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NFL: Neues System, neuer Stil, neue Ideen - die Revolution der Baltimore Ravens

Mithilfe von Lamar Jackson gelang es John Harbaugh, das Spiel der Baltimore Ravens zu revolutionieren.

Die Baltimore Ravens sind heißeste Team der NFL und gelten als Topfavorit auf den Gewinn des Super Bowls (Ravens vs. Titans, So. 2.15 Uhr live auf DAZN). Auf dem Weg dahin krempelte Head Coach John Harbaugh sein Team um und startete damit eine regelrechte Revolution.

Die Baltimore Ravens verpassten von 2015 bis 2017 dreimal in Folge die Playoffs und dümpelten vor sich hin. Mit Joe Flacco als Quarterback und einer eher altmodischen Spielweise beeindruckten sie niemanden und galten als Auslaufmodell. Selbst der Stuhl von Head Coach John Harbaugh, seit 2008 im Amt, wackelte allmählich. Keine zwei Jahre später sind die Ravens wiedererstarkt und erstmals überhaupt der Top-Seed der AFC. Wie haben sie das geschafft?

Natürlich zogen sie Quarterback Lamar Jackson, den designierten MVP der Saison 2019, im vergangenen Jahr im Draft und ersetzten Flacco im Laufe des Jahres mit dem Rookie. Das allein sorgte schon für einen Schub, der das Team auf ein neues Level hievte.

Jackson brachte neue Dynamik rein ins Spiel der Ravens, die dieses so wohl noch nie gesehen hatte. Doch wirklich abgeschlossen war diese Transformation noch nicht. Spätestens im Wildcard Game gegen die Los Angeles Chargers nämlich wurden dem damals noch wackligen Konstrukt die Grenzen aufgezeigt. Mit acht Defensive Backs in Coverage war Jackson vor einem Jahr noch schlicht überfordert.

Harbaugh und Offensive Coordinator Greg Roman erkannten dies und zogen die richtigen Schlüsse: Nachdem Flacco nach Denver abgewandert war, galt es, die Stärken von Jackson zu maximieren. Folglich schmiss Roman sein Playbook aus dem Fenster und fing von Grund auf neu an. Harbaugh selbst nannte dies unverblümt schon früh in der Offseason eine "Revolution" der eigenen Offense.

Baltimore Ravens: Run Game im Fokus

Trivial formuliert drehte sich nun alles um das Run Game und Lamar Jackson in exponierter Position. Die Offense bekam jede Menge Option-Elemente - Read-Options, Run Pass Options, teilweise gar Triple Options. Und jede Menge Play-Fakes sowie Misdirections. Harbaugh kündigte mutig eine Offense an, die die NFL so noch nicht gesehen hatte.

Er sollte Recht behalten. Die Ravens leisteten Historisches und liefen als Team für 3296 Yards, womit sie den Allzeit-Rekord der Patriots aus dem Jahr 1978 (3165) überboten. Doch sie waren keineswegs nur auf den Lauf beschränkt. Vielmehr sind sie das erste Team in der Geschichte der NFL, das über eine gesamte Saison im Schnitt sowohl 200 Passing als auch 200 Rushing Yards pro Spiel auflegte. Damit einher ging freilich ein neuer Saison-Rushing-Yard-Rekord für Quarterbacks: Jackson überbot mit seinen 1206 Rushing Yards die alte Bestmarke von Michael Vick (1039) aus dem Jahr 2006, den bis 2019 wohl dynamischsten QB in der NFL-Geschichte.

Doch nicht nur Masse-Statistiken sahen die Ravens durch die Bank in der NFL-Spitze. Auch Footballoutsiders sieht die Ravens in puncto offensiver Effizienz vor allen anderen, speziell in letzter Zeit. Insgesamt werden ihnen 27,5 Prozent DVOA attestiert, schaut man aber auf die Weighted Offense - dabei wird grob gesagt der Saisonbeginn weniger stark gewichtet als die jüngsten Spiele -, dann liegen sie gar bei 31,8 Prozent.

Baltimore Ravens im Effizienz-Ranking

KategorieDVOA (Prozent)Liga-Rang
Team41,51
Team Offense27,51
Passing Offense47,41
Rushing Offense21,11
Team Defense-12,74
Passing Defense-16,04
Rushing Defense-7,919

Noch viel bemerkenswerter allerdings: Mit 47,4 Prozent DVOA legen sie sogar das effizienteste Passspiel hin, noch vor Kansas City und New Orleans mit ihren Superstar-Quarterbacks Patrick Mahomes und Drew Brees. Im Laufspiel sind sie selbstredend klar vorn (21,1 Prozent DVOA).

Ein Grund dafür sind natürlich die 36 Touchdown-Pässe von Jackson, der damit sogar die Liga anführt.

