Die Bayern nach dem 21. Meistertitel

Das Aushängeschild braucht eine Identität

Von Thomas Gaber
Montag, 05.05.2008 | 13:04 Uhr
bayern, van bommel
© Getty
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München - Der FC Bayern München ist also deutscher Meister. Zum 21. Mal. Zeit für die notorisch neidischen Nörgler, das ganze System Fußball gemäß dem Motto "Geld schießt Tore" einmal mehr in Frage zu stellen.

Doch es bedurfte jahrzehntelanger akribischer Arbeit, um den FC Bayern zu dem zu formen, was er heute ist: ein Verein, der Titel en masse sammelt und weit über die deutschen Grenzen hinaus höchste Anerkennung genießt. Ein funktionierendes Unternehmen mit jährlichen Umsätzen im dreistelligen Millionenbereich. Eine Herberge für Superstars wie Franck Ribery oder Luca Toni. Kurzum: DAS Aushängeschild des deutschen Sports.

31 Spieltage, 31 Fotos: Die Meistersaison in Bildern 

Der FC Bayern ist eine Marke im internationalen Fußball und spielt als solche in einer Liga mit Manchester United, Real Madrid oder dem AC Milan.

Das vierte Double innerhalb der letzten sechs Jahre täuscht aber über ein grundsätzliches Problem hinweg. Die Bayern suchen seit geraumer Zeit nach ihrer fußballerischen Identität.

Wofür stehen die Bayern? 

Der FC Arsenal steht für schnellen Kombinationsfußball. ManUnited für die perfekte Symbiose aus safety first und Offensivspektakel. Chelsea für robustes, körperbetontes Spiel ohne Schnörkel. Inter Mailand für zweckorientierten Ergebnisfußball. Der FC Barcelona für totale Spielkontrolle. Die Katalanen bleiben zwar das zweite Jahr in Folge ohne Titel, aber ihr Spielsystem besitzt Wiedererkennungswert.

Der fehlt dem FC Bayern. Trainer Ottmar Hitzfeld hat es in seiner letzten Saison nicht geschafft, der Mannschaft eine eindeutige Handschrift zu verleihen. Ein authentisches Konzept ist nicht erkennbar. Das meist verwendete 4-4-2-System wirft Fragen auf.

Ist es Mark van Bommels Hauptaufgabe, Bälle zu verteilen, oder soll der Niederländer Nebenmann Ze Roberto absichern? Welche Rolle spielte Bastian Schweinsteiger in Hitzfelds Überlegungen? Mal wurde der Nationalspieler auf links, mal in der Mitte auf der Zehnerposition, mal auf rechts eingesetzt. Seine Vielseitigkeit spricht für Schweinsteiger, doch wie oft hat er wirklich überzeugt?

Flügelspiel wurde eingestellt

Vor Saisonbeginn hatte Hitzfeld angekündigt, das Spiel über die Flügel zu forcieren, Bayerns Faustpfand in den ersten Saisonspielen. Doch es dauerte nicht lange, ehe wahlweise Marcell Jansen, Philipp Lahm, Christian Lell oder Willy Sagnol vermehrt Flanken aus dem Halbfeld schlugen.

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Das schnelle Spiel über die Außenbahnen wurde weitgehend eingestellt, lediglich Franck Ribery setzte seine Mitspieler mit Pässen von der Grundlinie immer wieder erfolgversprechend ein.

Beim 0:4 in St. Petersburg wurden Bayerns Defizite brutal aufgezeigt. Bei Zenit stand eine Elf auf dem Platz, bei der jeder genau wusste, was er zu tun hat. Zenits Trainer Dick Advocaat wich trotz der Personalnot keinen Millimeter von seinem Konzept ab.

Für den gesperrten Arschawin spielte der unbekannte Argentinier Dominguez im Angriff. Er hielt sich penibel an seine taktische Vorgabe, das geradlinige Spiel der Russen über die Außenbahnen mit Pässen in die Spitze auf Progrebnjak zu vollenden. Die Außenverteidiger Anjukow und Gorschkow ersetzten die gesperrten Ricksen und Sirl eins zu eins. Anjukow war perfekt auf Ribery vorbereitet, der Franzose verzettelte sich immer wieder in Einzelaktionen. Riberys Gefummel war wie Bayerns Anrennen nach dem frühen 0:1 - schlichtweg planlos.

Hitzfeld hatte mal ein Konzept

Als Bayern 2001 die Champions League gewann, hatte Hitzfeld klare Vorstellungen. Stefan Effenberg war der unumstrittene Chef. Mit einer Fünfer-Abwehrkette um den verkappten Libero Patrick Andersson trieben Bayern die damaligen besten Offensivreihen Europas von Real Madrid und ManUnited in den Wahnsinn. Bayern hatte ein System. Und dieses System funktionierte.

Die Bayern sind auch 2008 erfolgreich - ohne funktionierendes System. Mit Ausnahmekönnern wie Ribery, Toni oder Demichelis lässt sich die Bundesliga aufmischen.

Doch die Bayern sind zu sehr abhängig von diesen Spielern. Schweinsteiger oder Klose müssen nicht 100 Prozent geben, andere verschaffen ihnen ein Alibi. Wenn's eng wird, wird es der Ribery schon richten. Oder der Toni. Erwischen aber beide einen miesen Tag wie in St. Petersburg, löst sich die Mannschaft auf.

Dies ist nicht mehr Hitzfelds Problem, der Trainer hat seine Mission erfüllt. Er musste Meister werden, das hat er geschafft.

Doch Hitzfeld befand sich auch auf einer persönlichen Mission. Er hat stets betont, seinem Nachfolger Jürgen Klinsmann eine perfekt funktionierende Mannschaft übergeben zu wollen. Dies ist ihm trotz der Erfolge nicht gelungen.

Es ist nun Klinsis Aufgabe, den Bayern wieder eine Identität zu geben. Dafür haben ihn Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge geholt. Und dafür ist er der richtige Mann. Klinsmann hat als Trainer schon einmal einer Mannschaft eine neue Identität gegeben und Deutschland damit ein Sommermärchen.

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