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Tennis

Pro oder contra - Was soll aus dem Davis Cup werden?

Von tennisnet
Yannick Noah
© getty

Ja, warum denn eigentlich?

CONTRA: Fragt man ihn nach dem "größten Match", das er je gespielt habe, dann antwortet Boris Becker: "Hartford - 1987!" Das legendäre Davis-Cup-Duell in den USA - gegen John McEnroe. Der 3:2-Sieg der DTB-Auswahl, ein sportliches Drama in mehrerer Akten, ging in die Tennis-Geschichte ein. Nicht zuletzt wegen des Duells Becker vs McEnroe über 6:21 Stunden, das der Deutsche mit 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2 gewann. "Das war ein Krieg", sagte er später über die denkwürdige Schlacht mit wüsten Beschimpfungen und allerlei Mätzchen aus der Psychokiste, an die sich auch knapp 31 Jahre danach nicht nur eingefleischte Tennis-Fans erinnern können.

Das Foto, das Becker zeigt, wie er nach vollbrachter Tat am Schlusstag stolz mit der deutschen Fahne über den Court im Hexenkessel Civic Center läuft - ausgepfiffen von knapp 16.000 Amerikanern - ging um die Welt. Dieses Sommer-Wochenende im Juli 1987 war Davis Cup pur. Die drei Tage stehen auch heute noch stellvertretend für das, was den traditionellen Mannschafts-Wettbewerb in der Einzelsportart Tennis ausmacht: Sie stehen für gelebte Emotionen, die sich sicher nicht entfalten können, wenn sie in einen siebentägigen Wettbewerb mit Ländervergleichen am Fließband gezwängt werden. Und das im November, am Ende einer ohnehin schon Saison, am Ende der Welt, wahrscheinlich irgendwo in Asien. Und das schlimmste: Auf neutralem Boden.

Wenn der reizvolle Heim-/Auswärts-Faktor flöten geht, ist das der Anfang vom Ende des bedeutendsten Team-Events im Tennissport. Dann verliert der Davis Cup seine Identität - und damit seine Seele. Er wird nicht weiter existent sein, wenn ITF-Präsident David Haggerty dank einer Milliardenspritze eines (!!!) Investors seine überraschenden und mit den Protagonisten offenbar nicht abgesprochenen Pläne in die Tat umsetzt. Nach dem Motto: Koste es, was es wolle !!! Und was ist am Festhalten an Traditionen schlecht? Die Classic Coke, die "Rote" mit alter Rezeptur, ist seit Jahrzehnten der Quotenhit. Und Nutella sollte halt dunkelbraun sein.

Klar, das aktuelle Davis-Cup-Format muss überdacht werden, weil es angesichts der immer immenser werdenden Belastung der Profis auf der Tour einfach nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Stichpunkt: Best-of-five-Matches. Eine kleine Frischzellenkur, sprich ein paar Neuerungen hier und dort - in Absprache mit den Spielern! - würde das zugegebenermaßen etwas in die Jahre gekommene Antlitz des Wettbewerbs wieder erstrahlen lassen.

Keine Stars mehr am Start

Der offenbar beratungsresistente Haggerty aber plant den Davis Cup aus der Retorte, der dann "World Cup of Tennis" heißt. Frankenstein lässt grüßen. Er selbst verkauft es als sanfte Radikalkur. In Wahrheit ist es eine 2.0-Version des früheren World Team Cups in Düsseldorf. Dass der streitbare Amerikaner inmitten seiner Willkür und Reformwut offenbar vergessen hat, ein Modell für die Zukunfts des Fed Cups vorzulegen, ist ein weiteres Kapitel in der Serie "Pleiten, Pech und Pannen mit Haggerty". Und es ist einfach respektlos.

Ein Nationen-Turnier noch im Anschluss an das ATP-Finale der besten acht Spieler Mitte November wird dafür sorgen, dass noch mehr Stars dem Mannschafts-Wettbewerb fern bleiben. Dabei ist die Abstinenz der ganz Großen im Davis Cup eines der Hauptthemen, warum überhaupt über Änderungen am Modus nachgedacht wird. Roger Federer und Rafael Nadal wird man so oder so nicht mehr locken können. Beide haben die "Salatschüssel" mindestens einmal gewonnen. Es ist bezeichnend, dass sich der Schweizer und der Spanier erst mit der Davis-Cup-Trophäe im Arm als "komplette Tennis-Heroen" fühlten.

Ach ja, beim Duell zwischen den USA und Deutschland 1987 ging es nicht um den Endspiel- oder Halbfinal-Einzug. Es war eine Partie um den Verbleib in der Weltgruppe der besten 16 Teams. Ein Kampf um sportliche Überleben, der elektrisierte, weil die Rahmenbedingungen stimmten. Nachzufragen bei Boris Becker.

Ulrike Weinrich

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