Der Killer des Marktes

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 27.12.2007 | 19:08 Uhr
© Getty
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München - Der FC Bayern München hat ja schon so einiges erlebt in seiner langen Geschichte.

Aber aus dem Europapokal auszuscheiden, weil zwei Dutzend Polizisten auf den Platz stürmen und den Gegner am Betreten der Grünfläche hindern? Völlig absurd, undenkbar, ein Hirngespinst.

Nicht ganz. Im März 2007, das Viertelfinalrückspiel in der Champions League gegen den AC Milan stand an, wäre es beinahe so weit gekommen. Das Kreisverwaltungsreferat München, ansonsten zuständig für Gewerberegisterauskünfte oder Kirchenaustritte, sah sich berufen, den Gästen aus Italien ordentlich zuzusetzen.

Milan wirbt seit zwei Juli 2006 für den Sportwettenabieter bwin. Und nun wollte das KVR die rot-schwarzen Trikots mit bwin auf der Brust verhindern. Im Freistaat Bayern ist Werbung für private Wettanbieter verboten.

Und da der FC Bayern als Hausherr der Allianz Arena verantwortlich für einen reibungslosen Spielablauf gewesen wären, hätte die UEFA das Spiel am grünen Tisch mit 0:3 für Milan gewertet. Das KVR verzichtete für die Räumungsaktion, forderte von den Mailändern aber 100.000 Euro Zwangsgeld. Die Klage liegt bis heute bei den Gerichten.

Alle Macht dem Staat

Die Anekdote erregte erhebliches Aufsehen und mithin diente sie auch als Paradebeispiel, wie vertrackt und ziellos die Rechtslage auf dem Wettenmarkt ist. Der Lotteriestaatsvertrag soll deshalb nun Abhilfe schaffen.

Das Verdikt, dem alle 16 Bundesländer zustimmen müssen und dessen oberstes Ziel die Verhinderung von Spiel- und Wettsucht und eine wirksame Suchtbekämpfung ist, besagt schlicht und einfach: Alle Macht dem Staat, in diesem Falle im Sport repräsentiert durch die Lotto-Tochter Oddset. Die privaten Anbieter sind außen vor.

"Der Staat verbietet private Anbieter und kassiert gleichzeitig weiter kräftig beim Staatsmonopolisten Oddset ab. Das ist eine unerträgliche Doppelmoral", schimpft Sachsens FDP-Chef  Holger Zastrow und bricht eine Lanze für die privaten Anbieter.

Konzession für 15 Ost-Mark

1990 hatte sich bwin beim Rat des Kreises Löbau (Sachsen) die Konzession erstanden, auf der bis heute die Lizenz beruht. 15 Ost-Mark musste das damalige betandwin dafür berappen.

17 Jahre später und durch die Macht der Sportwetten im Internet wurde die Angst der Länder zuletzt zu groß, die aufkommende private Konkurrenz zu erdrückend - die Länder sahen Einnahmeverluste in mehrstelliger Millionenhöhe auf sich zukommen.

Im Jahr 2007 ist etwa bwin mit einem Deutschland-Umsatz von 500 Millionen Euro jetzt schon größer als Oddset (ca. 350 Millionen Euro p.a.).

Und selbst jetzt, wenige Tage bevor der Vertrag am 1. Januar 2008 in Kraft treten soll, gibt es immer noch Unstimmigkeiten. Elf der 16 Landtage diskutieren noch, ob sie den Vertrag zulassen sollen.

Bis zu 300 Mio. Euro gehen verloren

Sollte über eine Einigung erzielt werden, hieße das im Klartext: Fast jegliche Werbung für Lotto und Lotterien und nach einer Übergangszeit auch die privaten Lottovermittler würden von der Bildfläche verschwinden. Was für den deutschen Spitzensport das reinste Fiasko wäre.

"Die Finanzlage der Liga droht noch schlechter zu werden, weil der neue Glücksspiel-Staatsvertrag in Kraft treten soll. In Stadien und auf Trikots darf nicht mehr für die Unternehmen geworben werden. Da gehen geschätzte 200 bis 300 Millionen Euro verloren, direkt an die Konkurrenz nach England, Spanien oder Italien, wo private Wetten erlaubt sind", mischte sich vor einigen Wochen Franz Beckenbauer in die Debatte ein.

