Fussball

Fußball unterm Hakenkreuz: So wurde das "Todesspiel von Kiew" zum Mythos

Von Dennis Melzer
Fußball unterm Hakenkreuz: Wie das "Todesspiel von Kiew" zum Mythos wurde.
© goal

Im "Todesspiel von Kiew" trotzten ukrainische Fußballer den Nazis. Stoff, aus dem Helden, Mythen und Faktenverdrehungen geschneidert wurden.

Der Sockel, auf dem der muskulöse, unbekleidete Mann steht, mutet an wie jene Säulen, die bei zahlreichen antiken Bauwerken der Römer oder Griechen als tragendes Element dienen. Ein Adler grätscht in die gestählten Beine des Protagonisten, der Schnabel ist geöffnet, die Flügel sind gespreizt. Im Auge des Greifvogels wurde ein Hakenkreuz eingearbeitet, das dem Tier einen morbiden Touch verleiht. Die bewusst martialisch gehaltene Skulptur vermittelt eine Überlegenheit des Mannes, zu dessen Füßen sich nicht nur der leidende, nationalsozialistische Adler, sondern auch ein Ball findet.

Umringt von Plattenbauten liegt das ehemalige Zenith-Stadion im Westen von Kiew. Unkraut hat sich auf den Tribünen breit gemacht, hinter den nicht benetzten Toren ist die Natur auf dem besten Wege, sich das Fleckchen Erde zurückzuholen. Die grau-braune Laufbahn dient noch heute Hobbysportlern als Trainingsrund. Einzig das wuchtige Heldendenkmal erinnert noch an eines der legendärsten Fußballspiele aller Zeiten, es erzählt eine Geschichte, die in der ganzen Ukraine bekannt ist, als "Todesspiel von Kiew" in die Annalen einging, und - so die heutige Faktenlage - reichlich Stoff für zweckdienliche Propaganda bot.

Vor sechsundsiebzigeinhalb Jahren, im August 1942, bezwang der FC Start, die Betriebssportmannschaft der Kiewer Brotfabrik No. 1, hier, an diesem denkwürdigen Ort, im Rahmen einer von den Nazis ins Leben gerufenen Fußballliga, Adolf Hitlers Flakelf mit 5:1. Ein Triumph der Unterdrückten über die deutschen Besatzer, die ein Jahr zuvor in Kiew eingefallen waren, den die Auswahl der Luftwaffe nicht akzeptieren wollte und nur drei Tage später ein als Revanche deklariertes Rückspiel organisierte. Was die Nazis nicht wussten: Beim FC Start handelte es sich nicht um eine handelsübliche Werkself, sondern um eine Equipe, gespickt mit den besten Spielern der Ukraine. Vor dem Krieg liefen etliche der Akteure für Dynamo und Lokomotive Kiew, zwei Flaggschiffe des sowjetischen Fußballs, auf. Der Besitzer der Brotfabrik, großer Fan von Dynamo, hatte den Männern Arbeit in seiner Firma besorgt.

Dementsprechend gestaltete sich auch das Rückspiel für die Flakelf als aussichtsloses Unterfangen, bereits zur Halbzeit lagen die Deutschen mit 1:3 zurück. Um eine weitere Schmach zu verhindern, stürmte Generalmajor Eberhard, der deutsche Stadtkommandant, in die Start-Kabine, drohte der gesamten Truppe mit Erschießung, sollte sie an ihrem Vorhaben festhalten, die Vertreter der selbst ernannten Herrenrasse erneut zu besiegen. Statt einzuknicken, legten die Ukrainer in den zweiten 45 Minuten weitere Treffer nach, siegten letztlich mit 5:3. Kurz nach der Begegnung setzten die Nazis ihre Drohung in die Tat um, verhafteten neun gegnerische Spieler und sperrten sie ins Konzentrationslager Syrez. Vier von ihnen ließen dort ihr Leben.

Hollywood-Regisseur dreht Film zum "Todesspiel"

Eine Legende, die nach der Rückeroberung Kiews durch die Rote Armee im Oktober 1943 verbreitet wurde. Zeitungen griffen die Geschichte dankend auf, sie wurde Grundlage zahlreicher Romane, schließlich entdeckten auch russische Filmemache das "Todesspiel" für sich. 1981 nahm sich zudem Hollywood-Regisseur John Huston dem Mythos an, drehte, basierend auf den Überlieferungen, den Film "Escape to Victory" (Flucht oder Sieg), bei dem neben den bekannten Schauspielern Sylvester Stallone und Michael Caine auch die Fußballikonen Pele und Bobby Moore mitwirkten.

