Der Schattenmann von Hoffenheim

Von Stefan Rommel
Hoffenheimer Erfolgsgespann: Trainer Ralf Rangnick (l.) und Manager Jan Schindelmeiser
© Getty

Das Spitzenspiel FC Bayern München gegen 1899 Hoffenheim wird auch zum ersten Aufeinandertreffen zwischen Uli Hoeneß und Jan Schindelmeiser. Im Duell Altmeister gegen Emporkömmling muss sich Schindelmeiser nicht verstecken - und wird von seinem Boss Dietmar Hopp schon als möglicher Hoeneß-Nachfolger tituliert.

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Vielleicht war es ein Versprecher, vielleicht ein bewusster Faux-pas, vielleicht war Uli Hoeneß aber wirklich nicht richtig im Bilde.

Der Bayern-Manager ist im Nebenberuf ein recht passabler Schauspieler, und als er vor ein paar Wochen auf die Arbeit der Verantwortlichen bei 1899 Hoffenheim angesprochen wurde, rutschte es ihm heraus.

"Die machen da alle einen ganz hervorragenden Job, dieser Schindelmeister oder Schindelmeise oder wie der heißt."

(Fast) niemand kennt Jan Schindelmeiser

Hoeneß meinte es nicht böse oder despektierlich, das darf man ihm abnehmen. Denn im Grunde hat Hoeneß ein nur kleines Problem, wie es viele andere in Deutschland auch haben: Er weiß offenbar nicht viel über Jan Schindelmeiser, 44, die heimliche Instanz bei Sensations-Aufsteiger 1899 Hoffenheim.

Im Sommer 2006 übernahm Schindelmeiser zusammen mit Ralf Rangnick die Mammutaufgabe TSG Hoffenheim. Beide kannten sich nicht, Rangnick kam aus der Bundesliga, vom Champions-League-Teilnehmer Schalke 04, Schindelmeiser quasi aus dem Nichts.

Der Kontakt kam über Mirko Slomka zustande, den Schindelmeiser während seiner Zeit bei TeBe Berlin (1998 bis 2000) kennenlernte. Davor war der studierte Schindelmeiser (Sport, Publizistik, Politik und BWL) fast ein Jahr lang im Ausland tätig.

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Ein Jahr Südamerika

Südamerika war seine neue Heimat, als Managementberater verdiente er damals sein Geld, fädelte Transfers ein und lernte wichtige Leute kennen. Unter anderem den heutigen Scout, der Hoffenheim mit Informationen über talentierte und entwicklungsfähige Spieler aus den großen Exportländern Brasilien und Argentinien füttert.

Ganz freiwillig nahm sich der 44-Jährige die "Auszeit" nicht. Nach Engagements bei Eintracht Braunschweig und TeBe erkannte der FC Augsburg im Frühjahr 2005 dessen Talent und holte Schindelmeiser als Geschäftsführer zum damaligen Regionalligisten.

Schwerer Schicksalsschlag

Am 1. April trat Schindelmeiser seinen Dienst an. Am 17. April wurde bei seiner Frau Bettina Krebs diagnostiziert, am 23. April verstarb sie. Schindelmeiser löste seinen Vertrag sofort wieder auf und fiel in ein Loch. "Ich habe ein Jahr gebraucht, um ins Leben zurückzufinden", sagte er rückblickend.

Dann kam der Anruf aus Hoffenheim. Die ersten Monate waren schwer, die TSG hatte im Masterplan den Bundesligaaufstieg ausgelobt, spätestens 2010 sollte es soweit sein. Und ganz nebenbei solle der Verein auch Spieler beherbergen, die sich zum Investment mit hoher Rendite entwickeln.

Nur: Keiner kannte den anderen. Rangnick nicht Schindelmeiser, Schindelmeiser nicht Bernhard Peters, keiner der dreien die Mannschaft.

