Dienstag, 29.11.2016

Formel 1 2017: Ausblick auf die Regeländerungen

Breiter, schneller - besser?

Der Formel 1 steht vor einer neuen Ära: Nach drei Jahren reinem Feintuning wird das Reglement 2017 sowohl technisch als auch sportlich gehörig umgekrempelt. Doch was ändert sich konkret? Und welche Auswirkungen wird das haben? SPOX gibt einen Ausblick.

Technisches Reglement

In den letzten Jahren war Detailarbeit angesagt. Um Änderungen am Design der Autos zu erkennen, musste man schon genauer hinsehen. Nun folgt der Cut: Mit einer "Macho-Kur" soll die Formel 1 wieder brachialer aussehen, deutlich schneller werden und an alte Zeiten erinnern.

Design: Das Motto der neuen Formel-1-Boliden? Breite! Breite! Breite! 20 Zentimeter gewinnen die Chassis links und rechts insgesamt dazu, maximal zwei Meter Breite macht das im Ganzen. Auch Front- (15cm) und Heckflügel (20cm) werden breiter. Zwischen Vorder- und Hinterachse dürfen von nun an 1,60 Meter Platz sein. Darüber hinaus wird der Heckflügel deutlich tiefer angebaut. Alles für ein aggressiveres Aussehen.

Das Mindestgewicht wird dabei um 20 auf insgesamt 722 Kilogramm angehoben. Der aerodynamisch Clou der Änderungen? Es wird deutlich mehr Abtrieb erzeugt, die Kurvengeschwindigkeiten werden steigen. Die Rundenzeiten sinken Schätzungen zufolge um vier bis fünf Sekunden pro Runde. Das Fahren soll wieder anstrengender werden.

Reifen: Dass die Autos im kommenden Jahr so schnell sein werden, liegt auch an den neuen Reifen. Für die Regelmacher gilt hier erneut: Breiter ist gleich besser. Um 25 Prozent legen die Pirellis daher zu. Konkret heißt das, dass die Gummis an der Vorderachse von 245 auf 305 Millimeter und an der Hinterachse von 325 auf 405 Millimeter wachsen. Mit diesen wuchtigen Maßen hat jeder Reifen deutlich mehr Auflagefläche. Ein deutliches Grip-Plus ist garantiert.

Problem: Pirelli konnte seine Reifen bisher nicht an den neuen Formel-1-Wagen testen, einzig Probefahrten in überarbeiteten Alt-Modellen waren für die Italiener möglich. Eine 100 prozentige Gewissheit, wie die Pneus arbeiten, hat also niemand. Entsprechend geht Pirelli zu Saisonbeginn wenig Risiko: Bei den ersten fünf GPs schreibt der Hersteller die Reifenkontigente vor. Für alle Teams gibt es sieben Satz der weichen, vier der mittleren und zwei der härtesten Mischungen.

Antriebseinheit: Weil die 2014 eingeführten V6-Hybrid-Motoren unsägliche Kosten verursachen und bei Teams wie Red Bull im Vorjahr für viel Ärger sorgten, eröffnete die FIA eine Ausschreibung für Alternativmotoren. Ohne Erfolg, alle Bewerbungen wurden abgewiesen.

Entsprechend ändert sich für 2017 verhältnismäßig wenig bei den Antrieben. Die vielleicht wichtigste Anpassung: Das Token-System ist endgültig beerdigt. Während die Antriebseinheiten bisher nur begrenzt weiterentwickelt werden durften, sind die Hersteller um Mercedes, Ferrari, Renault und Honda jetzt frei in ihren Fortschrittsprozessen.

Weil man davon ausgeht, dass die neuen Autos mehr Benzin verbrauchen, wird das zulässige Spritlimit pro Rennen auf 105 Kilogramm erhöht (zuvor 100 kg). Darüber hinaus werden die Kundenkosten um eine Millionen Euro pro Jahr gesenkt, sodass nun noch 17 Millionen für eine Saison fällig sind. 2018 fallen nochmal drei Millionen weg. Zudem soll die die Zahl der erlaubten Einheiten pro Saison gesenkt werden.

