Mittwoch, 29.12.2010

Brasilien: Hier werden die Stars geboren

180.000 Quadratmeter und ein Traum

Fußball-Talente sind neben Kaffee und Zucker das wichtigste Exportgut Brasiliens. Ein Anwalt aus Hamburg hat es erkannt und gemeinsam mit "TRAFFIC Sports Marketing" in Sao Paulo ein hochmodernes Trainingszentrum gebaut.

Das Gelände der Fußballschule von Desportivo Brasil umfasst insgesamt 180.000 Quadratmeter
© academiatraffic.com
Das Gelände der Fußballschule von Desportivo Brasil umfasst insgesamt 180.000 Quadratmeter

Als "Global Player" gewinnt Brasilien immer mehr an Bedeutung unter den großen Wirtschaftsnationen. Neben den traditionellen Geschäften mit Kaffee und Zucker erzielt das Land auch in anderen Bereichen zunehmend ökonomische Spitzenwerte. Dilma Rousseff ist vor wenigen Wochen die erste Präsidentin des Landes geworden. Doch während sich in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht in den letzten Jahren viel geändert hat und sich in Zukunft viel ändern wird, gibt es im fünftgrößten Staat der Erde immer eine Konstante: die exorbitant hohe Anzahl an Fußballtalenten. Ihr Verkauf hat seit 1993 1,7 Milliarden Euro eingebracht.

Über diese Konstante ist sich auch die Marketingagentur "TRAFFIC Sports Marketing" bewusst. Der Firma gehören Fernsehsender, Zeitungen und Produktionsgesellschaften. Die Abteilung "Fußball" ist dabei noch eine der kleineren. Dennoch besitzt die Firma neben den Rechten an der Copa Libertadores (die südamerikanische Champions League) eine der modernsten Fußballschulen der Welt. Darüber hinaus hält sie die Transferrechte von namhaften Spielern.

Die Verantwortlichen von Bayer Leverkusen zum Beispiel haben der Agentur Spieler wie Renato Augusto oder Henrique zu verdanken. Jochen Lösch, Deutsch-Uruguayer und früher als Anwalt in Hamburg aktiv, hat letztes Jahr den Maicosuel-Transfer von 1899 Hoffenheim auf den Weg gebracht. Lösch ist seit drei Jahren für die Auslandsgeschäfte der Firma verantwortlich.

Fußball als soziales Projekt

Er selbst war bei den ersten Planungen der Fußballschule noch nicht dabei. 2005 hatten Mitarbeiter der Firma eine Idee: Sie wollten den Kindern von Porto Feliz, einer kleinen Stadt in der Nähe von Sao Paulo, einen Ort bieten, an dem sie ihre Freizeit verbringen und Fußball spielen können. Aus dieser Idee entwickelte sich ein mittlerweile sehr profitables Geschäft: So steht in Porto Feliz das luxuriöseste Trainingszentrum, das es für junge Talente in Brasilien gibt.

Es sind Bedingungen geschaffen worden, die mit den Verhältnissen in Hoffenheim durchaus vergleichbar sind. Die Anlage umfasst eine Fläche von 180.000 Quadratmetern, auf der sieben Fußballfelder verteilt sind. Es gibt Fitnessräume, ein Medizinhaus, eine Bibliothek und vieles mehr. Die Fußballschule "Desportivo Brasil" ist eine Fabrik, die ein Talent nach dem anderen produziert.

Rundumbetreuung heißt die Formel für diese Erfolge: Ernährungswissenschaftler, Psychologen, Mediziner, Englischunterricht, Vorträge, Verhaltenskodex - für alles ist gesorgt. Hier ist jeder auf den großen Traum Europa fokussiert, noch immer das Eldorado für junge Spieler in Brasilien. Aber auch eine Karriere in Brasilien ist für sie längst nicht mehr unvorstellbar. Um einen dieser Träume einmal leben zu können, ist Desportivo Brasil das Sprungbrett schlechthin.

Sichtungen in ganz Südamerika

Knapp über 100 Schüler kommen hier unter. Alle verfügen über fußballerische Fähigkeiten der Extraklasse - es soll schließlich neben allem sozialem Engagement auch Geld verdient werden, und das sicher nicht wenig. So sind über das ganze Land Scouts verteilt - eine Voraussetzung dafür, dass im Klub nur Spieler landen, die durch einen späteren Verkauf ein möglichst lukratives Geschäft versprechen.

Aber auch in Argentinien, Paraguay, Uruguay oder Chile wird gesichtet. Die Späher sind in der Regel ehemalige Profis wie zum Beispiel der uruguayische Nationalspieler Dario Pereyra. Fällt ein Spieler auf, werden zuerst alle Statistiken von ihm gesammelt, egal ob Tore, Vorlagen, Zweikampfwerte oder Passquoten.

"Das Klischee, dass der arme, kleine Junge von Kapitalisten ausgebeutet wird - das ist Schwachsinn"

Jochen Lösch

Gehört er dann immer noch in die Kategorie "Ausnahmetalent", gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, der Spieler möchte lieber in seiner Heimat bleiben und wird von "TRAFFIC Sports Marketing" unter Vertrag genommen und direkt wieder an seinen Heimatverein ausgeliehen - oder er bekommt einen Platz in der Akademie.

Ein "massives Upgrade" im Leben

Jochen Lösch beschreibt die Aufnahme in das Trainingszentrum als "massives Upgrade" im Leben der Kinder, die zum Teil aus armen Verhältnissen stammen. Schließlich bekommt jeder Jugendliche schon finanzielle Zuwendungen, anders seien sie gar nicht zu halten, sie müssten dafür aber auch größte Disziplin zeigen. "Schwänzt ein Spieler zum Beispiel den Schulunterricht, wird das Geld sofort gekürzt", sagt Lösch.

Mit 16 Jahren können die Talente ihren ersten Vertrag abschließen. Das wissen selbstverständlich auch die großen Vereine wie der FC Sao Paulo oder Flamengo - und locken die Spieler mit Handgeld und Autos. Es beginnt ein Wettbieten um die Talente - und die Spieler sind sich selbst nur zu gut bewusst, wie begehrt sie sind. "Das Klischee, dass der arme, kleine Junge von Kapitalisten ausgebeutet wird - das ist Schwachsinn", sagt Lösch im SPOX-Gespräch.

Berühmte Brasilianer der Bundesliga
Raoul Tagliari war der erste Brasilianer in der Bundesliga. Er war von 1964-66 beim Meidericher SV und erzielte vier Treffer in neun Spielen
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Tita kam 1987 für eine Saison nach Leverkusen. Seine starke Bilanz: 21 Spiele, zehn Tore und der Gewinn des UEFA-Cups 1988
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Mazinho und Bernardo gehörten Anfang der 90er Jahre trotz passender Lederhose zu den erfolgloseren Brasilianern der Liga
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Der spätere Bayer und Hamburger Ze Roberto kam 1998 nach Leverkusen, wo er bis 2002 17 Tore in 113 Spielen schoss
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Von 2001 bis 2004 trug Marcio Amoroso zum Erfolg des BVB bei. 28 Tore in 59 Spielen konnten sich sehen lassen
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Paradiesvogel in Berlin: Von 2001-06 war Marcelinho der Star der Hauptstadt. 70 Tore in 173 Spielen lautet seine Erfolgsbilanz
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Vor seinem Wechsel nach München spielte Lucio von 2000 bis 2004 in Leverkusen. Der Abwehrspieler erzielte 15 Treffer für die Werkself
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"Desportivo Brasil" versucht, seine Spieler mit den gleichen Mitteln, also Geld, oder mit einer Perspektive zu locken. Meistens gelingt das. "So wissen sie, dass das Geld auch pünktlich am ersten Tag des Monats auf dem Konto ist - das ist in Brasilien keinesfalls immer so", beschreibt Lösch die vorherrschenden Verhältnisse.

Vorbereitung auf den Alltag

Auch wenn der Fußball in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs von Brasilien zur Weltmacht nicht mehr die einzige Hoffnung für ein junges Talent darstellt: Der filigrane Umgang mit dem Ball ist hier immer noch der schnellste Weg zum Reichtum.

Und sollte ein Spieler an den hohen Erwartungen scheitern und den Sprung zum Profi nicht schaffen, nimmt er dennoch wichtige Erfahrungen mit. "Jeder wird bei uns auf das alltägliche Leben vorbereitet. Allein die Tatsache, dass ein Schüler nicht in Kontakt mit Drogen kommt, ist ein wichtiger Schritt. Aber auch ein Schulabschluss eröffnet neue Möglichkeiten", so Lösch.

Vom Traum zum Albtraum

Schafft nun ein Talent den Sprung zu den Profis eines brasilianischen Vereins, warten die nächsten Probleme auf ihn. Das liegt vor allem an der Atmosphäre in südamerikanischen Stadien. Der Traum vom Profifußball kann so auch schnell zum Albtraum werden.

Denn oft werden Spieler schon im Alter von 16, 17 Jahren ins kalte Wasser geworfen, was böse Folgen haben kann. Beim ersten Fehlpass wird der Spieler vom gesamten Stadion gnadenlos ausgepfiffen, nach einer Niederlage kann er sich nicht auf der Straße blicken lassen. Nicht selten passiert es sogar, dass die Fans am nächsten Tag das Trainingsgelände überfallen.

Hier geht's weiter mit Teil II: Sklaverei? "Das ist Schwachsinn"

Linus Brüggemann

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