Cookie-Einstellungen
Suche...
NFL

NFL - Basketball, ein Surfbrett und zu wenig Macht: Darum wurde Pete Carroll einst in New England entlassen

Von Jan Dafeld
Pete Carroll coachte die New England Patriots für drei Saisons.

Pete Carroll hat in Seattle eines der erfolgreichsten Teams dieses Jahrtausends geformt. Vor mehr als 20 Jahren war Carroll allerdings drei Jahre für die New England Patriots tätig. Vor dem Aufeinandertreffen der Patriots und der Seahawks (Mo., 2.20 Uhr live auf DAZN) wirft SPOX einen Blick zurück auf die Amtszeit, in der sich Carroll mit hohen Erwartungen, schlechter Presse und den Strukturen im eigenen Team auseinandersetzen musste.

"Sie wollen, dass Du das Abendessen kochst. Da könnten sie Dich doch wenigstens auch einige der Zutaten einkaufen lassen."

Als Bill Parcells die New England Patriots im Jahr 1996 verließ, ließ der legendäre Coach keine Zweifel über die Hintergründe seiner Entscheidung zu: Parcells verlangte mehr als nur ein kleines Mitspracherecht in den Personalentscheidungen der Franchise. Ein Jahr zuvor hatte der zweimalige Super-Bowl-Sieger im Draft Pass-Rusher Tony Brackens auswählen wollen, doch sein Wunsch war ihm nicht erfüllt worden.

Teambesitzer Robert Kraft, der die Patriots nur zwei Jahre vorher gekauft hatte, setzte damals seinen Willen durch, die Patriots drafteten anstelle von Brackens Wide Receiver Terry Glenn. "Ich glaube, dass unsere Zutaten ziemlich gut sind. Sie sind frisch, ich mag unsere Zutaten", so Kraft, der im Machtkampf keineswegs klein beigeben wollte.

Parcells, der die Patriots innerhalb von vier Jahren von einer 2-14-Bilanz bis in den Super Bowl geführt hatte, schloss sich schließlich im Tausch gegen einen Erst-, einen Zweit-, einen Dritt- und einen Viertrundenpick den New York Jets an. Sein Nachfolger bei den Patriots wurde Pete Carroll, ein 46-jähriger Trainer, der bei seiner bis dato einzigen Station als Head Coach (ebenfalls bei den Jets) nach nur einer Saison entlassen worden war. Größer hätten die Fußstapfen, die er in New England nun füllen sollte, kaum sein können.

New England Patriots: Carroll lud Spieler zum Essen ein

Doch Carroll schreckte keineswegs davor zurück, Dinge anders zu machen als sein legendärer Vorgänger. Als einer der ersten Trainer überhaupt führte er bei den Patriots das Training situativer Spielzüge ein. New England trainierte fortan beispielsweise Two-Minute- und Four-Minute-Drills sowie spezielle Spielzüge in der Red Zone.

Noch deutlich größer als die Abänderung einzelner Trainingseinheiten und Spielzüge fiel allerdings der Wandel im Umgang mit den Spielern aus: Carroll richtete Bowlingevents für sein Team aus, während des Trainings ließ er über große Lautsprecher Musik laufen und in den Pausen spielte er Basketball mit einigen seiner Assistant Coaches.

Nach vier Jahren unter Parcells war dies ein Kulturschock, der stärker nicht hätte ausfallen können. Während die Spieler bei Parcells stets fünf Minuten vor Beginn eines Meetings zu erscheinen hatten und andernfalls von ihrem Coach keinerlei Beachtung geschenkt bekommen hätten, lud Carroll seine Schützlinge mehrfach zum Essen zu sich nach Hause ein.

Für Parcells standen Disziplin und Professionalität stets an erster Stelle, Carroll versuchte auch Spaß und positive Energie zu vermitteln. Es war ein Ansatz, der nicht bei jedem gut ankam. "Wir wollten, dass Bill bleibt. Wir wollten, dass er unser Head Coach ist", erklärte Linebacker Willie McGinest später die Haltung einiger Führungsspieler im Kader. "Pete ließ Spielern mehr durchgehen. Er hat Strafen ausgesprochen, aber man hatte keine Angst vor ihm. Bill war komplett anders."

New England Patriots: Medien misstrauten Carroll

Doch vor allem die großen Medien in Massachusetts misstrauten dem betont locker auftretenden Coach von der Westküste: Vor Carrolls erstem Training Camp mit den Patriots druckte eine Zeitung eine Zeichnung, die Parcells im Stile des US-amerikanischen Kriegshelden George S. Patton und Carroll mit einem Surfbrett und einem Glas Wein in der Hand zeigte. Eine Karikatur, klar, aber doch so ernst gemeint, dass Carroll sich gezwungen sah, öffentlich klarzustellen, dass er noch nie ein Surfboard besessen habe.

