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Draft Recap: Quarterbacks für Colts und Bills - welche Teams konnten glänzen?

Jake Fromm ist wohl der beste verfügbare Quarterback am dritten Tag im NFL Draft 2020.

Der NFL Draft 2020 ist Geschichte - und auch Tag 3 hatte so manche Überraschung parat! Jacob Eason etwa landet in Indianapolis, Jake Fromm geht nach Buffalo - beide deutlich später als erwartet. Außerdem: Die Broncos setzen ihren "Drew-Lock-Draft" fort, die Eagles bauen sich ein Speedster-Receiving-Corps und wie immer gab es spannende Value-Picks in den finalen Runden.

NFL Draft 2020: Tag 3 im Recap

Broncos basteln einen Drew-Lock-Draft

Die Grundidee für Teams, die einen Quarterback hoch gedraftet haben und ihn perspektivisch zu ihrem Franchise-Quarterback aufbauen wollen, ist eigentlich im Kern auch für verschiedene Teams sehr gut vergleichbar: Es gilt, möglichst ideale Umstände um diesen Quarterback herum zu bauen.

Die Bills waren da über die letzten beiden Jahre so etwas wie das Vorzeigemodell, mit einer runderneuerten Offensive Line und dann einem komplett neu aufgebauten Wide Receiver Corps; die Broncos bewegen sich in Buffalos Fußstapfen. Man ist keineswegs zu überdramatisch, wenn man Denvers 2020er Draft als "Drew-Lock-Draft" bezeichnen würde.

Gleich die ersten beiden Picks gaben Denver eine enorme Explosivität sowie Yards-after-Catch-Potenzial. Jerry Jeudy ist der beste Route-Runner dieser Klasse, er kreiert einfach konstant enorme Separation und erlaubt es Lock so auch, hier und da mal ein wenig ungenauer zu werfen, da kein Verteidiger nah genug dran sein wird. K.J. Hamler ist der explosivste Slot-Receiver dieser Klasse.

Dieser Trend setzte sich an Tag 3 fort, mit Tight End Albert Okwuegbunam in der vierten Runde - ein physischer, großer Tight End mit eindrucksvollem Speed, der direkt eine Red-Zone-Waffe sein sollte und der im College mit Lock zusammengespielt hat - und dann noch Guard Netane Muti in Runde 6. Muti ist das Power-Blocking-Monster unter den diesjährigen Guards, und hätte er über die letzten beiden Jahre nicht enorme Verletzungsprobleme gehabt, wäre er vermutlich ein hoher Day-2-Pick gewesen.

Dazu noch LSU-Center Lloyd Cushenberry in Runde 3 sowie kurz vor dem Ende Receiver Tyrie Cleveland obendrauf: Die Broncos haben diesen Draft genutzt, um Drew Lock alle Möglichkeiten zu geben, sich als Franchise-Quarterback unter Beweis zu stellen - und sich selbst alle Möglichkeiten, um ihn als solchen zu evaluieren.

Jacob Eason zu den Colts

Einer der Takeaways dieses Drafts war: Die NFL war äußerst nüchtern bei der Betrachtung der Quarterback-Klasse, zumindest nach Runde 1. Dass Justin Herbert und Jordan Love sehr hoch gedraftet wurden, ist ein anderes Thema - doch die sonst so häufigen, frühen QB-Reach-Picks an Tag 2 und 3 blieben aus, im Gegenteil: Hier gab es eher Steals sowie Picks, die den Value des jeweiligen Spielers sehr gut abbildeten.

Ein solcher war Jacob Eason. Einst mit Erstrunden-Hype ausgestattet, ging letztlich in Runde 4, mit Pick 122 Overall - und das in eine perfekte Situation. Bei den Colts kann er zumindest ein Jahr hinter Philip Rivers und vom sehr guten Coaching-Staff um Frank Reich lernen.

Genau eine solche Situation brauchte Eason. Er hat einige fantastische Deep Balls vorzuweisen, hier kann er auch am meisten mit seinem fraglos guten Arm punkten und hier wirkt seine Antizipation deutlich präziser als im Kurz- und Intermediate-Passspiel. Insbesondere eine Play-Action-Downfield-Offense dürfte zu ihm passen.