Die Möglichkeit, dass ein Rennstall keinen Motor erhält - so wie es Red Bull 2015 drohte -, gibt es nicht mehr. Der Hersteller mit den wenigsten Kundenteams muss ein motorloses Team ausstatten. Der Vertrieb von alten Power-Units ist gestattet, vorausgesetzt dass diese mit den neuen Modellen mithalten können. Davon profitiert allen voran Sauber, das die 2016er-Motoren von Ferrari erhält. Toro Rosso kehrt zu Renault-Aggregaten zurück.

Sportliches Reglement

Das viel diskutierte Funkverbot hoben die F1-Verantwortlichen schon während der 2016er-Saison nahezu gänzlich auf. Auch die sogenannte "Verstappen-Richtlinie", mit der ein Spurwechsel beim Anbremsen verboten wird, fand bereits ihren Eintrag in die Regelbücher. Der Fokus für 2017 lag daher auf einem der größten Kritikpunkte in diesem Jahr.

Stehende Starts: In diesem Jahr regnete es bei genau drei Rennen: in Monaco, England und Brasilien. Jedes Mal startete das Feld hinter dem Safety Car. Der vermeintlich spannendeste Part des Wochenendes wurde den Fans so verwehrt. Dass da Kritik an der Rennleitung entsteht, ist logisch. Nun soll Abhilfe geschafft werden.

Reifen-Tests: Dicke Dinger sind Pflicht!
Dicke, fette Brocken! Mercedes darf endlich die neuen Reifen für 2017 testen. Der Unterschied zu den aktuellen Pneus ist gewaltig
© pirelli
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Die neuen Hinterreifen nehmen um 8 Zentimeter zu - von 325 auf 405 Millimeter. Und vorne? Da sind's immer 6 Zentimeter - 305 Millimeter ist dann der Standard
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Auch von vorne sehen die Walzen deftig breit aus
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Auch von vorne sehen die Walzen deftig breit aus
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Weil weder Rosberg noch Hamilton das neue Schwarze Gold testen wollten, darf Pascal Wehrlein im 2015er-Mercedes ran. Vor allem die Hinterreifen wirken mächtig!
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Nächstes Jahr sollen die Autos rund vier Sekunden schneller werden. Dicke Dinger sind da natürlich Pflicht
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Nachdem Vettel und Gutierrez bereits im August für Ferrari testen durften, übt sich nun auch der Iceman auf den neuen Pirellis. Steht ihm, oder?
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Hier macht sich Sebastian Vettel für seinen Test in Fiorano bereit. Machohaftes Desgin - das dürfte dem Traditionsliebhaber gefallen
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Sebastian Vettel steuerte den Ferrari der Saison 2015 mit getuntem Heckflügel und breiten Schlappen über die hauseigene Scuderia-Strecke
© pirelli
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Der Flügel musste aufgepolstert werden, um das Downforce-Level der neuen Autos zu simulieren. 2017 werden die Flügel weit weniger hoch aufragen - zusammen mit den Reifen ein imposantes Bild
© pirelli
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Die Italiener hatten in Monaco am Samstag vor der Quali erstmals gezeigt, wie die Autos 2017 ungefähr aussehen
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Richtig dicke Schlappen an der Hinterachse - richtig dicke! Da läuft jedem Formel-1-Fan das Wasser im Mund zusammen
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Pirelli hatte die neuen Reifen nicht einfach an ein aktuelles Auto geschraubt, sondern die Abmessungen aller Teile ans 2017er Reglement angelehnt
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Eine Meinung dazu: Danke! Das sieht endlich wieder nach echten Formel-1-Reifen aus
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Selbst Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene und Kompagnon Gene Haas wollten sich diesen Anblick nicht entgehen lassen. Verständlich!
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Wenn Bernd Mayländer künftig auf die Strecke fährt, wird es anschließend keinen fließenden Re-, sondern einen stehenden Start geben. Ursprünglich war diese Regeländerung nur für Safety-Car-Starts im Regen geplant, nun soll nach jeder SC-Phase das Rennen komplett neu aufgenommen werden.