Die scherte sich frecherweise einen Dreck um den ausgerufenen Vierjahresplan und steht nun schon zwei Jahre früher im gleisenden Rampenlicht und vor dem Kracher gegen die Bayern sogar an der Tabellenspitze. Spieler wie Demba Ba, Luiz Gustavo oder Vedad Ibisevic haben schon das Doppelte oder Dreifache an Marktwert erreicht.

Flache Hierarchie als Markenzeichen

Alles geht rasend schnell, aber Schindelmesier und seine Kollegen scheinen damit wenig Probleme zu haben. Vielleicht liegt es ja auch an der flachen Hierarchie beim Aufsteiger.

Wo in anderen Klubs Vorstände, Aufsichträte oder ehemalige Spieler immer wieder ins Tagesgeschäft reinreden, halten in Hoffenheim lediglich Rangnick und Schindelmeiser alle Zügel in der Hand.

Nicht mal Mäzen Dietmar Hopp mischt sich ein, obwohl der zusammen mit einem mittlerweile gebildeten Konsortium an Investoren das nötige Geld in den Verein pumpt.

So können Schindelmeiser und Rangnick das Tagesgeschäft alleine verantworten, von den vielen Möchtegern-Experten gibt es in Hoffenheim schlicht keine. "Herr Hopp lässt uns freie Hand und vertraut uns voll, was mit einem hohen Grad an Verantwortung einhergeht. Eine vergleichbare Position hat in der Bundesliga vielleicht noch Felix Magath beim VfL Wolfsburg", sagt Schindelmeiser.

Clever in der Olympia-Problematik

Eine Parabel dafür, was bei solcher Entscheidungsfreiheit heraus kommt, ist die Anekdote um Chinedu Obasi. Während viele von Schindelmeisers Kollegen die Sportgerichtsbarkeiten dieser Welt anriefen, um ihr Personal von den Olympischen Spielen in Peking fernzuhalten und bis heute mit ihren Spielern im Clinch liegen, gewährte Hoffenheim seinem Stürmer die Zeit - und wird nun dafür entlohnt.

Schindelmeiser versteht seine Arbeit immer auch als Art permanentes Pädagogikseminar für Jungmillionäre. "Wenn ein 19-Jähriger ohne adäquate Fahrpraxis mit einer 500-PS-Limousine liebäugelt, sagen wir: No! Die Bundesliga ist eine Scheinwelt, wir versuchen ein Bewusstsein für die Wirklichkeit zu schärfen", sagte er der "Frankfurter Rundschau".

Zu Beginn der Saison musste der gebürtige Flensburger oft als Schutzschild für Hopp herhalten, wenn der mal wieder verbal attackiert wurde. Schindelmeiser erweckte den Anschein eines Pressesprechers, weniger den eines Managers.

Erstes Treffen mit Uli Hoeneß...

Doch quasi im Hintergrund schnitzte er weiter an seinem Profi, Mentor Hopp sieht in ihm in einigen Jahren den besten Manager der Liga und Schindelmeiser gerät nicht nur wegen solcher Verlautbarungen immer mehr in den Fokus.

Auch für ihn wird das Spiel in München ein Härtetest. Da wird ihm Uli Hoeneß zum ersten Mal begegnen und versuchen ihn einzuschüchtern, Stichwort Abteilung Attacke.

Schindelmeiser wird daraus lernen, es gibt ja noch so viele Dinge, die er sich abschauen kann von den Granden des Geschäfts.

...dem er schon was voraus hat

Eines hat er Hoeneß aber jetzt schon voraus: Er beweist - zusammen mit seinem Stab - ein besseres Händchen für Transfers relativ unbekannter Spieler. Schindelmeiser setzte sich vor 18 Monaten im Tauziehen um Carlos Eduardo gegen etliche europäische Top-Klubs durch, holte den Brasilianer für acht Millionen Euro in den Kraichgau.

Hoeneß ließ sich zur selben Zeit auf ein ähnliches Geschäft ein, auch acht Millionen Euro schwer, allerdings aus Argentinien und bisher ein Flop: Hoeneß erwarb Jose Ernesto Sosa.

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