Bruno Labbadia: Der halbe Trainer

Von Stefan Moser
Montag, 26.04.2010 | 19:07 Uhr
Abpfiff für Bruno Labbadia: Nach zehn Monaten ist Schluss beim HSV
© Getty
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Bruno Labbadia überzeugte als Taktiker - und fiel als Anführer gnadenlos durch. Doch damit scheiterte nicht nur ein Shootingstar der Trainerszene. Auch Mannschaft und Vorstand sind für die Krise verantwortlich.

Prozente! Über nichts spricht HSV-Vorstand Bernd Hoffmann lieber als über Prozente. Also tat er es auch am Montagmittag, als er die Presse darüber informierte, dass Techniktrainer Ricardo Moniz ab sofort die Aufgaben des entlassenen Bruno Labbadia übernehmen wird: "Wir glauben, dass er die verschütt gegangenen Prozente wieder herauskitzeln kann."

In etwa das Gleiche sagte er auch vor knapp elf Monaten. Damals saß er auf demselben Podium - und präsentierte Bruno Labbadia: "Er bringt das Maß an Leidenschaft mit, das notwendig ist, um fünf Prozent mehr zu geben."

Die Rede von Prozenten zog sich schließlich durch die ganze Saison, zuletzt kam er nach dem erschreckend faden Heimspiel gegen Mainz darauf zu sprechen. Der Mannschaft hätten 10 bis 15 Prozent an Leistungswillen gefehlt, sagte Hoffmann. Und spätestens da mussten die Beobachter damit rechnen, dass Labbadias Zeit abgelaufen war.

"Potential nicht ausgeschöpft"

Denn nichts ärgert den 47-Jährigen mehr als fehlende Prozente. Dahinter steckt seine Überzeugung, der HSV habe einen weit überdurchschnittlich talentierten Kader, scheitert aber immer wieder an den (traditionell hohen) Ansprüchen, weil er nicht gern an die Leistungsgrenze geht und folglich sein "Potential nicht ausschöpft". Eine weitere Lieblingsformulierung von Hoffmann.

Fünf Trainer in fünf Jahren und die immer wieder extremen Leistungsschwankungen im Verlauf einer Saison hatten ihn zu dieser Diagnose gebracht, nun sollte Bruno Labbadia die Heilmittel bereitstellen. Die Wahl schien nachvollziehbar, schließlich hatte sich der Shootingstar der Szene bereits einen Namen als "besessener" Vollblut-Trainer gemacht, der totale Hingabe fordert und vorlebt.

Labbadia las Psychologie-Bücher, arbeitete mit Mentaltrainern und sammelte sich ein Wissen aus der Motivationslehre an, das ihn Dinge sagen ließ wie: "Der wichtigste Antrieb des Menschen ist sein Ego." Kurzum: Er schien der richtige Mann zu sein, um der leicht naiven und lethargischen Truppe von Hochbegabten eine professionelle Haltung zu ihrem Beruf einzubläuen. Eine Fehleinschätzung.

Labbadia büßt Glaubwürdigkeit ein

Im ersten Drittel der Saison überzeugte Labbadia zwar sehr wohl als Taktiker: Er bestätigte seinen Ruf als moderner Handschriftentrainer, der ein klares und stimmiges Konzept von offensivem Power-Fußball auf die Mannschaft übertrug. Als dann aber die Verletztenmisere über Hamburg hereinbrach, fiel er ausgerechnet als Anführer und Motivator durch.

Sein Krisen-Management schien zu unflexibel, sein öffentliches Auftreten - zumindest zwischen den Zeilen - zu weich. Im Modedeutsch der Coaching-Ratgeber versicherte Labbadia zwar stets, jedes Problem sei "eine Herausforderung", der er sich "mit Freude" stelle; dennoch versäumte er nicht, immer wieder darauf hinzuweisen, was er und sein Team "alles durchgemacht" hätten.