"Ich schlage vor, dass sich Liga, DFB und Politik noch in diesem Jahr zusammensetzen, um eine bessere Lösung zu finden, damit der Vertrag nicht in Kraft tritt. Der deutsche Fußball braucht den Markt", meinte Beckenbauer. Sein dringender Wunsch blieb bisher ungehört.

"Ausland sahnt in Deutschland ab"

Der ungeteilten Unterstützung kann sich der Kaiser in Zukunft aber gewiss sein. Auch DFL-Präsident Reinhard Rauball hatte zuletzt erklärt, dass die Liga prüfe, ob gegen den Staatsvertrag geklagt werden solle. Der 60-Jährige fordert das Anbieten von Konzessionen für private Wettanbieter durch den Staat.

DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger schlägt bei SPOX.com in dieselbe Kerbe: "Wir sind nicht glücklich über diese Entwicklung, dass immer mehr Geld verloren gehen wird. Uns geht es dabei aber nur um die Sportwetten. Durch das Werbeverbot ist es nicht zu leugnen, dass weniger Geld bei den Klubs ankommt. Im Ausland dagegen wird durch entsprechende Wettanbieter jede Menge Geld gemacht, die später dann auch in Deutschland absahnen werden..."

Treibjagd gegen Wettanbieter

Schon vor der laufenden Saison mussten Werder Bremen und der TSV 1860 München in Anbetracht der unsicheren Lage auf dem Wettenmarkt von ihren Verträgen mit bwin zurücktreten.

"Ich bin sprachlos. Ich kann noch nicht mal sagen, dass ich wütend bin, sondern einfach traurig. Das ist Rechtsbeugung und Willkür, mit der hier vorgegangen wird", sagte Löwen-Chef Stefan Ziffzer damals.

Bremens Marketingchef Manfred Müller ging sogar noch einen Schritt weiter: "Was im Moment in Deutschland passiert, ist beispiellos. Das ist eine Treibjagd gegen Wettanbieter!" Für sechs Millionen Euro hatte sich bwin bei Bremen eingekauft. Viel Geld, das den Bremern jetzt fehlt.

Auch im Handball oder Basketball geht die Angst um. "Es wird willkürlich Recht definiert. Wer ein wenig Rechtsverständnis hat, kann diese Entscheidung eigentlich nicht  nachvollziehen", sagt Mark Schober, Marketingleiter der Handball-Liga.

Oddset als Monopolist

Der Lotteriestaatsvertrag sollte eigentlich Abhilfe schaffen. De facto macht er aus einem unsicheren einen toten Markt. Wobei der Begriff "Markt" dann prinzipiell gar nicht mehr gelten darf. Oddset hätte das Monopol.

Mit diesem Umstand will der DFB-Präsident aber auf Dauer nicht leben. "Wir werden weiter mit den Ländern im Gespräch bleiben. Auch dort spürt man, dass die Gleichbehandlung zwischen Sportwetten und den anderen Lotterien nicht glücklich ist. Lotto ist ein Produkt des Staates, damit hat der Fußball nichts zu tun. Den Unterschied muss man endlich begreifen und dafür eine rechtlich zulässige Lösung finden", sagt Theo Zwanziger.

"Der DFB ist für die Weiterführung des Dialogs. Unsere Vorschläge werden mit der Zeit auch Gehör finden. Ob das dann in einem, zwei oder drei Jahren ist, wird sich zeigen."

Wie zur Blütezeit der DDR

So lange wollen die Gegner des Vertrags allerdings nicht warten. Schließlich geht es in der Zwischenzeit um jede Menge Geld. "Für das deutsche Lotto, für Sport und Wohlfahrt, für die öffentlichen Haushalte und für viele mittelständische Unternehmen wäre es das Beste, wenn der grundfalsche Staatsvertrag noch vermieden werden könnte", sagt selbst der Präsident des Deutschen Lottoverbands Norman Faber.

Deutsche Verfassungsrechtler, die EU-Kommission und auch das Bundeskartellamt klassifizierten den Vertrag bereits als eindeutig rechtswidrig.

Sachsens FDP-Chef Zastrow drückt es drastischer aus: "Der Entzug der Konzession ist der heftigste Eingriff in das Wirtschaftsleben seit den massenhaften Enteignungen privater Unternehmer durch das DDR-Regime 1972."

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