Gladbachs Neuzugang Igor de Camargo im Porträt

Samba-Chef als Erbe von Netzer und Co.

Von Daniel Reimann
Donnerstag, 08.07.2010 | 00:17 Uhr
Für vier Millionen Euro wechselte Igor de Camargo von Standard Lüttich zu Bor. Mönchengladbach
© Imago
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Igor de Camargo trifft bei Borussia Mönchengladbach auf viele alte Freunde. Dante und Co. sollen ihm helfen, das traditionsreiche Erbe von Netzer und Effenberg anzutreten. Er selbst will "Geschichte schreiben" - und mit Gladbach in die Europa League. Das neue Sturmduo steht bereits fest, doch der Konkurrenzkampf mit einem anderen Neuzugang birgt Konfliktpotenzial.

You'll never walk alone. Kein Abschied ist für immer. Gute Freunde kann niemand trennen. Immer wieder bestätigt der Fußball seine Binsenweisheiten - doch dass sich die brasilianischen Freunde Dante und Igor de Camargo so schnell beim selben Klub wiederfinden, hätten sie wohl selbst nicht erwartet.

Am 21.12.2008 spielten beide zum letzten Mal gemeinsam für Standard Lüttich. Beim 2:1 gegen KAA Gent blieb de Camargo weitgehend blass, Dante hingegen erzielte das entscheidende Siegtor per direkten Freistoß - und verabschiedete sich anschließend zur Winterpause in Richtung Mönchengladbach.

Ein Jahr und vier Monate später unterschrieb auch de Camargo einen Vierjahresvertrag bei der Borussia und ist nun wieder mit seinem alten Kumpel aus Lüttich-Zeiten vereint. Und der 27-Jährige triff in Gladbach noch auf mehr alte Bekannte.

"Mit Filip Daems habe ich in der Nationalmannschaft gespielt, mit Logan Bailly in Genk und bei Heusden-Zolder", erzählte de Camargo fröhlich bei seinem Amtsantritt.

Als Bailly noch in der C-Jugend kickte

Als der 17-jährige Igor de Camargo im Sommer 2000 vom brasilianischen Verein Estrela FC den Schritt nach Europa wagte, spielte jener Bailly noch in der C-Jugend von Standard Lüttich. Camargo zog es zum RC Genk, doch der Durchbruch gelang ihm erst drei Jahre später.

In der Saison 2003/2004 traf der Brasilianer zehn Mal in 32 Spielen für Heusden-Zolder, die großen Klubs der belgischen Jupiler League wurden auf ihn aufmerksam. Zunächst sicherte sich der FC Brüssel seine Dienste, schließlich der zehnfache Meister Standard Lüttich.

Spätestens mit den drei Treffern in der vergangenen Europa-League-Saison weckte de Camargo auch international Interesse. Gladbach machte das Rennen um den Brasilianer mit belgischer Staatsbürgerschaft und setzte sich unter anderem gegen Twente Enschede und PAOK Saloniki durch.

Erbe von Netzer und Effenberg

Bei der Borussia angekommen, tritt de Camargo ein traditionsreiches Erbe an: Er wird mit der geschichtsträchtigen Nummer zehn auflaufen, die schon den Rücken von Günther Netzer und Stefan Effenberg zierte. Zudem ist er bislang mit einer Ablöse von gut vier Millionen Euro der zweitteuerste Neuzugang der Sommerpause.

Um seinem schwierigen Auftrag gerecht zu werden, schiebt er sogar Extra-Schichten. Fünf Tage vor dem Trainingsauftakt der Borussia drehte er bereits seine Runden auf dem Übungsgelände.

Zugunsten der Fitness verzichtete er auf eine knappe Woche Zusatz-Urlaub: "Weil die Saison in Lüttich eine Woche eher als die Bundesliga beendet war, fange ich früher an", so seine Erklärung.