Vor allem aber reagierte er auf Kritik aus den Medien, indem er den Schwarzen Peter an seine Spieler weitergab. Boateng hätte seine Verletzung besser einschätzen müssen und van Nistelrooy mehr laufen sollen; Petric habe schlampig mit ihm und den Ärzten kommuniziert, Elia seine Rolle auf rechts nicht akzeptiert, etc. Alles vermeintlich unbedeutende Nebengeräusche - in der Summe aber eine Tendenz, die die Spieler aufnahmen und als Botschaft registrierten: Sein Ego steht an erster Stelle.

So verlor der Trainer sukzessive an Glaubwürdigkeit und Autorität, was Labbadia wiederum durch kleinlich wirkende Scharmützel in der Öffentlichkeit kompensierte. Hier eine Ohrfeige für Trochowski, dort ein Rüffel für Ze Roberto und schließlich der bizarre Zoff um Frank Rosts Kinobesuch.

Keine Chance auf Good Cop, Bad Cop

Die Profis freilich reagierten nicht weniger eitel, beschwerten sich in Interviews über "mangelnde Wertschätzung" (Trochowski), verlängerten ihren Urlaub (Ze Roberto) oder traten aus dem Mannschaftsrat zurück (Rost). Innerhalb kürzester Zeit hatte Labbadia mehr oder weniger offenen Streit mit allen Schlüsselfiguren. Führungsspieler und Trainer demontierten sich gegenseitig und die Mannschaft flog auseinander.

Eine Dynamik, die Bruno Labbadia schon aus Leverkusen kennt, auch dort eskalierte ein Streit mit der Mannschaft. Innerhalb von nur 12 Monaten gelang dem 43-Jährigen also das beachtliche Kunststück, zwei Dutzend Spieler gegen sich aufzubringen.

In Hamburg kam erschwerend dazu, dass Labbadia nach dem Abschied von Dietmar Beiersdorfer keinen sportlich glaubwürdigen Partner in der Führungshierarchie mehr hatte, der ihm moderierend oder autoritär zu Seite stand.

Die meisten Auseinandersetzungen mit seinen Spielern gehörten eigentlich in den Zuständigkeitsbereich eines Sportdirektors. Und  wenn dieser die Mannschaft kritisiert, rückt sie in der Regel näher mit dem Trainer zusammen. "Good Cop, Bad Cop" ist in der Bundesliga eine beliebte Aufgabenteilung zwischen Trainer und Sportchef. Ein Model, das Labbadia nicht zur Verfügung hatte.

Hoffmann droht mit weiteren Rauswürfen

Auch daraus muss der Hamburger SV nun seine Lehren ziehen. Womöglich könnte Hoffmann neben dem Supervisor Urs Siegenthaler noch einen "starken Mann" in den Führungsgremien installieren.

Vor allem aber wird dem HSV im Sommer wohl ein personeller Umbruch ins Haus stehen. Boateng hat sich bereits verabschiedet, Ze Roberto steht weiter mit New York in Verbindung, Trochowski scheint nicht mehr erwünscht, Dennis Aogo flirtet mit Milan - und Hoffmann wirkt entschlossen, weitere Spieler in die Wüste zu schicken.

"Jeder einzelne, der bei diesem Spiel Teil dieser Mannschaft war, hat sich mit dieser Leistung selbst geschadet", sagte der HSV-Boss am Sonntag unter dem Eindruck der 1:5-Niederlage in Hoffenheim. Vermutlich mehr als eine Drohgebärde. Denn nicht nur Labbadia ist gescheitert, sondern auch die Mannschaft.

Moniz soll's richten

Anders als der Trainer hat die allerdings noch die Gelegenheit zur Wiedergutmachung. Der Patient hängt am Tropf, doch noch immer ist der Traum vom Europa-League-Triumph im eigenen Stadion am Leben. Um ihn zu retten, zog Hoffmann am Montag die berühmte Reißleine: "Es war der letzte Zeitpunkt, um zu reagieren, um das Ziel Europa League nicht zu gefährden."

Am Donnerstag steigt das Halbfinal-Rückspiel in London beim FC Fulham. Und bis dahin betreut nun also Ricardo Moniz die Mannschaft. Der Niederländer ist sehr beliebt bei den Spielern, er gilt außerdem als großer Motivator. Auf den ersten Blick zumindest der richtige Mann, um die fehlenden Prozente aufzuspüren.

HSV trennt sich von Labbadia

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