Nelson Valdez im Interview

"Mein Kopfkissen war ein Stein"

Von Interview: Benny Semmler
Freitag, 08.05.2009 | 12:30 Uhr
Nelson Valdez verlängerte seinen Vertrag bei Borussia Dortmund erst kürzlich bis 2012
© Getty
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Borussia Dortmunds Höhenflug in der Bundesliga kann man auch an Nelson Valdez fest machen. Der paraguayanische Stürmer ist in seinem dritten Jahr beim BVB sowas wie der Shootingstar der Rückrunde. Die reinen Scorerdaten sagen sogar: Noch nie war Valdez so erfolgreich (6 Tore, 6 Vorlagen). Im Telefon-Interview mit SPOX spricht der 25-Jährige über Kapitän Kehl, Coach Klopp und Krach mit Mama.

SPOX: Herr Valdez, was machen Sie gerade?

Nelson Valdez: Ich surfe gerade im Internet auf Immobilienseiten und habe meinen Sohn auf dem Schoß (im Hintergrund hört man Klein-Valdez rufen: "Pfui, Schalke!").

SPOX: Dortmund steht momentan vor Schalke in der Tabelle und hat noch dazu sechs Spiele in Folge gewonnen. Ihr Lieblingsitaliener spendiert dementsprechend also wieder Getränke?

Valdez: Klar. Jetzt kann ich mich wieder überall sehen lassen und der Italiener lädt mich auch mal wieder auf ein Essen ein. Das ist schön. Die ganze Stadt ist extrem glücklich darüber, dass wir jetzt die Spiele gewinnen.

SPOX: Sechs Siege in Folge. Da trainiert es sich quasi von alleine.

Valdez: Absolut. So eine Serie haben wir alle noch nie erlebt, das fühlt sich richtig geil an. Das ganze Team ist sensationell drauf. Es macht irre viel Spaß zurzeit.

SPOX: Sechs Tore, sechs Vorlagen. Sie haben Ihren Vertrag kürzlich bis 2012 verlängert. Inwieweit hat sich damit auch Ihr Standing innerhalb der Mannschaft verändert?

Valdez: Es hat sich einiges getan. Innerhalb der Mannschaft spiele ich jetzt eine wichtige Rolle. Ich bin ja auch schon seit drei Jahren in Dortmund, gehöre inzwischen zu den erfahrenen Spielern und kann unseren Talenten etwas weitergeben. Aber der Chef ist natürlich Sebastian Kehl.

SPOX: Erzählen Sie mal: Was ist Kehl für ein Typ?

Valdez: Sebastian ist der Kapitän, er gibt den Ton auf und neben dem Platz an. Und jeder in der Mannschaft akzeptiert es, wenn er von Sebastian mal angeschrien wird. Aber nach dem Spiel ist er wieder der Kumpel, mit dem du Spaß haben kannst. Aber wie gesagt: 'Kehli' haut auch dazwischen, wenn wir etwas zu locker drauf sind. Ich ziehe wirklich meinen Hut. Was der sich hier in den letzten Jahren erarbeitet hat, ist ganz stark. Er ist ein Vorbild.

SPOX: Sie sind 2006 für 4,7 Millionen von Bremen nach Dortmund gewechselt. Lange galten Sie beim BVB als Chancentod. Was lief falsch?

Valdez: Ich war 22, als ich nach Dortmund kam, und zu unerfahren. Und viele Leute sahen in mir einen Hoffnungsträger. Der Druck war sehr groß. Und ich selber wollte auch sofort ein Führungsspieler sein, aber das konnte nicht funktionieren.

SPOX: Vor einem Jahr wurden Sie von den eigenen Fans sogar ausgepfiffen.

Valdez: Die Pfiffe taten weh, keine Frage. Kein Fußballer schüttelt so eine Situation einfach ab. Vor allem, weil ich wirklich mein Bestes gegeben habe, nur der Ball wollte nicht rein. Böse Pfiffe können dich jederzeit treffen, aber als Profi musst du auf so eine Situation immer vorbereitet sein.

SPOX: Die Pfiffe trafen auch Ihr Privatleben.

Valdez: Leider ja. Du kannst diese Dinge nicht aus deinem Kopf schieben. Und so habe ich meine Scheißlaune dann auch immer mit nach Hause genommen. Aber meine Frau ist sehr sensibel mit mir umgegangen und hat mich immer wieder aufgebaut.

SPOX: Nun haben Sie die Kurve bekommen. Was sind die Gründe?

Valdez: Ich habe mich bewusst unter Druck gesetzt. Ich habe mir gesagt: Entweder ich packe es in Dortmund und es wird meine Saison. Oder ich packe die Koffer und suche mir einen neuen Verein.

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SPOX: War es wirklich so einfach?

