Klaus Toppmöller im Interview

"Kenia wird ein absoluter Weltstar"

Von Interview: Haruka Gruber
Freitag, 21.08.2009 | 12:00 Uhr
Levan Kenia wechselte im Januar 2008 von Tiflis zu Schalke 04
© imago
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Er entdeckte Schalkes neue Spielmacher-Hoffnung: Der ehemalige Bundesliga-Trainer Klaus Toppmöller (58) über den Durchbruch des 18-jährigen Levan Kenia, das Interesse des FC Barcelona und ein Fußballer-Casting mit 1500 Georgiern im Teenage-Alter.

SPOX: Sie erwarten, dass Levan Kenia in Kürze der neuer Star des FC Schalker 04 sein wird. Woher kommt Ihre Zuversicht?

Toppmöller: Sie müssen ihm nur zusehen. Wenn er zaubert, ist es ein Gedicht. Es klingt vielleicht übertrieben, aber ich meine es wirklich so: Levan hat Fähigkeiten, die sonst keiner hat. Erst recht keiner auf Schalke.

SPOX: Dennoch kam er die letzten eineinhalb Jahre nicht zum Zug.

Toppmöller: Ich habe nie verstanden, warum Fred Rutten so ein Problem hatte, einen Spielmacher aufzustellen und deswegen so lange auf ihn verzichtet hat. Ich hörte immer nur, dass Levan zu unerfahren sei und er noch viel lernen müsse. Aber mit Felix Magath hat er jetzt den richtigen Trainer.

SPOX: Warum?

Toppmöller: Levan ist im richtigen Moment im richtigen Verein. Das ist so ähnlich wie bei Zvjezdan Misimovic, der in Wolfsburg unter Magath aufgeblüht ist. Daher ist mir klar, dass auch Levan unter ihm der Durchbruch gelingt. Was Levan zugute kommt: Er ist ein ähnlicher Spielertyp wie früher Magath. Technisch brillant, sehr intelligent. Deswegen steht Magath auch so auf ihn. Levan wird die Überraschung der Saison.

SPOX: Hat er keinerlei Schwächen?

Toppmöller: Als ich anfing, ihn zu trainieren, habe ich ihm immer wieder zwei Dinge gesagt: Dass er als Spielmacher auch defensiv Verantwortung trägt und dass er vorne mehr den Abschluss suchen muss. Die Sache mit dem nach hinten arbeiten hat er schnell kapiert, nur das mit dem Zug zum Tor könnte er noch verbessern. Er legt lieber quer, als selbst zu treffen. Eine Portion Egoismus, und er wäre komplett.

SPOX: Sie sagten Kenia bereits eine große Karriere voraus, als er erst 16 Jahre alt war. Können Sie sich erinnern, wann Sie ihn erstmals spielen sahen?

Toppmöller: Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit als Nationaltrainer Georgiens habe ich angefangen, ein Scoutingsystem aufzubauen. Das Land wurde in sechs Regionen unterteilt, und auf Zuruf bekamen wir dann mit, ob in einer der Regionen ein begabter Fußballer lebt. Das lief so ab, dass der Verwandte von einem Bekannten einen Jungen kannte, der was kann, und rief mich an.

SPOX: Und dann?

Toppmöller: Als wir 1500 Teenager beisammen hatten, haben wir sie nach Tiflis eingeladen und Testspiele untereinander ausgetragen. Am Ende hatten wir 30 Spieler ausgesiebt - einer davon war Levan, der mir sofort aufgefallen war. Ich wusste damals, dass Levan bereits in der ersten georgischen Liga für Lokomotive Tiflis zum Einsatz gekommen war, dort aber nicht weiter auffiel. Wahrscheinlich, weil die anderen seine genialen Ideen nicht kapiert haben. Nach dem Sichtungslehrgang war ich mir aber sicher, dass aus ihm ein ganz Großer wird.

SPOX: Wie ging es weiter?

