Der HSV kämpft um Platz fünf

Hamburg und die Suche nach dem Leader

Von Stefan Moser
Dienstag, 23.03.2010 | 10:40 Uhr
Der Hamburger SV hat nur drei der letzten zehn Bundesliga-Spiele gewonnen
© Getty
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Einige der größten Talente Deutschlands spielen beim Hamburger SV, doch sie bleiben immer wieder hinter den Erwartungen zurück. Es fehlt traditionell an Kontinuität und starken Persönlichkeiten - und zwar schon lange. Nun soll Ruud van Nistelrooy helfen.

Halbzeit-Pause in Hamburg. Bernd Hoffmann schüttelte den Kopf und legte seine Stirn in Falten. Der Vorstandsvorsitzende des HSV hatte fürs Fernsehen gerade einige individuelle Fehler kommentiert, die seinen Angestellten in der ersten Hälfte gegen Schalke unterlaufen waren.  "Das darf auf unserem Niveau eigentlich nicht passieren. Für den Augenblick tröste ich mich aber damit, dass wir noch mit 1:0 führen", lautete sein vorläufiges Fazit. Für den Augenblick.

Ein paar Augenblicke später stand es freilich 2:2. Wieder einmal hatte Hamburg eine Führung nicht über die Zeit gebracht, und zum ersten Mal seit dem 2. Spieltag fiel die Mannschaft damit aus den Top Fünf der Bundesliga. Die vorher eher latente Bedrohung, das Minimalziel "Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb" zu verfehlen,  ist nun also in der Tabelle manifestiert.

Schwache Rückrunden haben Tradition

Dass der HSV in der zweiten Halbzeit neben viel Hektik auch fußballerische Qualitäten und Kampfgeist an den Tag legte, dürfte für Hoffmann entsprechend nur ein schwacher Trost gewesen sein. Ihn ärgerte vielmehr die Tendenz: "Es ist in Hamburg leider zu einer Tradition geworden, dass wir in der Rückrunde durchhängen."

Der Kampf gegen diese Tradition ist für den 47-Jährigen absolute Chefsache. Seit dem "Trauma" (Hoffmann) aus dem Mai 2009, als der HSV innerhalb von 19 Tagen fast eine komplette Saison in den Sand setzte, ist es auch eine sehr persönliche Angelegenheit.

"Wir haben in den letzten Jahren hier vieles aufgebaut, und dann in den entscheidenden Phasen immer wieder gepatzt. Das ist auch eine Mentalitätsfrage", sagte Hoffmann damals.

Spielern fehlt die Bezugsperson

Tatsächlich zeigt der unbestritten talentierte Kader schon seit einigen Jahren immer wieder sein enormes Potential, verliert aber im entscheidenden Moment entweder die Lust oder die Nerven und bleibt am Ende hinter den Erwartungen zurück. Manchmal sind es individuelle Fehler und Unkonzentriertheiten, die wichtige Punkte kosten, manchmal fehlt einfach die letzte Entschlossenheit und Konsequenz.

Die Entwicklungspsychologie nennt Hochbegabte, die ihr Potential nicht ausschöpfen, "Underachiever". Eine gängige Erklärung für das Phänomen ist die fehlende Vaterfigur: Eine Bezugsperson, die vorhandene Anlagen auf konkrete Ziele hin orientiert und durch ihre eigene Kontinuität für Konstanz, Beharrlichkeit und Selbstvertrauen sorgt. Genau jene Sekundärtugenden, die der Mannschaft des HSV offenbar fehlen.

Trochowski ist ein klassischer "Underachiever"

Tatsächlich mangelt es in der Hierarchie des Hamburger Teamgefüges auch erheblich an Kontinuität. Ein Spieler wie Piotr Trochowski - mittlerweile fast eine klassischer "Underachiever" - hat in den letzten fünf Jahren fünf Trainer erlebt: Jeder stellte ihn auf eine andere Position, jeder hatte andere Erwartungen. Bruno Labbadia schließlich schickte ihn auf die rechte Außenbahn, wo einer der begabtesten deutschen Mittelfeldspieler schließlich seinen Stammplatz an den biederen, aber fleißigen Tunay Torun verlor.

Abgesehen von den häufigen Trainerwechseln (Klaus Toppmöller und Thomas Doll wurden entlassen, Huub Stevens und Martin Jol gingen auf eigenen Wunsch) bildete sich auch innerhalb der Mannschaft kaum eine stabile Hierarchie. Mit Daniel van Buyten, Tomas Ujfalusi, Sergej Barbarez oder Rafael van der Vaart verließen Jahr für Jahr wichtige Führungsfiguren den Verein, die nachrückenden Spieler konnten oder wollten ihre Rolle nicht ausfüllen.

Hamburg fehlt ein Leader

Dadurch ist das Gesamtgefüge merkwürdig instabil. Manchmal wirkt die Mannschaft euphorisch und verspielt, gleichzeitig aber zu naiv, um die Ergebnisse einzufahren. Dann wieder erscheinen einige Profis überspannt und egozentrisch - und verkrampfen unter dem Druck der Erwartungen. Auch die erfahrenen Spieler übernehmen dabei zu selten die Führung.

David Jarolim fehlt wohl einfach die nötige Ausstrahlung, Frank Rost flüchtet sich lieber in die sarkastische Plattitüde, er verstehe die "jungen Leute" nicht mehr, und selbst Musterprofi Ze Roberto kommt plötzlich mit Verspätung aus dem Winterurlaub in Brasilien zurück: Den vielzitierten Leader sucht man in Hamburg vergeblich.

Spieler, die notorisch unter ihren Möglichkeiten bleiben, sind dagegen gleich scharenweise am Elbufer gestrandet. Danijel Ljuboja, Emile Mpenza, Ailton, Albert Streit, Benny Lauth oder Timothee Atouba zum Beispiel. Lebende Beweise dafür, dass man als Fußballprofi nicht nur die Beine, sondern auch den Kopf benötigt.

Die Hoffnung ruht auf van Nistelrooy

Die Diskussion über den Charakter der Mannschaft und gruppendynamische Prozesse ist zumindest öffentlich zuletzt fast eingeschlafen. Zum einen drängte die Verletztenmisere alle anderen Probleme in den Hintergrund; zum anderen fokussierte sich die Kritik fast ausschließlich auf Bruno Labbadia als Reizfigur, der - um im Bild zu bleiben - schon zum ungeliebten Stiefvater stilisiert wurde.

Doch die Verantwortlichen sind sich der Problematik durchaus bewusst. Nicht umsonst ging Bernd Hoffmann das für ihn eher untypische Wagnis ein, Ruud van Nistelrooy zu verpflichten. Während ganz Hamburg den Transfer einer Torfabrik feierte, waren die ersten Assoziationen des Klub-Chefs: "Siegermentalität, Titel-Gen und Killerinstinkt". All das sollte der Niederländer in die Mannschaft einbringen.

Und van Nistelrooy stellt sich dieser Aufgabe, er scheint gewillt und in der Lage, sich als Führungsspieler zu etablieren. Mit wachsender Fitness wächst mittlerweile seine Präsenz auf dem Platz. Gegen Schalke erzielte er nebenher auch noch seinen dritten Saisontreffer und lobte hinterher: "Das war unser bestes Spiel, seit ich in Hamburg bin."

Das übrigens sah auch Bernd Hoffmann so - auch wenn er sich am Ende mit nur einem Punkt trösten musste. Zumindest für den Augenblick.

Analyse: Hamburg und Schalke trennen sich unentschieden

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