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Von: TheHugo
20.09.2020 | 212 Aufrufe | 0 Kommentare | 0 Bewertungen Ø 0.0
Alternative Perspektive auf Thiagos Abgang
Die richtige Entscheidung
Thiagos Abgang schmerzt aus sportlicher Sicht, doch seinem Wunsch nachzukommen war alternativlos

Für viele war es eine Hiobsbotschaft: Thiago verlässt den FC Bayern in Richtung Liverpool. Und natürlich wurde sofort wieder Kritik an der Vereinsführung laut. Den besten Kicker der Liga habe man verloren, obendrein noch für eine Ablöse, die seinem Stellenwert nicht gerecht werde. Doch obwohl der Abgang eines so begnadeten Fußballers selbstverständlich ein herber sportlicher Verlust ist, so war es eben jene Vollzugsmeldung, die dazu führte, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder stolz auf diesen Verein war. Nicht die achte Meisterschaft in Folge, nicht der Triple-Sieg nach äußerst schwierigem Saisonstart oder das dominante Auftreten der Mannschaft gegen jeden noch so starken Gegner konnten bei mir eine ähnliche emotionale Regung hervorrufen. Ich war zufrieden, verspürte auch etwas Genugtuung nach einem schwachen Saisonstart und zahlreicher Kritik am Verein, der Transferpolitik und den Spielern, die vor allem auch aus den eigenen Reihen kam. Doch wirklich berühren konnte mich dieser sportlich größte aller Triumphe nicht.

Und das lag nicht nur am Einfluss des Corona-Virus. Geboren in den 90ern habe ich als Bayern-Fan bereits so ziemlich alles mitgemacht: schmerzvolle Niederlagen, wie etwa 1999 oder 2012. Aber vor allen Dingen auch Siege, Titel, Dominanz. Der emotionale Höhepunkt war selbstverständlich das Triple 2013. Der erste CL-Titel, den ich voll bewusst miterleben durfte. Der Sieg im Finale gegen den größten nationalen Konkurrenten. Zu einer Zeit, in der der FC Bayern zwar bereits sehr gut, aber eben noch nicht ganz oben war. Es war der Höhepunkt legendärer Vereinsikonen wie Schweinsteiger, Lahm, Ribéry, Robben und natürlich Jupp Heynckes. Und natürlich der Beginn der großen Bayern-Ära im Anschluss durch die Verpflichtung von Pep Guardiola. Seitdem ist Bayern nicht mehr aus dem internationalen Titelrennen wegzudenken. Selbst, als man im Achtelfinale ausschied, war dies immerhin gegen den späteren Sieger FC Liverpool. Doch mit jedem Jahr, mit jeder weiteren Meisterschaft, mit jedem Abgang einer weiteren Vereinsikone schwand bei mir das Interesse am FC Bayern und am Fußball generell. Das hat viele Gründe: das Ende der eigenen Vereins-Laufbahn. Begeisterung für neue Sportarten. Die Monotonie in der Liga. Aber auch die Entwicklungen im Fußball als Ganzem haben bei mir den Spaß am Spiel schwinden lassen. Wie soll man sich über Siege, über Titel freuen, wenn die Voraussetzungen für sportlichen Erfolg so ungleich verteilt sind? Wenn eine Meisterschaft nichts Besonderes mehr, sondern die Baseline ist? Wenn Vereine einfach Geld aus dem Nichts generieren können, um nach oben zu kommen? Und dann auch noch Corona. Stadien ohne Fans. Titel ohne Feiern. Kurzum: der erneute Triple-Sieg hatte für mich kaum mehr Bedeutung. Dabei halte ich ihn nicht, wie einige andere, für sportlich wertlos. Vielmehr ist es die emotionale Bedeutung, die mir fehlt.

Das mag auch daran liegen, dass die neue Generation um Kimmich, Gnabry, Goretzka, Davies und natürlich Hansi Flick einfach zu früh ihren Höhepunkt erreichte. Für viele war es das erste große Finale. Für ein paar sogar die erste Saison auf diesem hohen Niveau. Und direkt konnte man alles gewinnen. Schweinsteiger, Lahm, Robben, Ribéry und Heynckes mussten viele Rückschläge und viel Kritik einstecken. Verlorene Finals mit dem FC Bayern, bittere Niederlagen mit den Nationalmannschaften, Verletzungen, Entlassungen, Kritik in den Medien und Zweifel an der Qualität, am Sieger-Gen und den Führungskompetenzen. All das führte dazu, dass man mitfieberte, dass man hoffte, dass man erleichtert war. Dass man spürte, wie eine Last abfiel und dass man denen, die über Jahre, fast Jahrzehnte den FC Bayern repräsentiert hatten, den Erfolg und die Anerkennung gönnte, die sie spätestens mit diesem Triple verdienten.

Bei der neuen Generation ist das Narrativ ein anderes. Hier funktionierte es gleich im ersten Anlauf und dabei hatte dieses Team aus Trainer und Mannschaft noch nicht mal eine gemeinsame Sommervorbereitung. Und vielleicht ist genau das auch der Grund, warum der Thiago-Abgang mich nun mit Stolz erfüllt. Denn irgendwie war es ja auch Thiago, der diese neue Generation zusammen mit seinem Förderer Guardiola einleitete, als eben jener Guardiola ihn mit der Aussage Thiago oder nix! zum FC Bayern holte. Und auch Thiago musste durch ein Tal voller Niederlagen gehen. Auch Thiago sah sich immer wieder Kritik gegenüber: er sei ein Schönwetterfußaller. Zu verspielt. Tauche in wichtigen Spielen ab. Und wie die Triple-Mannschaft aus 2013 konnte auch Thiago am Ende seine Kritiker Lügen strafen. Seine Zeit beim FC Bayern wird damit rund, sein Auftrag ist erfüllt. Er hat alles gewonnen. Hat eine neue Generation Spieler mit angeführt, angeleitet. Und ich bin froh, dass man ihm nun seinen Wunsch erfüllt und ihn ziehen lässt. Natürlich ist das ein sportlicher Verlust, der nicht direkt gleichwertig zu ersetzen ist. Doch die Zukunft sieht für den FC Bayern auch ohne Thiago rosig aus. Und der Umgang mit seinem Wechselwunsch, sein emotionaler Abschied und die Worte, die man von den Beteiligten hören konnte, machen mich stolz. Auch wenn oder gerade weil Rummenigge und vor allem Hoeneß in den letzten Jahren sehr viel Kredit verspielt und den FC Bayern ein ums andere Mal ins falsche Licht gerückt haben. Denn es zeigt, dass es beim FC Bayern noch immer menschlich zugeht, dass der sportliche Erfolg eben nicht über allem steht. Und das macht mich stolzer als jeder Titel.

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