Der Fußball gehört uns!

Von Stefan Moser
Freitag, 23.01.2009 | 16:26 Uhr
Bernd Hoffmann ist seit 2003 Vorstandsvorsitzender beim Hamburger SV
© Getty
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Gut gegen Böse, Fanschal gegen Krawatte, Stammtisch gegen Schreibtisch. Am Sonntag wählen die Mitglieder des Hamburger SV den Aufsichtsrat - und längst wurde die Wahl mit allerlei Klischees zum intriganten Machtkampf stilisiert, der über den zukünftigen Kurs des HSV entscheidet.

Denn angeblich hat sich die größte Hamburger Fan-Gruppe, der "Supporters Club", als Widerstand gegen den jetzigen Vorstand formiert - mit dem Ziel, den Vorsitzenden Bernd Hoffmann zum Rücktritt zu zwingen.

Der vermeintliche Plan sieht so aus: Insgesamt hat der HSV 58.000 Mitglieder. Davon sind ganze 45.000 bei den Supporters organisiert: die größte deutsche Fangruppierung - und ein enormes Wählerpotential. Sofern sie tatsächlich einen einheitlichen Kurs verfolgen, könnten sie den Bossen in der Tat gefährlich werden.

Denn anders als die meisten Bundesligavereine hat Hamburg seine Fußballabteilung noch nicht als Kapitalgesellschaft ausgegliedert. Entsprechend sieht die aktuelle Satzung vor, dass die Mitglieder den zwölfköpfigen Aufsichtsrat direkt wählen.

...und Hoffmann wäre handlungsunfähig

Der Aufsichtsrat wiederum muss die Entscheidungen des Vorstands mit einfacher Mehrheit absegnen. Sechs Supporters im Gremium würden also reichen, um jede Entscheidung zu blockieren. Hoffmann wäre handlungsunfähig und müsste abdanken.

Ein Mitglied der Fangruppe sitzt als Delegierter ohnehin bereits fest im Aufsichtsrat. Dazu stellen die Supporters am Sonntag vier aussichtsreiche Kandidaten zur Wahl. Findet sich dazu unter den übrigen Räten noch ein Hoffmann-Gegner, wäre der vermeintliche Putsch geglückt.

"Der Plan ist: Hoffmann soll weg"

"Der Plan ist: Hoffmann soll weg", sagte Urgestein Horst Eberstein, der selbst lange im Aufsichtsrat saß, bereits vor einigen Wochen. Er macht sich Sorgen um seinen HSV. "Nein, Bernd Hoffmann macht einen guten Job, den wir als Supporters Club unterstützen. Es geht hier ausschließlich um eine Aufsichtswahl", widerspricht zwar Supporters-Chef Ralf Bednarek.

Doch die Geschichte hat längst eine Eigendynamik entwickelt, vor allem im Hamburger Boulevard. Zu schön sind die Klischees, die in diesem Machtkampf gegeneinander antreten.

Raute gegen Rechenschieber

Auf Seiten der Supporters konzentriert sich das Interesse vor allem auf einen Kandidaten: Johannes "Jojo" Liebnau, 26, Vorsänger im Hamburger Fan-Block.

Er will auch im Fall seiner Wahl weiter oben-ohne im Stadion stehen und mit seinem Megafon die Kurve anheizen. Er trägt die HSV-Raute im Herzen und den Schal um den Hals, er ist einer fürs Volk, ein Mann für die Stammtische.

In der gegenüberliegenden Ecke: Bernd Hoffmann, 46, Diplom-Kaufmann. Anstelle des Herzens sitzt bei ihm ein Rechenschieber, um den Hals trägt er eine Krawatte, von Fußball versteht er ohnehin nichts - er ist der Mann für die Schreibtische. So die Klischees.

Erfolg oder Nostalgie

Vom Schreibtisch aus liest sich Hoffmanns Bilanz seit seinem Amtsantritt 2003 auch sehr eindrucksvoll: Vier mal in fünf Jahren im internationalen Geschäft, gewinnbringende Transfers, eine Umsatzsteigerung von 60 Millionen auf 140 Millionen sowie eine stetig wachsende Mitgliederzahl.

Die Vorwürfe aus den Reihen der Supporters dagegen lauten pauschal: zu viel Kommerz. Die neuen VIP-Logen oder der Verkauf des Stadion-Namens sind beliebte Beispiele. Auch die Furcht vor Investoren, eine mögliche Abschaffung der Stehplätze oder überhöhte Eintrittspreise (mit 97 Euro für einen Sitzplatz hält der HSV den Ligarekord) sind weitere Schlagworte im "Kampf der Kulturen".

Am meisten aber wehren sich die Fans gegen die angestrebte Ausgliederung der Fußballabteilung. Dann nämlich ginge der direkte Einfluss der Basis auf die Führungsebene weitestgehend verloren.

Der Fußball gehört nicht den Bossen sondern den Fans, so lautet zusammengefasst die Kernthese, mit der die Supporters für ihre Sache werben. Eine womöglich romantische Sicht auf den Profifußball, die es in fast allen Verein gibt. Aber nirgendwo sonst kommt sie dem Establishment so gefährlich nahe. "Der Fußball muss für die einfachen Leute bezahlbar sein", sagt etwa Ingo Thiel, einer der vier Kandidaten: "Wir brauchen einen Wechsel."

Gerüchte von Intrigen

Inwieweit die Supporters diesen Wechsel aber tatsächlich in organisierter Form betreiben, kann im Augenblick wohl kaum jemand richtig einschätzen. Klar ist, dass eine Gruppe von 45.000 Menschen nicht völlig homogen auftreten wird. In Fan-Foren melden sich auch immer wieder Supporters zu Wort, die sich für Hoffmann aussprechen und befürchten, ein Machtwechsel zugunsten nostalgischer Fans ginge auf Kosten des sportlichen Erfolgs.

Zugleich aber kursieren auch immer wieder neue Geschichten von durchaus intriganten Bestrebungen aus der Führungsebene der Supporters. So sollen sie vor Hoffmanns Bestätigung im Amt vor zwei Jahren Aufsichtsräte unter Druck gesetzt worden sein: Wer für Hoffmann stimmt, wird nicht mehr gewählt. Mit 9:3 Stimmen wurde der Vertrag damals dann doch verlängert.

Keine gewetzten Messer

Die Supporters selbst weisen die Vorwürfe ohnehin zurück. Hoffmann selbst nutze die paranoide Vision, um seinerseits Stimmung gegen die Fan-Gruppierung zu machen. Den Plan, den Vorstand zu stürzen habe es in der Form nie gegeben.

Überhaupt sei es gar nicht so, "dass wir und die Wirtschaftsvertreter uns mit gewetzten Messer gegenüberstehen", betont Bednarek. Es habe, im Gegenteil, sogar schon sehr konstruktive Gespräche gegeben.

Immerhin aber verrät sein Duktus doch eine Frontlinie: "Wir" gegen "die Wirtschaft", Fanschal gegen Krawatte, Stammtisch gegen Schreibtisch.

Wer dabei aber nun die Guten und wer eigentlich die Bösen sind? Das liegt wohl in erster Linie an der Perspektive, aus der man diesen Machtkampf betrachtet.

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