Doch es wird schnell klar, was für ein Projekt er noch ist: Easons Accuracy ist massiv inkonstant, seine Beinarbeit ist noch ein Projekt und er hat noch große Probleme damit, eine Defense zu lesen. Braucht noch viel zu lange, um Dinge zu antizipieren und ist noch extrem roh in der Pocket. Generell einfach in jeder Hinsicht noch mehr Projekt als irgendetwas anderes.

Buffalo Bills draften Jake Fromm

Was für Eason galt, galt noch mehr für Jake Fromm. Der Ex-Georgia-Quarterback wurde zumeist als Zweit-, spätestens als Drittrunden-Kandidat gehandelt - am Ende schlugen die Bills erst in der fünften Runde mit spektakulärem Value zu.

Abgesehen von Burrow und Tua hat Fromm vielleicht die höchste Base-Line dieser QB-Draft-Klasse. Gilt als sehr spielintelligenter Quarterback, und das Tape bestätigt das: Regelmäßig liest er das komplette Feld, er erkennt Coverages, er sieht, wo sich eine Lücke öffnen wird und bringt den Ball mit Antizipation dorthin. Er hat Touch im vertikalen Passspiel, Fromm macht kaum gravierende Fehler, er hat einen guten Release und hält die Augen gegen Druck Downfield.

Seine Limitierungen sind physischer Natur, und das wiederum dämpft sein Potenzial nach oben: Hat weder einen guten Arm, noch erwähnenswerte Athletik und wenn er mal von einer wackligen Plattform werfen muss oder seine Mechanics zu unsauber sind, macht sich die mangelnde Armstärke schnell bemerkbar. Seine Accuracy bei kurzen Crossern über die Mitte ist noch etwas wacklig, daran muss er definitiv arbeiten. Er wird eine Offense nicht tragen, aber er wird sie extrem verlässlich ausführen. Fromm ist ein High Class Game Manager, und das hat einen Wert.

Spannend ist dabei, wie sehr sich Fromm und Bills-Quarterback Josh Allen stilistisch unterscheiden - hier könnten beide kaum weiter voneinander entfernt sein. Und noch spannender wird die Dynamik hier sein. Was, wenn Allen wieder wackelt? Fromm hat das Potenzial, um sich zu einem echten Konkurrenten zu entwickeln, wenn auch mit komplett anderem Spielstil.

Eagles basteln sich ihr Speed-Receiver-Corps

Speed und Explosivität im Wide-Receiver-Corps - das war das große Thema bei den Eagles in der vergangenen Saison, ganz spezifisch dann nach der Verletzung von DeSean Jackson. Vorhersagen nach dem Draft sind immer riskant, aber eine Sache lässt sich festhalten: Das wird 2020 nicht das Problem für Philadelphia sein.

Nach Jalen Reagor in Runde 1 - dessen Kernkompetenz im Prinzip Speed und Explosivität ist - legten die Eagles an Tag 3 sowas von nach: Philadelphia holte Speedster Marquise Goodwin per (sehr günstigem) Trade aus San Francisco, drafteten in Runde 5 John Hightower und in Runde 6 Quez Watkins; beides vertikale Speed-Waffen. Philadelphia könnte jetzt in der Theorie vier Wide Receiver aufstellen und mit purem Speed gewinnen, ein Quantensprung zum letzten Jahr.

Generell war, nach der Jalen-Hurts-Überraschung, die noch immer schwer zu verstehen ist, Tag 3 deutlich besser in Philly. Jack Driscoll ist ein sehr spannendes Tackle-Projekt, K'Von Wallace ein explosiver Box-Safety.

Weitere Value-Picks an Tag 3 des Drafts

Linebacker Akeem Davis-Gaither (4. Runde, 107 Overall) nach Cincinnati: Ein ultra-athletischer Linebacker, der in puncto Power und Tackling Defizite hat. Aber was Coverage, Reichweite, Agilität du Explosivität angeht alles mitbringt, was man sich von einem modernen Linebacker in der NFL gerade gegen den Pass wünscht.

Cornerback Troy Pride (4. Runde, 113 Overall) nach Carolina: Die Panthers hatten zwar einen reinen Defense-Draft - die Großbaustelle Cornerback adressierten sie dennoch erst in Runde 4. Dafür dort aber mit einem Steal: Pride ist ein Speedster mit großer Reichweite, sehr guter Athletik und Stärken ganz klar in Man Coverage.

Cornerback Amik Robertson (4. Runde, 139 Overall) zu den Raiders: Einer meiner Lieblingsspieler im gesamten Draft; Robertson könnte sich sehr gut als bester Slot-Corner dieser Klasse entpuppen. Extrem explosiv, spielt unheimlich giftig und trotz der geringen Größe physisch und aggressiv. Ein absoluter Playmaker, immer in der Nähe des Balls. Seine Physis kommt mit Limitierungen, aber das ist ein Spieler, dessen Tape extrem viel Spaß gemacht hat. Könnte ein Day-1-Stater für die Raiders sein.

Guard Ben Bredeson (4. Runde, 143 Overall) nach Baltimore: Ist schon sehr gut in Pass-Protection, technisch vor allem einfach wahnsinnig weit. Wird selten aus der Balance gebracht und auch wenn er nicht unbedingt ein dominanter Run-Blocker ist: Bredeson kann sich gut bewegen, und diese Qualität wird von ihm in der Ravens-Offense gefordert sein.

Cornerback Bryce Hall (5. Runde, 158 Overall) zu den Jets: Groß, enorme Reichweite, gute Ball-Skills - Hall ist ein Playmaker, der aus einer Zone-Off-Coverage heraus spielen muss. Da ist er mit Abstand am besten aufgehoben. In Man Coverage aufgrund Speed- und Agilitäts-Defiziten limitiert.

Center Nick Harris (5. Runde, 160 Overall) nach Cleveland: Ein Top-75-Spieler auf meinem Board. Ist Undersized, aber extrem explosiv, super Balance, schnelle Füße, arbeitet schnell aufs Second Level und bewegt sich super im Raum. Für die Browns, die unter Stefanski eine Zone-Blocking-Offense sein werden, ist das ein idealer Fit.

Wide Receiver Tyler Johnson (5. Runde, 161 Overall) nach Tampa Bay: Einer der größten Steals dieses Drafts für mich. Johnson ist ein sehr guter Route-Runner, der permanent Separation kreiert, dadurch auch extrem häufig in der Red Zone gewinnt - und der perfekte Slot-Receiver für Tom Brady in Tampa sein sollte.

Guard Netane Muti (6. Runde, 181 Overall) nach Denver: Power-Blocking-Monster. Muti hat massive medizinische Fragezeichen, über die letzten beiden Jahre hat er kaum gespielt. Hätte er die nicht, wäre er ein mutmaßlich hoher Day-2-Pick gewesen. Bleibt er fit, ein herausragender Run-Blocker.

Offensive Tackle Prince Tega Wanogho (6. Runde, 210 Overall) nach Philadelphia: Auch bei Wanogho gibt es medizinische Bedenken, andernfalls wäre auch er nicht ansatzweise so tief gefallen. Gigantische Länge und Reichweite, muss noch mehr Power entwickeln und explosiver in seinen Bewegungen werden. Potenzial zumindest zum Swing-Tackle aber fraglos gegeben.

Wide Receiver Jauan Jennings (7. Runde, 217 Overall) nach San Francisco: Ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Draft-Boards der Teams im Vergleich mit der öffentlichen, im Vakuum entstandenen Wahrnehmung sein können. Jennings ist kein guter Route-Runner, hat einen langsamen Release, setzt keine scharfen Cuts - aber mit dem Ball in der Hand ist er ein absolutes Monster. Unglaublich physisch, wird kaum mal vom ersten Tackler gestoppt und in der Niners-Offense, in der Receiver insbesondere nach dem Catch gefordert sind, hat das definitiv einen Wert.

Safety Geno Stone (7. Runde, 219 Overall) nach Baltimore: Wie Geno Stone bis in Runde 7 fallen konnte ist mir ein Rätsel - und einmal mehr waren es die Ravens in diesem Draft, die massig Value mitnahmen. Stone ist kein flexibler Matchup-Safety, aber wenn man ihn aus der Tiefe heraus das Spiel lesen und antizipieren lässt, ist er in dieser Rolle eines der besseren Safety-Prospects dieser Klasse. Die Ravens werden in ihrer flexiblen Defense die richtige Rolle für ihn finden; das ist tatsächlich ein Siebtrunden-Pick, der eine sehr reelle Chance auf den finalen Kader hat.