Baltimore Ravens: Defense fast so gut wie im Vorjahr

So überraschend dominant jedoch die Offensive auftrat, ist es vielleicht aber noch überraschender, dass die Defense (-12,7 Prozent DVOA, Platz 3) ihre hohe Effizienz des Vorjahres (-13,1 Prozent DVOA, Platz 3) beibehielt. In diesem Bereich nämlich gab es den vielleicht noch viel größeren personellen Umbruch.

Allen voran verloren die Ravens ihren Top-Pass-Rusher Za'Darius Smith sowie Urgestein Terrell Suggs. Und auch Linebacker C.J. Mosley und Safety Eric Weddle wanderten ab. Freilich wurden sie adäquat ersetzt, speziell durch Safety Earl Thomas und später in der Saison durch den Trade für Cornerback Marcus Peters sogar noch verstärkt. Aber dass es essenziell gelang, die Produktion des Vorjahres nach anfänglichen Problemen fast zu wiederholen, spricht Bände für die gute Arbeit von Defensive Coordinator Don Martindale.

Unterm Strich steht die beste Regular Season in der Geschichte der noch relativ jungen Franchise.

Ein zentraler Punkt dafür ist aber auch Harbaughs Wille, sich auf moderne Ansätze einzulassen. Er beschäftigt sich daher intensiv mit In-Game Analytics und trifft Entscheidungen auch mithilfe nackter Zahlen. In der Praxis sieht das so aus, dass Harbaugh neben Roman auch ständig in Kontakt mit Football Analyst Daniel Stern steht, der neben dem OC oben in der Kabine sitzt und permanent ein Auge auf "Down and Distance" hat, um bestens zu beraten, was die Zahlen für ein weiteres Vorgehen vorschlagen.

John Harbaugh lässt Analytics in Entscheidungen einfließen

Konkret geht es hier um Entscheidungen, wann ein vierter Versuch ausgespielt wird und wann man besser puntet oder kickt. Genauso sagen analytische Daten, wann eine Two-Point Conversion Sinn macht beziehungsweise sogar zwingend nötig werden könnte. Wobei Harbaugh auch immer wieder betont, dass er nicht nur nach den Zahlen geht, sie aber immer in seine Entscheidungen einfließen lässt.

Zwei Spiele, die hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang, sind die Spiele der Ravens gegen die Chiefs und Seahawks.

Bei der Niederlage gegen die Chiefs in Woche 3 lagen die Ravens nach einem Touchdown 19:30 hinten und entschlossen sich entgegen herkömmlicher Gepflogenheiten nicht für einen Extra-Punkt, sondern für eine Two-Point Conversion. Warum? "Wenn man den Rückstand auf neun Zähler reduzieren kann, gibt man sich eine deutlich bessere Chance auf einen Sieg, als wenn man die Overtime erreicht. Zudem hat man die Chance auf OT immer noch mit einer weiteren Two-Point Conversion", erklärte Harbaugh seinerzeit. Der Versuch misslang in diesem Fall, was Harbaugh aber nicht zweifeln ließ, ob es nicht doch sinnvoller gewesen wäre, den Extra-Punkt zu nehmen und letztlich auf Overtime zu spielen.

Ravens: Gatorade-Duschen müssen bis Miami warten

Beim Sieg über die Seahawks in Woche 7 wiederum sahen sich die Ravens einem 3rd&15 an der Seattle-21 gegenüber und Jackson lief einen Option-Keeper für 13 Yards. Die Frage nun war: Kicken oder den vierten Versuch ausspielen? Die Entscheidung war dann letztlich, den Versuch auszuspielen und Jackson erzielte daraufhin einen 8-Yard-Touchdown.

Eine Entscheidung, die sich wie ein roter Faden durch die Saison zog. Wenig überraschend führen die Ravens die Liga in 4th-Down-Erfolgsquote (70,83 Prozent) klar an. Unterm Strich steht dann eine Punkte-Differenz von Plus-249, die beste in der NFL seit 2007 (Patriots mit Plus-315).

Harbaugh und Co. ist also wahrlich eine Revolution gelungen. Sowohl was den eigenen Spielstil und die Art, Entscheidungen zu treffen betrifft, als auch beim Neuaufbau des eigenen Teams. Bedenklich für die Konkurrenz kommt noch hinzu, dass auch die Einstellung im Team passt.

Selbst beim letztlich sportlich unwichtigen Spiel in Woche 17 gegen die Steelers - die Ravens hatten bereits den Top-Seed der AFC unter Dach und Fach gebracht - hielten sie den Fuß auf dem Gaspedal. Mehr noch: Peters, für den die Ravens bereits das dritte Team innerhalb der vergangenen drei Jahre sind, stoppte am Ende seinen Teamkollegen Jimmy Smith beim Versuch, Harbaugh eine Gatorade-Dusche für den 14. Sieg (Franchise-Rekord) zu verpassen. Die Begründung: Dafür sei noch Zeit bis Miami, der Spielstätte von Super Bowl LIV am 2. Februar.

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