Hamburger SV: So tickt der Labbadia-Erbe Ricardo Moniz

Auf den Spuren des Gurus

Von Stefan Moser/Benny Semmler/Anant Agarwala
Dienstag, 27.04.2010 | 20:30 Uhr
Ricardo Moniz wurde 2008 unter Martin Jol als Techniktrainer verpflichtet
© Getty
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Nun soll der Technik-Trainer Geschichte schreiben? Die HSV-Fans sind skeptisch. Dabei hat Ricardo Moniz nicht nur Feuer - sondern ein bewegtes Trainerleben. Und eigene Ideen.

"Fantastischer Pass! Das ist der beste Ball!" Ein braungebrannter Mittvierziger mit krausen schwarzen Locken springt Beifall klatschend über einen Nebenplatz der HSH-Nordbank-Arena. Wie ein Schiedsrichter beobachtet er gespannt und aufmerksam jede Aktion, trippelt mit leicht gebeugten Knien am Spielfeld entlang und ist immer auf Ballhöhe.

Plötzlich unterbricht er gestenreich das Trainingsspiel. Er ist unzufrieden - und auch das teilt er sehr deutlich mit. Er will, dass die Bälle im Mittelfeld sofort direkt gespielt werden. Ze Roberto und David Jarolim sollen die Seiten viel schneller verlagern. Wieder klatscht er aufmunternd in die Hände, das Spiel geht weiter: "Ja, genau so, Jaro! Das ist der beste Ball!"

Es ist Dienstagmorgen in Hamburg, der Tag nach der Entlassung von Bruno Labbadia. Ricardo Moniz leitet zum ersten Mal offiziell das Training der HSV-Profis. "Für mich ist das ein schwieriger Moment", gibt der 45-Jährige offen zu.

Moinz wollte Labbadia nicht in den Rücken fallen

Seine bislang einzige Erfahrung in der Rolle als Chef ist die Zeit als U-19-Trainer in seiner niederländischen Heimat beim PSV Eindhoven. Doch nach "diesem dramatischen Tag" steht er nun plötzlich voll im Rampenlicht.

Zudem machte er sich zunächst Sorgen, er könnte dem "großen Menschen und Trainer" Labbadia womöglich in den Rücken fallen, wenn er nun unmittelbar dessen Erbe antritt: "Mir war sehr wichtig, zunächst mit Bruno zu sprechen. Er hat gesagt, dass es jetzt nur noch um die Mannschaft geht." Nach kurzem Zögern nahm Moniz also die Herausforderung an.

Nun hat er keine Zeit mehr zu verlieren. Am Donnerstag wartet Fulham, das Halbfinal-Rückspiel der Europa League und der Traum vom Endspiel im eigenen Stadion am 12. Mai. Im Laufschritt stellt Moniz also die Hütchen auf, gibt lautstark Kommandos und fordert immer wieder Tempo und Konzentration von den Spielern.

Mladen Petric schwärmt vom "Fußballverrückten"

Er klatscht viel, er schreit, lobt und tadelt - alles mit einer ungeheuren Intensität. Man sieht: Der Mann ist fast noch mehr Spieler als Trainer, in jeden Fall aber: ein Fußballer durch und durch. Und man ahnt, weshalb der Niederländer bei den Spielern so beliebt ist. Ein gewinnender Typ. Voller Begeisterung.

"Er ist ein Fußballverrückter. Einer, der immer alles gibt auf dem Platz, in jeder Ansprache. In jedem Millimeter von ihm stecken 100 Prozent Fußball", schwärmt Mladen Petric: "Er versucht, Kleinigkeiten aufzuzeigen. Was ihm wichtig ist, ist die hundertprozentige Konzentration auf die Übung. Er möchte, dass der erste Ball direkt nach vorne gespielt wird und dass das Engagement im Training hoch ist."

Petric kennt den Interimscoach schon seit seiner Zeit bei den Grasshopper Zürich (1999-2004). Auch dort war Moniz, ähnlich wie später beim HSV, als Techniktrainer im Betreuerstab. In den Niederlanden hatte er sich zuvor bereits einen Namen als "Skill Coach" im Nachwuchsbereich gemacht.