Toppmöller: Ich habe veranlasst, dass er sofort aus der U-17-Nationalmannschaft in die U 19 hochgezogen wird. Weil er jedoch auch in dieser Jahrgangsstufe mit Abstand der Beste war, haben wir ihn kurzerhand in die U 21 berufen. Aber auch dort war er herausragend, so dass ich keine Sekunde zögerte, ihn mit 16 in der A-Nationalmannschaft debütieren zu lassen.

SPOX: In der er gleich überzeugte.

Toppmöller: Zuerst habe ich ihn gegen die Ukraine und Italien nur eingewechselt, aber die wenigen Minuten reichten aus, um eine Duftmarke zu setzen. Einen Tag vor seinem 17. Geburtstag habe ich Levan gegen Schottland in die Startelf gestellt - und Sie hätten sehen müssen, wie er den erfahrenen Premier-League-Spielern der Schotten Knoten in die Beine gespielt hat.

SPOX: Georgien gewann 2:0 und Kenia war plötzlich ein nationaler Held.

Toppmöller: Nach dem Spiel haben sich auf dem Hauptplatz von Tiflis zehntausende Menschen versammelt und die Mannschaft aufgefordert, noch einmal herauszukommen, damit sie gefeiert werden kann. Es gab sogar einen Moderator, der die Spieler einzeln ansagte. Erst waren die Stars wie Levan Kobiaschwili oder Milans Kachabar Kaladse dran, als später Levan Kenia an die Reihe kam, ist die Masse jedoch durchgedreht und hat ihn gefeiert wie einen Messias.

SPOX: Besteht nicht die Gefahr, dass Kenia bei anhaltendem Erfolg den Boden unter den Füßen verliert?

Toppmöller: Nein, denn er ist ein sehr gelehriger junger Mann. Wenn Magath von ihm fordern würde, um 0 Uhr nachts mit einer Bleiweste um das Stadion zu laufen, dann macht er das. Da unterscheidet er sich von den deutschen Talenten, die häufig verhätschelt werden. Man merkt eben, dass Georgien ein schönes, aber bitter armes Land ist und  Levan alles dafür machen will, um seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Das hat aber auch eine negative Seite.

SPOX: Nämlich?

Toppmöller: Er ist nach Schalke gewechselt mit dem festen Willen, Stammspieler zu werden. Deswegen hat er in den ersten Monaten vielleicht etwas überzogen und hat sich nach kleineren Verletzungen zu früh einsatzbereit gemeldet, obwohl er noch nicht hundertprozentig fit war.

SPOX: Falscher Ehrgeiz ist das eine. Aber was ist mit seiner Schüchternheit? Könnte sie einer großen Karriere im Weg stehen?

Toppmöller: So schüchtern ist er gar nicht. Wenn er möchte, kann er richtig aus sich rausgehen und für Stimmung sorgen. So kennt ihn die Öffentlichkeit nur nicht. Bisher hat er deutsch schon sensationell gelernt, in einem Jahr wird er die Sprache wohl richtig gut sprechen können. Spätestens dann erlebt Deutschland den wahren Levan.

SPOX: Sieht Kenia seine Zukunft in Deutschland?

Toppmöller: Ich würde ihm raten, die nächsten zwei, drei Jahre auf Schalke zu bleiben. Dann ist er bereit für einen richtig großen Klub. Er träumt von der Primera Division, und etliche spanische Vereine sind ihm schon hinterhergelaufen.

SPOX: Angeblich sogar der FC Barcelona.

Toppmöller: Levan hat bei einem Probetraining richtig überzeugt, aber er wollte nicht zu Barca, weil sie ihn erstmal nach Levante ausleihen wollten. Dank der Hilfe von Kobiaschwili ist er dann auf Schalke gelandet.

SPOX: Auf was kann sich Schalke in den nächsten Jahren freuen?

Toppmöller: Wenn man Levan noch etwas formt und richtig anpackt, wird er eine Voll-Granate, ein absoluter Weltstar. Darauf würde ich wetten.

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