hat Ihnen Louis van Gaal geholfen, so selbstbewusst auftreten zu können?

Gomez: Ich musste mich, wie alle anderen Spieler, erst mal an ihn gewöhnen. Er ist ein ganz spezieller Trainer. Das Verhältnis zwischen uns war aber immer gut. Wir hatten viele Diskussionen. Ich wollte immer wieder wissen, warum ich nicht spiele. Der Trainer war immer fair zu mir. Er hat mir ehrlich seine Meinung gesagt.

SPOX: Was macht ihn so speziell?

Gomez: Mir gefällt seine direkte Art. Normalerweise kommen nur die Spieler mit dem Trainer aus, die regelmäßig spielen. Das ist bei van Gaal anders. Aber das wichtigste ist, wie man trainiert und sich auf die Spiele vorbereitet. Ich habe schon viele Trainer gehabt. Van Gaals Training ist das beste, das ich als Fußballer bislang erlebt habe.

SPOX: Haben Sie trotz Ihrer vielen Tore ein Fläschchen aufgemacht nach Edin Dzekos Wechsel zu Manchester City?

Gomez: (lacht) Nein. Ich hätte keine Angst vor ihm gehabt, wenn er zu Bayern gekommen wäre. Ich sehe mich mit Edin auf einer Stufe. Andere vielleicht nicht, ich schon. Ich wünsche ihm in Manchester alles Gute.

SPOX: Was bedeutet die bevorstehende Rückkehr von Arjen Robben in die erste Elf für Ihr Spiel?  Müssen Sie sich umstellen? Robben schließt Angriffe über seine rechte Seite ja gerne selbst ab.

Gomez: Ich habe mich mittlerweile sehr gut angepasst an das System. Ich habe ganz gut verinnerlicht, was der Trainer von mir verlangt und wie ich mich auf der anspruchsvollen Position als einziger Stürmer zurechtfinde. Ich habe mit vielen verschiedenen Mittelfeldformationen gespielt. Mal war Schweinsteiger auf der Zehn, ein anderes Mal Müller. Ribery hat meine ersten drei Tore vorbereitet. Ich werde auch mit Arjen zurechtkommen und ich freue mich auf das Zusammenspiel mit ihm.

SPOX: Sie sind großer Fan der Primera Division. Haben Sie Ende November den clasico zwischen Barcelona und Real Madrid gesehen?

Gomez: Ja. Ich habe mich entspannt zurückgelegt und mir gedacht: Was für ein geiles Spiel!

SPOX: War die Leistung von Barca in diesem Spiel das Nonplusultra, was es derzeit im Vereinsfußball gibt?

Gomez: Mit Abstand. Ich habe schon viele Fußballspiele gesehen, kann mich aber nicht erinnern, wann eine Mannschaft so perfekt gespielt hat wie Barca in diesen 90 Minuten. Der Gegner hieß immerhin Real Madrid. In der zweiten Halbzeit war das kein Fußball, das war Kunst, da wurde etwas zelebriert.

SPOX: Der FC Bayern verfolgt die gleiche Philosophie wie Barcelona. Kann der FC Bayern einmal das gleiche Niveau erreichen?

Gomez: Barcelona spielt schon einen besonderen Fußball. Aber wir haben bei Bayern München eine sehr gute Basis. Lahm, Müller oder Schweinsteiger haben ihre Verträge ja nicht verlängert, weil München die schönsten Bäume hat. Sie sind bei Bayern groß geworden und sehen, dass es auch hier möglich ist, international erfolgreich zu sein. Für diese Spieler ist Bayern München eine Herzensangelegenheit. Ich bin noch nicht lange da, aber ich weiß, wie grandios dieser Verein ist. Da gibt es auch keinen Grund, diesen Verein zu verlassen. Das haben die genannten Spieler bei ihren Vertragsunterschriften auch gedacht.

SPOX: Sie trainierten in Katar im Winter. Freuen Sie sich schon auf die WM 2022 im Sommer bei 50 Grad?

Gomez: Da spiele ich nicht mehr mit. Da bin ich 37.

SPOX: Was halten Sie von der Entscheidung der FIFA, die WM nach Katar zu vergeben?

Gomez: Wenn man die WM im Winter spielen würde, ist das alles kein Problem. Aber ich kann nicht nachvollziehen, wie man einen Weltklima-Gipfel abhalten kann, bei dem die großen Klima- und Umweltprobleme der Welt diskutiert werden und am gleichen Tag eine WM in ein Land vergibt, dass viel Energie verschwendet, indem es ganze Stadien wegen der Hitze klimatisieren will. Es geht mich nichts an, aber ich halte das für nicht nachvollziehbar.

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