Moniz zunächst Schüler von Trainer-Guru Coerver

Nachdem er seine aktive Karriere als Mittelfeldstratege in der ersten und zweiten holländischen Liga schon im Alter von 29 Jahren aufgrund chronisch gewordener Probleme mit der Achillessehne beenden musste, studierte er zunächst Physiotherapie in Utrecht und begann, sich intensiv mit der Trainingsmethode des niederländischen Trainer-Gurus Wiel Coerver auseinanderzusetzen.

Coerver machte in den späten 70ern ein neues Konzept der Jugendausbildung europaweit bekannt, das auf einem ganzheitlichen Fokus auf den Charakter der Spieler beruht sowie auf der Idee, ein Fußballspiel sei im Grunde eine Aneinanderreihung von Eins-gegen-eins-Situationen. Ballbeherrschung, individuelle Technik und Handlungsschnelligkeit seien demnach die wichtigsten Faktoren. Und praktisch jeder könne sie lernen - wenn er richtig geschult wird.

In den Niederlanden wurde Coervers Philosophie schnell zur Lehrmeinung, und bald eroberten seine eigens entwickelten Übungen auch Nachwuchsakademien in ganz Europa. Manchester Uniteds langjähriger Jugendkoordinator Rene Meulensteen etwa war einer von zwei Adepten, die Coerver selbst ausbildete.

Coerver-Methoden weiterentwickelt

Der andere war Ricardo Moniz. Um die Methode weiterzuentwickeln, folgte er seinem Lehrer sogar in die Vereinigten Arabischen Emirate. "Anfangs begegnete mir Coerver distanziert, weil viele Leute zuvor versucht hatten, ihn und seine Arbeit zu kopieren", erinnerte sich Moniz kürzlich in einem Interview mit "Fußball Hamburg": "Bei mir merkte er jedoch rasch, dass ich eine eigene Interpretation der Methodik hatte und Dinge von mir selbst aus entwickelt hatte."

Vor allem im taktischen und physischen Bereich ging Moniz eigene Wege - und hatte damit Erfolg. Nach Stationen in den Niederlanden und der Schweiz landete er schließlich als Co-Trainer von Martin Jol bei Tottenham Hotspur. Gemeinsam mit seinem Chef ging er anschließend nach Hamburg.

Auch an der Elbe kam er schnell gut an, als Trainer und als Typ. Auch wenn er als Co-Trainer noch regelmäßig selbst an den Trainerspielen teilnahm - und dabei durch eine durchaus robuste Zweikampfführung für Aufsehen sorgte.

Engagement für 17 Tage

"Einige Spieler sind schon erschrocken, wenn er mal einen umgehauen hat", erzählt Petric: "Aber ich kenne ihn schon seit zehn Jahren, ich bin das von Ricardo gewohnt. Er weiß genau, was er macht und wen er mal umhauen muss, um denjenigen zu kitzeln."

Doch die Zeit der wüsten Grätschen ist nun ohnehin vorbei. Als Cheftrainer beobachtet er nunmehr die Trainingsspiele - auch wenn er dabei kaum weniger Einsatz zeigt als seine Spieler. Denn unübersehbar ist Moniz mit vollem Eifer bei der Sache. Und das, obwohl sein Engagement wohl schon nach 17 Tagen wieder beendet sein wird.

Dass der Feuerwehrmann auch über die Saison hinaus als Cheftrainer in Hamburg arbeiten wird, gilt als extrem unwahrscheinlich. Zumal Moniz wohl bereits bei Dietmar Beiersdorfer im Wort steht. Er soll bei Red Bull Salzburg Headcoach und Chefausbilder werden.

"Zu 200 Prozent HSVer"

Doch soweit denkt der 45-Jährige im Moment gar nicht. "Ich bin zu 200 Prozent HSVer", versicherte er bei seinem Amtsantritt. Für ihn zählt bis auf weiteres nur Donnerstag. Es zählt nur Fulham - und nur das Finale im eigenen Stadion.

Viele Fans sind zwar skeptisch. Für sie ist Moniz der Techniktrainer, der nun mal eben schnell Geschichte schreiben soll. Mit zwei Tagen Vorbereitung.  Doch was sollte ein Optimist wie Moniz zum Abschluss anderes sagen: "Ich bin felsenfest überzeugt, dass wir den Schalter umlegen!"

Hintergründe zum Rauswurf von Bruno Labbadia

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