Der im Rahmen des Abu-Dhabi-GPs öffentlich gewordene Plan von Force India hat allerdings noch einige Hürden vor sich: Bei so einer spontanen Regelanpassung bedarf es Einstimmigkeit aller Beteiligten. Der Vorschlag muss von der Strategiegruppe, dem FIA-Weltrat und der Formel-1-Kommission durchgewunken werden.

Antriebseinheit: Eine Rückversetzung von insgesamt 55 Startplätzen kassierte Lewis Hamilton beim Großen Preis von Belgien. Zumindest offiziell. De Facto musste der dreimalige Weltmeister lediglich vom letzten, also dem 22. Platz starten.

Der Grund? Mercedes wechselte bei Hamiltons Boliden gleich doppelt die Einheiten der Power-Unit. Damit nutzen die Silberpfeile ein Schlupfloch. Statt zusätzlicher Strafen hatte der Engländer plötzlich drei frische Triebwerke für die restliche Saison.

Solche Kniffs sind ab 2017 nicht mehr möglich. Sollte ein Fahrer künftig bei einem GP mehrere Antriebselemente wechseln, darf nur noch das letzte getauschte Teil bei den nächsten Rennen straffrei verwendet werden.

Auswirkungen

Das Ziel der Regeländerungen ist klar: Die Königsklasse des Motorsports soll mit mehr Action und besserer Show wieder mehr Menschen von sich begeistern. Der Macho-Look der neuen Boliden ist sicher ein richtiger Schritt, doch werden die Rennen wirklich spannender?

"Die Krux ist, dass du bei mehr Downforce auch eher von den Luftverwirblungen des Vorderwagens beeinträchtigt wirst", erklärt Williams' Technikchef Pat Symonds. Heißt im Umkehrschluss: Je mehr Abtrieb und desto höher die Kurvengeschwindigkeiten, desto schwieriger ist es, dem Vordermann zu folgen. Überholmanöver sind dann noch schwieriger.

Was bisher komplett in den Sternen steht: das Kräfteverhältnis in der kommenden Saison. "Die neuen Regeln sind für jeden wie ein leeres Blatt Papier", meint Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Und Designer Adrian Newey fügte an: "Wir stehen vor vielen Herausforderungen und das bedeutet auch, dass sich viele neue Chancen schaffen."

Bei einschneidenden Regeländerungen sind markante Verschiebungen immer möglich. Das hat die Vergangenheit bewiesen. Wer am Ende profitieren kann und wer einbüßen muss? Offen. Klar ist nur, dass die meisten Beteiligten auf ein Ende der Mercedes-Dominanz hoffen, die in 59 Turbo-Ära-Rennen zu 51 Siegen führte. Besonders Red Bull, das bei aerodynamischen Änderungen immer punkten konnte, darf sich Hoffnungen auf einen spannenden WM-Kampf machen.

Auch Ferrari sollte man wohl nicht abschreiben. Nach dem Seuchenjahr wird die Motivation besonders groß sein, es den zahlreichen Kritikern zu zeigen. Mit McLaren und Renault gibt es darüber hinaus zwei weitere Werksteams, die mit ihrem Mega-Budget auf einen großen Sprung nach vorne spekulieren.

Leidtragende könnten demnach die kleineren Teams wie Force India, Sauber und Co. sein. Ohne das nötige Kleingeld ist es besonders schwer, den teuren Entwicklungskampf mitzugehen. Vor allem im Saisonverlauf könnte die Lücke zwischen Groß und Klein auseinander klaffen.

Die Formel 1 im Überblick

Dominik Geißler

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