Valdez: Na ja, ich fühle mich jetzt natürlich auch reifer und habe durch die letzten Trainer viel gelernt. Aber auch meine Kinder helfen mir. Wenn ich heute nach Hause komme, sehe ich in die Augen meines Sohnes und kann so manches schlechtes Spiel einfach schnell vergessen.

SPOX: Sie sind in Paraguay in einem kleinen Dorf in San Joaquin aufgewachsen. In großer Armut und mit Alkoholproblemen. Sie lebten als Obdachloser unter einem Stadiondach. Heute sind Sie Millionär. Das klingt wie ein Märchen.

Valdez: Ja, es ist wirklich ein Märchen. Denn in San Joaquin hat niemand an mich geglaubt. Ich wurde immer ausgelacht, weil ich einen Traum hatte, der viel zu weit weg war.

SPOX: Wie ist denn Ihr Märchen entstanden?

Valdez: Wir haben uns auf dem Dorfplatz immer zum Fußballspielen getroffen. Nur ich musste meistens zusehen, keiner wollte mich in seinem Team haben. Dann habe ich mir irgendwann meinen eigenen Ball gekauft, damit ich überhaupt mal spielen konnte. Nur dann machte meine Mama Ärger.

SPOX: Weil Sie Fußball spielen wollten?

Valdez: Ja. Weil ich in der Schule sehr, sehr gut war und mich auf ein Studium vorbereiten sollte. Sie hat sogar im Dorf und bei meinen Lehrern Geld gesammelt, damit sie mir das Studium finanzieren kann und ich dann mit Fußball aufhöre. Ich sollte Ingenieur oder irgendwie so etwas werden.

SPOX: Aber Mama konnte sich nicht durchsetzen.

Valdez: Das war die schlimmste Entscheidung meines Lebens. Mama war der Chef im ganzen Dorf. Was sie sagt, wird normalerweise gemacht. Aber ich habe dann zu ihr gesagt: 'Mama, pass auf, ich will Fußball-Profi werden. Und dann komme ich mit dem teuersten Auto hierher zurück!' Da ist sie ausgerastet. Aber mein Papa Antonio stand zu mir und hat mich dann mit 15 in die Großstadt zu Atletico Tembetary gebracht.

SPOX: Der Start Ihrer märchenhaften Karriere?

Valdez: Überhaupt nicht. Ich habe unter dem Stadiondach gelebt. Mein Kopfkissen war ein großer Stein. Es waren immer 40 Grad. Und wenn es regnete, lagst du im Schlamm. Es war die Hölle.

SPOX: Wovon haben Sie gelebt? Hatten Sie Geld?

Valdez: Ich habe mir mit Volleyballspielen und Fußballtennis was dazu verdient. Da gab es immer große Spiele mit 300, 400 Zuschauern. Da war echt viel los. Und es gab Leute, so managermäßig, die haben die Besten für ihr Team verpflichtet, und so Geld mit uns gemacht. Einen kleinen Teil von den Einnahmen haben Spieler wie ich bekommen. Volleyball war meine Geldquelle.

SPOX: Kennen Sie Lucas Ramon Barrios?

Valdez: Ich habe da was gelesen, kenne ihn aber nicht.

SPOX: Er machte für den chilenischen Klub CSD Colo-Colo Santiago letztes Jahr 37 Tore in 36 Spielen und war weltweit bester Torschütze. Der könnte ihre gute Laune schnell wieder kippen lassen. Denn Dortmund hat ihm angeblich ein Angebot gemacht.

Valdez: Ach Quatsch! Erstens ist es in Südamerika einfacher mit dem Tore schießen. Zweitens werden unglaublich viele Spieler mit dem BVB in Verbindung gebracht. Ich lasse mich von solchen Geschichten nicht mehr aus der Ruhe bringen.

SPOX: Frei oder Zidan? Wer passt besser zu Ihnen?

Valdez: Das ist eine gemeine Frage. Aber mit Alex verstehe ich mich schon besser. Er kennt meine Laufwege, ich seine. Mit Zidan passt es noch nicht ganz so perfekt. Irgendwie sind wir noch dabei, uns zu finden.

SPOX: Was halten Sie von Jürgen Klopp?

Valdez: Wir haben uns gesucht und gefunden. Wir sind beide sehr temperamentvoll und passen damit perfekt zum BVB. Jürgen Klopp und Dortmund - das ist ein Volltreffer.

SPOX: Sie sind ein Fan von Ihrem Trainer?

Valdez: Ich habe eben sehr viel von ihm gelernt. Im Training, nach dem Training, er erklärt mir so oft, wie ich den Ball noch besser abschirme oder annehme. Der erste Ballkontakt ist der Wichtigste. Das predigt Jürgen Klopp jeden Tag. Und erst wenn ich das begriffen habe, werde ich ein 'geiler Kicker'. Sagt er zumindest immer.

Dann surft Nelson Valdez weiter im Internet, und sagt: "Ich suche ein Haus. Ich will ja noch länger in Dortmund bleiben."

Nelson Valdez im Steckbrief

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