Huston verlegte die Handlung allerdings von Kiew in ein Kriegsgefangenenlager im von den Nazis besetzten Frankreich. Zuletzt sorgte Andrey Mayukov mit seiner Adaptierung "Match" im Jahr 2012 für Aufsehen, weil er die heldenhaften Start-Spieler Russisch reden ließ und den Kollaborateuren eine ukrainische Synchronisation verpasste.

Nun sind Filme und Romane oftmals aber Produkte, die auf der Fantasie des jeweiligen Autoren beruhen, sich nicht zwingend an die Wahrheit oder die belegbaren Fakten halten müssen. Ein Mythos entwickelt sich nicht aus der Ansammlung von Sachverhalten, sondern spinnt sich aus Erzählungen, aus der klassischen Mundpropaganda, die jeder kennt, der mal das Kinderspiel Stille Post gespielt hat. Ähnlich verhält es sich tatsächlich auch beim Todesspiel von Kiew. Manch einer berichtete, die Spieler seien direkt nach der Partie vor ein Exekutionskommando bestellt worden, andere sprachen davon, dass die Sieger noch auf dem Rasen hingerichtet worden seien.

So sehr der unterbewusste Wunsch existieren dürfte, die Geschichte von den heldenhaften Fußballern, die selbst unter der Androhung von Mord für ihre Ehre einstanden und sich mit metaphorisch ausgestrecktem Mittelfinger gegen das nationalsozialistische Terrorregime in den sicheren Tod gewannen, möge stimmen, so dekonstruiert ist die Legende mittlerweile - zumindest in ihren prägnantesten Punkten. Im Gespräch mit Spiegel Online erklärte der Sporthistoriker Markwart Herzog diesbezüglich: "Es ging der Sowjetunion darum, ein antifaschistisches kollektives Identitätsbewusstsein zu schaffen."

Dabei wurde der Fall penibel aufgearbeitet. Aufgrund der zahlreichen verschiedenen Publikationen, die rund um die legendäre Partie aufkamen, beschäftigte sich die Hamburger Staatsanwaltschaft ab 1974, also inmitten des Kalten Krieges, mit den Ereignissen und wendete sich an die zuständigen sowjetischen Behörden, um endlich Klarheit zu schaffen. Nach jahrzehntelanger Recherche wurden die Ermittlungen eingestellt, nachdem Volodymyr Prystaiko, ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter, der uneingeschränkten Zugang zu allen relevanten Archiven besaß, 2005 seinen Bericht abgab.

Ukrainische Rivalen verrieten offenbar ihre Landsleute

In den Recherchen wurden einige der angeblichen Geschehnisse entkräftet. Demnach habe es die immer wieder bemühten Todesdrohungen in der Halbzeit durch den deutschen Generalmajor Eberhard nie gegeben. Aus dem schlichten Grund, dass die in jenen Jahren ausgetragenen Spiele weniger als Kampf der Klassenfeinde gesehen wurden, denn als Versuch, die Beziehung zwischen Besatzern und Bevölkerung zu entspannen. Tatsächlich fanden zu dieser Zeit viele Partien statt, die Fremdherrscher Deutschland und Ungarn stellten sieben Teams, zudem gab es drei ukrainische Mannschaften, die sich auch untereinander maßen.

Auch bezüglich der ermordeten vier Start-Spieler präsentierte Prystaiko eine neue Perspektive. Offenbar bestand kein Zusammenhang zwischen dem Ausgang des Spiels und der Verhaftung sowie Exekution der Betroffenen. Vielmehr sei das Quartett zwei Tage nach einem anderen Match arretiert worden. "Am 16. August 1942 besiegte Start die aus kollaborierenden ukrainischen Nationalisten zusammengesetzte Mannschaft Rukh mit 8:0", sagte Herzog bei Spiegel Online und schob nach: "Recherchen legen nahe, dass Rukh die Start-Spieler bei der Gestapo als NKWD-Mitarbeiter (sowjetisches Volkskommissariat für innere Angelegenheiten, Anm. d. Red.) denunzierte, um sich für die Schlappe zu rächen und die übermächtige Kiewer Sportkonkurrenz zu schwächen."

Prystaiko fand außerdem Hinweise, dass Rukh-Besitzer Georgiy Shvetsov, der gemeinhin als pro-faschistisch eingestellt galt, alle Dynamo-Stars einst für seinen Verein begeistern wollte, noch bevor sie sich dem Brotfabrik-Konkurrenten anschlossen. Diese, vermehrt Antifaschisten, lehnten jedoch ab. Dass ausgerechnet Rukh für den Verrat an den eigenen Landsleuten verantwortlich gewesen sein soll, kann Prystaiko zufolge als verspätete Rache gewertet werden.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung