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Taktikecke


Gründer: Taktiker | Mitglieder: 190 | Beiträge: 21
01.03.2013 um 21:34 Uhr
Geschrieben von r44
Die Schönheit des Gegenpressings
Seit Anfang dieser Dekade gehört das Gegenpressing zum Fußballtrend. Vom individuellen Nachsetzen aus den Urzeiten des Fußballs über das gruppentaktische Bedrängen der Südamerikaner in den ausgehenden 30ern bis zum totalen Fußball der Niederländer: Die Geschichte des Pressings nach Ballverlusten ist eine langwierige und vertrackte. Das moderne Gegenpressing hingegen lässt sich leicht auf den Punkt bringen.

Josep Guardiola ließ es beim FC Barcelona spielen. Die unaufhörliche Jagd nach dem Ball. Es ist Mittel zum Zweck, um nicht nur das Spiel mit dem Ball am mannschaftlichen Fuß zu kontrollieren, sondern auch außerhalb. Der FC Barcelona hatte seine stärkste Zeit, wenn sie ihr Angriffs- und nach Ballverlusten ihr Gegenpressing aufzogen. Dann kontrollierten sie zwar 78% vom Ballbesitz, aber 100% vom Spiel. Das ist auch die Differenz zu heute, denn aktuell kontrollieren sie nur den Ball und nur noch wenig vom Spiel.

Beim BVB war das Gegenpressing ähnlich gestrickt. Ihnen ging es um Kontrolle des Spiels durch Kontrolle der Raumzeit in der Spielmatrix. Bei ihnen war der Ballbesitz fast schon ein gegenteiliger Indikator zur Spielkontrolle, obwohl sich das mit fortschreitender Zeit änderte – doch auch in dieser Saison hatten sie in der CL ihre besten Vorstellungen, als der Ballbesitz gen 30% ging. Aktuell leben die, laut Jürgen Klopp, bayrischen Diebe davon, dass sie mit einer maskulineren Mannschaft diese Dauerballjagd abgekupfert haben; die elegante Ballspielweise des Gegenpressings wurde zur Mannspielweise, wo man den Körper statt den Füßen einsetzt, um den Ballverlust defensivtaktisch zu neutralisieren.

Dennoch bleibt das Prinzip und die Schönheit des Gegenpressings in beiden Variationen immanent: Innerhalb eines Sekundenbruchteils werden kollektive Bewegungen durchgeführt; harmonisch-dynamisch wie ein Stück von Sergey Rachmaninov, durchdacht wie ein Aljechin-Schachzug.

Die Schwäche der aufgefächerten Formation wird nicht durch eine geschickte Stellung oder feiges Zurücksprinten ohne Sinn und Verstand zu kaschieren versucht, sondern in ihrer Instabilität stabilisiert. Aus der Schwäche wird eine Stärke, denn jenes Zehntel, in dem der Balleroberer sich wegen der veränderten Ausgangslage neusortiert, wird er zum Schwachpunkt des gesamten Spiels. Sämtliche Planungen des Gegners werden vernichtet. Ein Akt des Mutes, des Instinktes und der kollektiven Gedankenkraft sorgt für den Sieg.

Doch dieser könnte zum Pyrrhussieg werden, denn abermals kommt der Feind des intellektuellen Fußballs um die Ecke – der blinde lange Ball, die Provozierung eines physischen Laufduells, wird vom Gegenpressing und ihres natürlichen Feindes, dem talentlosen Feigling, naturgemäß provoziert.

Ist es also die Münchner Kombination von Rustikalität und die Verweigerung einer femininen Art der Ballabnahme, die zur Errettung des Gegenpressings sorgt? Die uns vor einer sicherlich kurzen, aber nicht minder düsteren Prägung des kick-and-rush bewahren wird? Die Zeit wird es uns zeigen.

Doch jeder wahre Fußballiebhaber und –taktiker, sollte aus Prinzip das Gegenpressing protegieren und Ballverluste nach Balleroberungen als Ehre, statt als Fehlverhalten sehen; zumindest so lange der einzige Ausweg der lange Ball ist.
Aufrufe: 6192 | Kommentare: 8 | Bewertungen: 7 | Erstellt:01.03.2013
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KOMMENTARE
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menudo_golazo
08.03.2013 | 08:24 Uhr
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menudo_golazo : Danke!
08.03.2013 | 08:24 Uhr
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menudo_golazo : Danke!
@vanGaalsNase und die Kartoffel
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Mtzov
07.03.2013 | 15:36 Uhr
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Mützov : 
07.03.2013 | 15:36 Uhr
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Mützov : 
Ähm. Ich finde es schön, dass jemand mal einen Blog zum Gegenpressing schreibt, aber dieser hier hat ein sehr großes Manko: Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass es hier nicht darum ging, das Gegenpressing und seine Vor-/Nachteile zu erläutern und dem Taktiklaien nahezubringen, sondern vielmehr mit vielen schönen und hochtrabenden Worten ein Loblied darauf zu singen. Welches zumal dann für einen Großteil der Leser hier in Teilen unverständlich ist (Rachmaninov, Aljechin, Pyrrhus? Ganz ehrlich: Die kennt bei weitem nicht jeder). Das hier ist ein wunderbarer Text, hochliterarisch, aber am Ziel vorbei, da er das Lesen für den Durchschnittsuser hier quasi unmöglich macht. Es erinnert mich ein wenig an die Lateintexte in der Schule, an denen man auch immer herumdoktern musste, um den Sinn herauszuarbeiten. Ich würde dir gerne mehr geben, stilistisch ist das hier eine klare Zehn, aber inhaltlich und von der Leserfreundlichkeit viel schwächer. Mehr als vier Punkte kann ich dir da nicht geben. Dazu war es zuviel schönes Nichts, denn eine echte Betrachtung des Gegenpressings findet nicht statt. Wer weiß, wenn man den Titel betrachtet, war das vielleicht auch gar nicht dein Ziel, aber dann bist du in der Taktikecke falsch, denn da geht es um Taktik.
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Die_Kartoffel
07.03.2013 | 14:30 Uhr
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07.03.2013 | 14:30 Uhr
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Klar ist das Gegenpressing im modernen Fußball mehr und mehr ausgeprägt und klar zeugt es von einer aggressiven, offensiven Spielweise.

Aber es als das taktische non-plus-ultra zu bezeichnen, finde ich auch nicht korrekt.
Mir hat zum Beispiel Inters Abwehrverhalten bei deren Champions-League-Triumph sehr gefallen, was ja das ziemliche Gegenteil zum aggressiven Pressung war.

Letztendlich hängt es immer noch von Gegner und Spielermaterial ab, welche Art von Verteidigung geeigneter ist und ich finde es unmöglich zu sagen, dass das eine grundsätzlich taktisch besser oder effektiver sein soll.


Als Hymne auf dieses Pressung (wie es wohl auch gedacht war) ist dir der Blog jedoch ziemlich gut gelungen.


@menudo_golazo:

Wenn man zwischen Pressing und Gegenpressing differenzieren will, kann man sagen, dass Pressing jegliche Art des Vorschiebens und Unter-Druck-Setzen des Gegners durch Vorschieben bezeichnet, während Gegenpressing den "überfallartigen" Versuch der direkten Rückeroberung des Balls beschreibt
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vanGaalsNase
07.03.2013 | 14:27 Uhr
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07.03.2013 | 14:27 Uhr
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Gegenpressing heißt, dass man nach einem Ballverlust nicht gleich nach hinten läuft, um sich dort neu zu organisieren. Stattdessen geht man sofort wieder auf Balljagd. Weil der Gegner den Ball zuvor im Pressing erobert hat, holt man ihn sich sogleich wieder und presst dagegen -> Gegenpressing...

Da ein solches Vorgehen eine gute Raumaufteilung und ein hohes Maß an Abgestimmtheit erfordert, ist es ein recht anspruchsvolles Element im eigenen Spiel. Dieser Term wird momentan zwar eher inflationär gebraucht; aber ein bloßes Modewort ist es nicht.
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menudo_golazo
07.03.2013 | 14:23 Uhr
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menudo_golazo : Pressing oder Gegenpressing?
07.03.2013 | 14:23 Uhr
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menudo_golazo : Pressing oder Gegenpressing?
Gibts da einen Unterschied oder ist Gegenpressing wieder so ein aufgebauschtes Modewort, dass nur länger ist, also unnütz?
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vanGaalsNase
07.03.2013 | 13:39 Uhr
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07.03.2013 | 13:39 Uhr
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Ich habe jetzt beide Blogs von dir gelesen und denke, dass es ihnen an objektiven Elementen mangelt. Wenn du von Eleganz und der Schönheit von Taktik und Gegenpressing sprichst, sind das weniger taktische Analysen, als vielmehr persönliche Leidenschaften deinerseits. Du benutzt recht viele Fremdwörter und nennst Rachmaninov, sowie Aljechin, um sie als Maßstab für Schönheit heranzuziehen. Alles Hinweise darauf, dass du eine höhere Bildung besitzt.

Aber davon hat der Leser nichts. Du solltest ihn "an die Hand nehmen" und ihn deinen Gedanken folgen lassen. Du hättest zum Beispiel mit Grafiken darstellen können, wie der BVB oder der FC Barcelona jeweils ihr Gegenpressing umsetzen. Dann hättest du eventuelle inhaltliche Bezüge zur Aljechin-Verteidigung herstellen können: Weiß hat Raumvorteil, bleibt aber in der Figurenentwicklung zurück, wobei häufig nur die Bauern vorrücken. Schwarz hat währenddessen einen Zeitvorteil und kann die gegnerischen Bauern attackieren, sodass das Zentrum nach und nach erobert wird.

Die ursprüngliche Initiative von Weiß wird von Schwarz also nicht passiv verteidigt, sondern sogleich mutig attackiert. Schwarz dominiert den Faktor Zeit und verhindert eine Entwicklung der weißen Figuren. Ähnliches findet auch beim Gegenpressing im Fußnball statt, wenn der Gegner nach der Balleroberung keine Zeit erhält, den Spielaufbau und die eigene Spielentwicklung ruhig und kontrolliert voranzutreiben.
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Libero_
07.03.2013 | 12:42 Uhr
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Libero_ : 
07.03.2013 | 12:42 Uhr
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Libero_ : 
Sprachlich eine 9, inhaltlich 4 macht gut gemeinte 7 Punkte.
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RoterBulle92
01.03.2013 | 22:15 Uhr
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01.03.2013 | 22:15 Uhr
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Nette Idee endlich mal ein Blog über Gegenpressing

Jürgen Klopp hat mal gesagt dass das Gegenpressing, der beste Spielmacher einer Mannschaft ist.
Mir gefällt vor allem wie die jungen Trainer es immer versuchen ihrer Mannschaft als allererstes einzuprägen. War bei Klopp auch so. Als allererstes hat er intensiv das Spiel gegen den Ball geschult. Aber auch Tuchels Mainzer im zweiten Jahr haben mir da sehr gefallen.
Ich glaube perfektes Gegenpressing ist ein Prozess, der im Kopf beginnt. Ballverlust-->Chance zum Ballgewinn-->Drauf


"doch auch in dieser Saison hatten sie in der CL ihre besten Vorstellungen, als der Ballbesitz gen 30% ging"

Ich glaube das ist aber das beste Mittel wenn du als eigentlich unterlegene Mannschaft ins Rennen gehst. Wenn du heutzutage nur noch zurückziehst und stellst, bist du nicht mehr so erfolgreich gegen überlegene Gegner. Peter Hyballa hat mal gesagt, wir schießen die meisten Tore, wenn der Gegner den Ball hat. Weil wir ihn dann jagen können
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