Hilfestellung für das Sprachgenie

Doch nicht nur aufgrund der vorbildichen Einstellung dürfte seine Eingliederung in die Mannschaft problemlos verlaufen: Die meisten Neuzugänge aus dem Ausland wurden zuletzt bei Gladbach rasch integriert und etablierten sich als Leistungsträger. Sei es Logan Bailly, Juan Arango, Raul Bobadilla oder Dante.

Jener Dante, de Camargos alter Kumpel, will dem Neuling nun zur Seite stehen: "Für ihn ist die Liga neu. Ich werde Igor helfen, so wie ich Raul Bobadilla unterstützt habe, als er frisch aus Zürich kam", versprach der 26-Jährige.

Ob mit Hilfestellung oder ohne: De Camargo fiel die Einbindung in ein Mannschaftsgefüge schon immer leicht. So lernte der Brasilianer bei seinem Wechsel nach Europa sofort die erforderliche Sprache. Mittlerweile spricht er neben portugiesisch auch spanisch, englisch, holländisch und italienisch.

Bei der Borussia soll de Camargo nun gemeinsam mit Neuzugang Bamba Anderson und Dante für gute Laune sorgen. Letzterer kündigte bereits grinsend an: "Wir Brasilianer bringen Spaß und Samba in den Teambus." Laut Dante hat sich de Camargo in dieser Hierarchie bereits an die Spitze gesetzt: "Er ist der Samba-Chef."

Das Sturmduo steht - wohin mit Idrissou?

Sportlich fällt die Einordnung auch nicht weiter schwer. Der Vier-Millionen-Mann soll Verantwortung übernehmen, er wird wohl das Sturmduo mit Bobadilla bilden.

Am besten kann de Camargo seine Stärken als hängende Spitze unter Beweis stellen. Den tödlichen Pass spielt er intuitiv, ist mit Distanzschüssen brandgefährlich. Hier kommt ihm auch seine Beidfüßigkeit zugute. Zudem gönnt sich der Brasilianer keine langen Pausen, er zeichnet sich durch stetige Präsenz aus, ackert über 90 Minuten und erledigt auch gerne mal die anfallende Drecksarbeit.

Bleibt allerdings die Frage: Wohin mit Neuzugang Mohamadou Idrissou? Mit drei Stürmern wird Gladbach wohl nicht auflaufen, selbst dann erhielte noch Marco Reus den Vorzug. Der treibt sonst im offensiven Mittelfeld gemeinsam mit Juan Arango sein Unwesen.

Die Einordnung von Hitzkopf Idrissou könnte zum Problem werden, hatte er doch in der vergangenen Saison noch hochmütig gegenüber Freiburger Mitspielern angekündigt, er spiele im kommenden Jahr in der Champions League.

Mit Gladbach in die Europa League

Gladbach in der Champions League? Das wäre selbst für kühne Träumer ein wenig hoch gegriffen. Doch de Camargo spuckt schonmal große Töne: "Schon bevor ich unterschrieben habe, fragte ich Dante, warum ein Team mit so guten Spielern nur auf Platz zwölf steht. Ich bin hier, um Borussia auf ein besseres Niveau zu heben."

Und Abwehrchef Dante setzt noch einen drauf: "Ich bin es leid, Europapokal nur im Fernsehen zu gucken. Da will ich mit Gladbach selbst hin!" Ob Coach Michael Frontzeck solch optimistische Ansagen gerne hört? Er gab als Saisonziel lediglich einen Platz im "sicheren Mittelfeld" aus.

Andererseits spricht die Transferbilanz der letzten Jahre eine deutliche Sprache. Verrechnet man die eingenommenen und gezahlten Ablösesummen der vergangenen drei Jahre, steht die Borussia bei einem geschätzten Minus von 17 Millionen Euro.

Viel Geld für einen Platz im sicheren Mittelfeld. Den Optimismus von Igor Albert Rink de Camargo, wie er mit vollem Namen heißt, kann das jedenfalls nicht trüben: "Es wäre toll, bei Gladbach Geschichte zu schreiben."

Gladbach in der Sommerpause: Transfers, Testspiele, Trainingslager

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