"Die FIFA muss sich komplett verändern"

Von Interview: Raphael Honigstein
Mittwoch, 23.02.2011 | 12:00 Uhr
Grant Wahl schreibt für "Sports Illustrated". 2009 erschien sein Buch "The Beckham Experiment"
© Imago
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Der amerikanische Fußball-Journalist Grant Wahl ("Sports Illustrated") will Sepp Blatter am 1. Juni als FIFA-Präsident ablösen. SPOX sprach mit dem 37-Jährigen über die Gründe für seine Kandidatur und seine Gewinnchancen.
 

SPOX: Da der offizielle Stichtag für die Kandidatennominierung auf den 1. April fällt, glauben viele, Ihre Kampagne sei ein Witz. Stimmt das, Herr Wahl?

Grant Wahl: Ich will, dass Leute mit einem Schuss Humor an diese Sache herangehen, aber ich meine es sehr ernst mit der Bewerbung um das Präsidentenamt. Die FIFA brüstet sich damit, eine große demokratische Organisation zu sein, aber große Demokratien führen keine Wahlen durch, bei denen es nur einen Kandidaten gibt. Blatter hatte 2007 keinen Gegenkandidaten. Ich will meine Hand heben und sicher gehen, dass es 2011 zumindest eine andere Option gibt. Ich treffe auf meinen Reisen auf der ganzen Welt Fußball-Fans, die sich über Blatter und die FIFA beschweren, aber bisher hat niemand etwas dafür getan, damit es bei der Wahl eine Alternative gibt. Deswegen habe ich mich dazu entschlossen.

SPOX: Wann und wie reifte bei Ihnen diese Entscheidung?

Wahl: Der erste FIFA-Präsident Robert Guerin war ein Sportjournalist. Zwei weitere Amtsträger -  Rodolphe Seeldrayers und Blatter selbst - arbeiteten einst als Reporter. In Amerika hat es Tradition, dass Figuren des öffentlichen Lebens sich überraschend für öffentliche Ämter bewerben. Buchautor Norman Mailer wollte 1969 beispielsweise Bürgermeister von New York City werden. Selbst wenn ich die Wahl nicht gewinnen sollte, denke ich, dass es sehr gut ist, wenn über die Probleme der FIFA und mögliche Lösungsvorschläge gesund debattiert wird.

SPOX: Haben Sie politische Erfahrung?

Wahl: Auf diesem Parkett bin ich ein echter Outsider. Aber ich verfüge über gesunden Menschenverstand, ich bin ehrlich und ich nehme die Belange der Fußballfans auf der ganzen Welt ernst. Ich weiß nicht, ob man das auch von den Fußballpolitikern in der FIFA sagen kann.

SPOX: Warum ist es für Sie wichtig anzutreten, obwohl es keine echte Siegchance gibt?

Wahl: Die Botschaft ist wichtig: die FIFA muss große Veränderungen vornehmen. Allein schon, weil die FIFA unter Blatter nicht als saubere Organisation angesehen wird. Falls Blatter der einzige Kandidat ist, zeigt das doch nur, dass alle zufrieden mit der Art von FIFA sind, die Blatter anführt. Und falls Mohamed Bin Hammam kandidiert, ändert das auch nicht viel. Er ist nur ein weiterer FIFA-Insider, dem nicht wirklich daran gelegen ist, den Laden aufzuräumen. Ich weiß natürlich, dass der Präsident von Vertretern der 208 Fußballverbände in der FIFA gewählt wird, aber diese Verbände sollten auf die Meinungen der Fans Rücksicht nehmen.

SPOX: Was wollen Sie verändern, falls Sie gewählt werden?

Wahl: Meine Wahlversprechen beinhalten Dinge, die auf der Hand liegen und dem gesunden Menschenverstand entsprechen. Alle internen Dokumente der FIFA sollten beispielsweise im Wikileaks-Stil veröffentlicht werden. Die Amtszeiten von FIFA-Präsident und Exekutivkomiteemitgliedern müssen beschränkt werden. Mehr Frauen sollten die wichtigen Positionen bekleiden  - ich denke da zum Beispiel an Steffi Jones - und außerdem bin ich für den Videobeweis für alle strittigen Szenen an der Torlinie. Diese Ideen sind wichtig. Egal wie meine Chancen aussehen.

SPOX: Wie sind die Reaktionen auf Ihre Kandidatur?

Wahl: Das Echo war bisher unglaublich, viel größer, als ich es mir je hätte träumen lassen. Die Mehrheit der weltweiten Fußballfans unterstützt die Veränderungen, die ich vorschlage. Falls die Fans eine Stimme hätten, würde ich Blatter und Bin Hammam mit weitem Abstand schlagen. In einer Umfrage auf "SportsIllustrated.com" komme ich derzeit auf 95 Prozent aller Stimmen, Hammam liegt bei drei, Blatter bei zwei Prozent. Anfang der Woche hatten schon mehr als 2.500 Leute meine Twitter-Unterschriftensammlung unterzeichnet (http://twitition.com/mvj5v), um meine Bewerbung zu unterstützen. Fast alle Fans haben sich positiv geäußert, das hat mich sehr bestätigt. Die Medien sind auch sehr interessiert. Ich habe TV-Interviews auf "CNN", "Bloomberg" und "Studio Voetbal" in Holland gegeben, im Radio, u.a. "BBC", und in verschiedenen Print- und Onlinemedien in Brasilien, Australien, Chile, Irland, Mexiko und den USA. Man versteht, dass ich der Präsident des Volkes sein will.

SPOX: Damit Sie tatsächlich gewählt werden können, bedarf es bis zum 1. April einer Nominierung durch einen Verband. Haben Sie Kontakt aufgenommen, vielleicht zu den kleineren Verbänden? Was können Sie machen, um wirklich aufgestellt zu werden?

Wahl: Ich stehe bereits im Kontakt mit einem sehr wichtigen Verband und plane, mit vielen anderen zu sprechen. Falls mich jemand nominieren sollte, wäre das ein deutliches Signal an die FIFA und an Blatter, dass den Verbänden Reformen wichtig sind. Mein Argument ist, dass es schon reicht, wenn sich ein Verband zu der Nominierung durchringt; sie müssen mich nicht am 1. Juni wählen. Es ist wichtig, dass es bei Wahlen verschiedene Möglichkeiten gibt, denn nur so kommt es zum Austausch von Ideen. Gute Demokratien funktionieren nach diesem Prinzip.

SPOX: Gab es schon Reaktionen von der FIFA? Was sagt Chuck Blazer, das amerikanische Ex-Ko-Mitglied, zu Ihrem Vorstoß?

Wahl: Die FIFA hat sich bisher nicht geäußert. Auf seiner Twitter-Seite schrieb Blazer: "Er ist ein talentierter Journalist, der auf eine andere Art und Weise Inhalte schafft. Sehr kreativ." Das ist die einzige Reaktion, die ich bis jetzt von der Ex-Ko erhalten habe.

SPOX: Was würde eigentlich Ihre Frau dazu sagen, falls Sie demnächst wirklich nach Zürich umziehen müssten?

Wahl: Vor ein paar Tagen hat sie mich gefragt, ob sie sich ernsthaft damit befassen muss, bald in der Schweiz zu leben. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich vorerst keine Sorgen machen muss. Schauen wir mal, wie die Sache in ein bis zwei Monaten aussieht...

Ex-FIFA-Funktionär übt heftige Kritik an Beckenbauer

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