Wie Hamburg sein Talent verschenkt

Von Stefan Moser
Donnerstag, 11.02.2010 | 14:30 Uhr
Mit fünf Tore immerhin noch zweitgefährlichster Hamburger Schütze: Eljero Elia
© Imago
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Nur ein Sieg im neuen Jahr, sechs Punkte Rückstand auf die Champions League und Werder Bremen wieder im Nacken: Das Talent im Kader des Hamburger SV ist unbestritten, die Mannschaft spielt größtenteils auch ordentlich - und trotzdem fehlen die Ergebnisse. Warum? Zehn Problemfelder beim HSV.

Die Ergebnisse: Abgesehen vom 0:1 in Dortmund waren die Leistungen der Rückrunde keineswegs enttäuschend, trotzdem ist ein Sieg aus den ersten vier Spielen zu wenig. Zu Recht sprechen die Hamburger also von einer "Ergebniskrise" - und die sitzt sogar noch tiefer, als es der aktuelle vierte Platz vermuten lässt. Denn bei Licht betrachtet zehrt der HSV dabei vom Punktepolster aus der Frühphase der Saison: Sechs Siege, zwei Unentschieden, 20 Punkte in den ersten acht Partien. Seit dem 9. Spieltag aber hat Hamburg nur noch drei weitere Spiele gewonnen. In seither 13 Partien nur 16 Punkte: Das ist unteres Mittelmaß, Platz 13 in der virtuellen Tabelle des entsprechenden Zeitraums - oder anders: das Niveau von Mainz, Bochum oder Gladbach.

Die Verletzten: Dennis Aogo, David Jarolim, Joris Mathijsen und Piotr Trochowski: Von 16 potentiellen Stammspielern standen nur vier in allen 21 Partien zur Verfügung. Alle anderen plag(t)en sich immer wieder mit kleineren Blessuren, spielten unter Schmerzen  - oder fielen mit schweren Verletzungen sogar lange aus. Zu Saisonbeginn erwischte es reihum die Verteidiger, dann musste der komplette Sturm daran glauben - und schließlich beendete das Skalpell von Dr. Pascal Rippstein auch den dritten Frühling von Ze Roberto. Und gerade ohne den Brasilianer ist das Spiel nicht nur eindimensionaler auf die Flügel ausgerichtet, es fehlen auch die Mentalität und das Charisma eines viermaligen deutschen Meisters.

Die Standards: "Bei gegnerischen Standards haben wir uns nicht gut präsentiert, bei eigenen müssen wir gefährlicher werden", sagte Labbadia in Köln, nachdem seine Mannschaft gerade die Gegentreffer Nummer sechs und sieben nach ruhenden Bällen geschluckt hatte. Ein zu hoher Wert für eine Spitzenmannschaft. Tore wie der direkte Freistoß von Milivoje Novakovic lassen sich auf Dauer schwer vermeiden, ärgerlich sind aber die zahlreichen Treffer nach Freistoßflanken oder Eckbällen, denn sie sind häufig Zeichen von mangelnder Präsenz, Aggressivität und Konzentration.

Der zweite Stock: Zehn Gegentore durch Kopfbälle - damit ist der HSV in der Luft das schwächste Team der Liga.

Zum Teil ist diese Bilanz einfach eine Art Kollateralschaden der offensiven Denkweise auf Außen. Und der Preis für Elias Brillanz im Angriff sind nun mal (noch) taktische Schwächen in der Arbeit gegen den Ball. Auf beiden Hamburger Flügeln hat der Gegner häufig genügend Raum, um präzise zu flanken.

Dazu kommt immer wieder ein merkwürdig passives Zweikampfverhalten im Strafraum. Selbst Mathijsen präsentiert sich in direkten Kopfballduellen ungewohnt anfällig.

Mit 1,83 Meter ist der Niederländer zwar auch kein ausgemachter Hüne, aber das war er in der abgelaufenen Saison auch nicht - und da kassierte Hamburg insgesamt nur drei Kopfballgegentore. Doch in diesem Jahr verteidigen Mathijsen und Kollegen phasenweise zu lethargisch, reagieren erst auf den Laufweg des Stürmers und kommen den entscheidenden Schritt zu spät. Mögliche Ursache: Fehlende Spritzigkeit - im Kopf oder in den Beinen.

Der Killerinstinkt: "Wir standen in den letzten 15 Minuten zu weit auseinander, hätten das Spiel besser kontrollieren müssen. Das war das Verhalten einer jugendlichen Mannschaft, die noch das vierte, fünfte Tor erzielen will", kommentierte van Nistelrooy die verschenkten Punkte in Köln. Kein Einzelfall: Keine deutsche Mannschaft hat so häufig eine 1:0-Führung verspielt wie der HSV. 15 Mal ging Hamburg in der laufenden Saison in Führung, nur acht Mal stand am Ende auch ein Sieg. Zum Vergleich: Die ebenfalls sehr jungen Schalker münzten 12 ihrer 13 ursprünglichen Führungen auch in einen Dreier um.

Die Schlussphase: Ein artverwandtes Problem - die vielen Last-Minute-Gegentreffer. Die Tore von Schalke (90.), Hannover (88.), Mainz (85.), Gladbach (82.), Bremen (90.) und Köln (88.) kosteten den HSV mittlerweile bereits satte 9 Punkte - im Übrigen genau der Abstand zu Tabellenführer Leverkusen. "Es scheint fast so, als ob uns manchmal zum Spielende die Puste auszugehen droht", sagte Frank Rost in Köln. Kapitän Jarolim monierte schon früher: "Eine Sache der Konzentration."

Die Chancenverwertung: "Wir strahlen Dominanz aus, lassen aber zu viele Chancen liegen", zog Labbadia in Köln einen Strich unter den Rückrunden-Auftakt. Die Zahlen geben ihm Recht - und liefern den nächsten Beleg für den fehlenden Punch der Hamburger. Dass dem Kader das Bayern-Gen fehle, beklagten die Verantwortlichen schon im letzten Jahr. Nicht zuletzt deshalb wurde mit van Nistelrooy ein obsessiver Gewinner geholt.

Das Loch in der Mitte: Wie schon phasenweise in der Hinrunde hat Hamburg plötzlich wieder Lücken im defensiven Zentrum. Das Hauptproblem: Während das Mittelfeld früh aggressiv gegen den Ball hochschiebt, bleibt die Abwehr zu tief stehen. Die Abstände werden zu groß, es entstehen Räume, in denen der Gegner die Bälle gewinnt und gefährlich verarbeitet. Siehe Dortmund, siehe Wolfsburg und siehe Köln, wo mit Mathijsen und Demel die halbe Viererkette vor dem 3:3 progressiv aufrückte, mit Rozehnal und Aogo aber die andere Hälfte fünf Meter dahinter wartete - und die Kollegen im taktischen Niemandsland verhungern ließ. Bei Rozehnal mag das noch immer auf die italienische Schule zurückzuführen sein, in der Regel aber sind solche Fehler ein Zeichen von mangelnder Konzentration oder Verunsicherung.

Die rechte Seite: Ganz Hamburg versichert: Trochowski reißt sich in jedem Training den A**** auf. Allerdings: Im Spiel hängt der 25-Jährige seiner Form aus der letzten Rückrunde meilenweit hinterher, er kommt mit seiner Rolle auf der rechten Außenbahn nicht zu Recht. Auf dem Flügel kommt er nicht zur Grundlinie, in der Mitte nicht mit seinem starken Fuß zum Abschluss, in der Defensive nicht früh genug in die Zweikämpfe. Mittlerweile hat er seinen Stammplatz an Elia verloren, den die starke Form von Marcell Jansen zum Seitenwechsel zwang. Doch auch der Niederländer fühlt sich dort nicht wohl, kommt nicht an die Leistung aus der Hinrunde heran. Allerdings ist Elia auch körperlich noch nicht bei 100 Prozent. Womöglich also löst sich das Problem in absehbarer Zeit von selbst.

Die Stimmung: Die offizielle Zielvorgabe lautet: internationaler Wettbewerb; und dabei ist der HSV noch immer im Soll. Allerdings sind die Ansprüche mittlerweile gestiegen, und die präsidialen Muskelspiele am geöffneten Transferfenster haben die Sehnsüchte im Umfeld zusätzlich geschürt.

Fans und Boulevard wetzen inzwischen bereits vorsichtig die Messer, vor allem Bruno Labbadia bietet als Typ einige Angriffsfläche. Das Stigma des Rückrunden-Verlierers aus Leverkusener Tagen, sein angeblich penibler Ehrgeiz, seine Eigenart, erst sehr spät im Spiel auszuwechseln - alles dankbare Vorlagen für oberflächliche Kritik. Noch beschränken sich öffentliche Anwürfe auf hysterische Diskussionen in Internet-Foren - trotzdem wäre ein Sieg nun ein wichtiges Signal für die heiße Phase der Saison. Denn die beginnt am Samstag in Stuttgart.

Alle Spiele des HSV in dieser Saison

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