Running Back Eno Benjamin (7. Runde, 222 Overall) nach Arizona: Dass Benjamin bis in Runde 7 fiel ist schwer zu verstehen. Er hat nicht die größte Power und ist kein Speedster; aber er ist dennoch ein Running Back, der Yards kreiert. Extrem agil, explosiv, zeigt tolle Cuts, lässt Verteidiger regelmäßig aussteigen und wurde konstant als Receiver eingesetzt. Ein idealer Scheme-Fit für die Cardinals-Offense, sollte hinter Kenyan Drake früh in die Rotation kommen und könnte Drake dann nach der kommenden Saison beerben.

Edge-Verteidiger Derreck Tuszka (7. Rune, 254 Overall) nach Denver: Einer der besten Value-Picks in Runde 7. Tuszka, so schien es, hatte mit einer sehr guten Combine seine Aktien nach oben geschoben - ein athletischer Upside-Pass-Rusher mit noch viel Raum für Weiterentwicklung. Ist aber keineswegs ein reines Projekt, sondern hat auch schon eine solide Base-Line.

Green Bay Packers bleiben ihrer Linie treu

Über diesen Packers-Draft wird man noch eine ganze Weile lang sprechen - und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Jordan Love an irgendeinem Punkt über die nächsten beiden Jahre vermutlich eine Chance bekommen wird, Aaron Rodgers zu beerben.

Dieser Draft war merkwürdig, er war eigen - er war, soweit sich das von außen beurteilt lässt, krass auf spezifische, zum Teil vom Value her sehr überschaubare, Needs aufgelegt. Und diese Needs adressierten die Packers, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Rücksicht auf den jeweiligen Value.

Power-Back A.J. Dillon und H-Back Josiah Deguara passen in das, was die Packers offensiv machen wollen; in dieser Offense ist es zweifellos wichtig, flexible H-Back/Fullback-Typen zu haben. Aber es ist nicht ansatzweise so elementar wichtig, dass es Day-2-Picks für Spieler-Typen, die in der Regel spät an Tag 3 noch zu haben sind, rechtfertigt.

Die Packers haben Scheme-Fits gedraftet. Viele Spieler, die perfekt in das rein passen, was sie machen wollen. Dabei stand eben der Value der Picks und der Value der jeweiligen Positionen in absolut keinem vernünftigen Verhältnis. Das macht den ganzen Prozess nur schwer nachvollziehbar; so blieb viel Value liegen und die Chance auf Top-Impact-Spieler ungenutzt.

Und falls die Idee in Green Bay tatsächlich ist, dass man sich über das Run Game definiert und alles darauf aufbaut, dann wird es gefährlich. Die ganze Play-Action-Idee in der Shanahan-Offense, aus der Packers-Coach Matt LaFleur ja stammt, beruht darauf, dass die Run- und Play-Action-Designs für die Defense extrem ähnlich aussehen. Sie beruhen nicht darauf, dass ein Power-Back zwei Plays davor hinter einem Fullback für fünf Yards gelaufen ist.

So blieb für Tag 3 die Rest-Hoffnung, dass es vielleicht doch noch Impact-Spieler für die Offense geben könnte. Green Bay stand letztes Jahr im NFC Championship Game, eigentlich galt es, jetzt das Fenster mit Aaron Rodgers nochmals auszunutzen. Doch die Packers gingen drei Mal Richtung Defense und drafteten zusätzlich zwei Offensive-Line-Projekte in der sechsten Runde.

36 Wide Receiver wurden im Draft 2020 ausgewählt - kein einziger davon durch die Packers. Die mit Abstand größte Offense-Baustelle der vergangenen Saison wurde in einem historisch tief besetzten Receiver-Draft komplett ignoriert. Es sind nicht so sehr die individuellen Spieler, sondern die grundlegende Strategie dieses Packers-Drafts, über den man noch eine ganze Weile lang sprechen wird.

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