"Ich bin sicher: Diese Darstellung, dass er der stets fidele Typ war, der alles nicht so ernst nahm, hat ihn gestört", blickt der damalige Patriots-Quarterback Drew Bledsoe zurück. "Er hatte einfach eine positive Einstellung. Dass ihm das als Schwäche ausgelegt wurde, hat ihn mit Sicherheit gestört. Als ein Freund von ihm stört es auch mich, dass er so wahrgenommen wurde."

Doch die Einstellung der Medien wurde durch den Erfolg von Parcells in New York nur noch verstärkt: Während Carroll, der bei den Jets einen Basketballkorb neben dem Trainingsplatz aufgestellt hatte, 1994 nach nur sechs Siegen entlassen worden war, führte Parcells das Team in nur zwei Jahren von einer 1-15-Bilanz zu einer Saison mit zwölf Siegen und dem Sieg in der AFC East - der Division, in der auch die Patriots und Carroll spielten.

In den Augen der meisten Reporter vertraten die beiden Coaches keine gleichermaßen legitime Philosophien: Der eine machte es richtig, der andere falsch. "Wann schnallt Ihr es endlich?", fragte Carroll in einer Medienrunde während seiner zweiten Saison aufgebracht. "Ihr seid diejenigen, die ein Problem haben. Nicht ich."

New England Patriots: Carroll wünschte sich mehr Macht

Dabei waren die Patriots unter ihrem neuen Coach durchaus erfolgreich. In den Super Bowl führte Carroll New England zwar nicht erneut, trotz einiger schmerzlicher Abgänge führte er das Team in seinen ersten beiden Spielzeiten jedoch zweimal zu einer positiven Bilanz und zweimal in die Playoffs.

Doch trotz 28 Siegen innerhalb von drei Jahren wurde Carroll in Foxborough nie so wirklich glücklich. Er wünschte sich mehr Einfluss in die Personalentscheidungen des Teams - genau wie Parcells es vor ihm getan hatte.

Diese Macht lag allerdings gebündelt bei Bobby Grier, dem Vizepräsidenten des Teams. Grier verantwortete den Draft, die Free Agency und Trades. Carroll durfte seine Meinung äußern, die Entscheidungsgewalt lag jedoch nicht bei ihm. Die Spannung zwischen den beiden soll so stark geworden sein, dass Spieler sich irgendwann nur noch unbemerkt in Griers Büro trauten.

Seine eingeschränkte Macht war ein Umstand, der Carroll stark zusetzte. Er wollte die Spieler, mit denen er arbeiten sollte, selbst auswählen und hatte dabei stets spezifische Vorstellungen. Als Carroll zehn Jahre später die Seattle Seahawks übernahm und dort mehr Befugnisse innerhalb des Teams zugesprochen bekam, führte die Franchise prompt mehr Kaderveränderungen durch als irgendein anderes Team in der Liga.

Pete Carroll: Historische Erfolge bei USC und in Seattle

Als Carroll im Anschluss an seine dritte Saison in New England, in der er mit acht Siegen erstmals die Playoffs verpasste, entlassen wurde, schien er über die Entscheidung geradezu erleichtert: "Es ist einfach nicht so gelaufen, wie ich es mir erhofft hatte. Ich war nicht zufrieden bis ich zurück zu USC gegangen bin und dort wirklich das Sagen hatte."

Bei seiner nächsten Station führte Carroll die Trojans von der University of Southern California in den neun Jahren zwischen 2001 und 2009 schließlich zu sieben Conference Titles und zwei National Championships. Ein herausragender Erfolg. Heute ist der 69-Jährige neben Jimmy Johnson und Barry Switzer einer von nur drei Head Coaches, die sowohl den Super Bowl als auch den College-Titel gewannen.

"Ich habe Pete nicht die Macht gegeben, die er hätte haben sollen", gab Kraft später zu. "Ich habe ihm nicht die Freiheit gelassen, die Spieler zu holen, die er wollte und ich denke, das hat ihm geschadet."

Während Carroll und Parcells die von ihnen angestrebte Macht erst in Seattle und New York erhalten sollten, fand bei Kraft mit der Jahrtausendwende ein Umdenken statt. "Er hat mir zugesichert, dass ich alles bekommen würde, was ich brauchte, um erfolgreich zu sein", schilderte Bill Belichick, der 2000 der neue Coach der Patriots wurde, später seine Verpflichtung. "Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass jemand anderes viele Entscheidungen für mich trifft, dann würde ich heute nicht hier sitzen."

Wie die Geschichte von diesem Punkt an weiterging, dürfte bekannt sein.

New England Patriots: Die Saisons unter Pete Carroll

JahrBilanzDivision-PlatzPlayoffs
199710-6ErsterAus in der Divisional Round
19989-7VierterAus in der Wild Card Round
19998-8FünfterPlayoffs verpasst
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung