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NFL

Lamar Jackson gegen die Dolphins: So gut war die Ravens-Offense wirklich

Von Jan Dafeld
Lamar Jackson und die Baltimore Ravens stellten mehrere Franchise-Rekorde auf.

Der dominante Sieg der Baltimore Ravens gegen die Miami Dolphins gehörte zweifelsohne zu den größten Storylines der ersten Woche. Lamar Jackson und die Ravens brannten offensiv ein Feuerwerk ab und brachen zahlreiche Franchise-Rekorde - allerdings gegen einen sehr schwachen Gegner. Daher stellt sich die Frage: Wie stark traten die Ravens tatsächlich auf? Und was ist im weiteren Saisonverlauf noch von diesem Team zu erwarten?

Kaum etwas wurde zu Beginn der neuen NFL-Saison dermaßen mit Spannung erwartet wie die neue Offense der Baltimore Ravens. Die Franchise aus Maryland ging mit ihrem Quarterback Lamar Jackson All In: Ein neuer Offensive Coordinator wurde installiert, das Receiving Corps von Grund auf erneuert und ein neuer Starting Running Back verpflichtet.

Vor allem aber strebte das Team von Head Coach John Harbaugh eine kleine Revolution an: Die Offense sollte stärker auf Jacksons Stärken zugeschnitten werden, im Gegensatz zum allgemeinen Passing-Trend in der NFL würde das Run-Game so die zentrale Stütze der Ravens werden. Option Runs, Run Pass Options, Quarterback-Runs und sogar die Triple-Option - fast alles schien möglich im neuen Scheme der Ravens. Dass dieses im ersten Spiel der neuen Saison so spektakulär aussehen würde, hatte trotz allem niemand kommen sehen.

Baltimore Ravens: Zahlreiche neue Franchise-Rekorde

Bereits zum Ende des ersten Viertels führte Baltimore mit 28:0, vier Minuten vor der Pause leuchtete der Stand 42:3 auf der Anzeige im Hard Rock Stadium in Miami. Zum Spielende hatten die Ravens mit ihrem 59:10-Sieg zahlreiche neue Franchise-Rekorde aufgestellt. Die 42 Punkte zur Pause waren ebenso eine neue Bestmarke wie die 59 Punkte am Ende des Spiels, die 643 Net Yards der Offense sowie der Vorsprung von 49 Punkten.

Rookie Marquise Brown mit 147 Receiving Yards und 2 Touchdowns, Mark Andrews mit 108 Receiving Yards und 1 Touchdown sowie Mark Ingram mit 107 Rushing Yards und 2 Touchdowns bei nur 14 Carries feierten allesamt einen hervorragenden Saisoneinstand - und doch standen sie am Sonntag alle noch im Schatten von Jackson, der eine absolut überragende Vorstellung zeigte.

Der 22-Jährige brachte 17 von 20 Pässen für 324 Yards und 5 Touchdowns an den Mann. In der gesamten Vorsaison hatte er gerade mal 6 Touchdown-Pässe geworfen. Seine Completion Percentage lag mehr als 25 Prozent über dem Vorjahr, seine Yards pro Pass-Versuch waren mehr als doppelt so hoch wie noch 2018. Jackson zeigte sein statistisch bestes Spiel als Profi - mit weitem Abstand!

Lamar Jackson: Genauer als jeder andere Quarterback

Und ja, die Ravens spielten gegen die Dolphins, das wohl schlechteste Team der NFL, vielleicht das schlechteste Team der letzten Jahre. Und doch ist das alleine noch keine ausreichende Erklärung für eine solche offensive Explosion. Jacksons 16,2 Yards pro Pass waren der beste Wert in den vergangenen zehn Jahren, seine 21,2 Adjusted Yards pro Pass stellten sogar den höchsten Wert seit mehr als fünfzig (!) Jahren dar!

Es ist somit klar: Die offensive Vorstellung der Ravens war nicht allein dem Gegner geschuldet. Miami ist nicht das einzige miserable Team der vergangenen fünfzig Jahre, tatsächlich ist die Secondary mit Xavien Howard und Minkah Fitzpatrick sogar noch am ehesten als eine Stärke des Teams auszumachen.

Diesen Punkt untermauert auch die so genannte Completion Percentage above Expectation von Next Gen Stats. Dieser Statistik zufolge betrug Jacksons Expected Completion Percentage in Woche eins 60,2 Prozent, ligaweit ein unterdurchschnittlicher Wert. Die Differenz von 24,8 Punkten zwischen Jacksons erwarteter und seiner tatsächlichen Completion Percentage war die höchste unter allen Starting Quarterbacks.

Dass Jacksons Pässe am Wochenende nicht nur für seine Verhältnisse herausragend genau waren, unterstreicht zudem auch das Tape. Die Pässe zu Brown vor dessen erstem und zweitem Touchdown waren ohne Frage nicht optimal verteidigt und doch brauchte es nicht weniger als einen perfekten Pass, um hier aus einer langen Completion tatsächlich einen Touchdown zu machen. Unter Jacksons drei Incompletions fielen zudem ein Drop von Willie Snead in der Endzone sowie ein leicht überworfener Deep Ball auf Brown - ebenfalls alles andere als schlechte Pässe.

Baltimore Ravens: Einige Auffälligkeiten im Dolphins-Spiel

Schematisch lässt der Auftritt gegen die Dolphins allerdings noch nicht allzu viele Rückschlüsse zu. Jackson hatte nur 21 Dropbacks, die Sample Size ist somit relativ klein. Dass die Ravens trotz Harbaughs kontrovers diskutierter "take the over"-Aussage nur drei Quarterback-Runs verzeichneten, lässt darauf schließen, dass sie angesichts der hohen Führung einen eher kleinen Teil ihres Playbooks nutzten.

Einige Auffälligkeiten können dennoch schon nach der ersten Woche festgehalten werden. Zum einen: Die Ravens werden die RPO in diesem Jahr - zu niemands Überraschung - intensiv nutzen. Exemplarisch dafür steht Jacksons erster Touchdown-Pass auf Brown.

Durch eine Tight-End-Motion verschob Baltimore den Fokus der Defense hier schon vor dem Snap auf die rechte Seite des Feldes. Es folgte ein (angetäuschter) Outside Hand-Off auf Ingram, während die zwei Receiver von der gegenüberliegenden Seite des Feldes jeweils eine Slant-Route liefen. In dem Moment, in dem die Defense auf den Run von Ingram reagierte, zog Jackson den Ball zurück und traf Brown, der ohne Safety-Hilfe einen einfachen RAC-Touchdown verbuchen konnte. Es ist ein Play aus dem Repertoir von Andy Reid, das die Chiefs in der vergangenen Saison bereits mehrfach mit Tyreek Hill in der Slot-Rolle von Marquise Brown liefen.

Dass Baltimore den Run als eine mögliche Gefahr nicht nur bei RPOs und Run-Fakes nutzen konnte, zeigt derweil Browns zweiter Touchdown. Obwohl Miami nur drei Rusher schickte, spielten diese ganz offensichtlich in erster Linie ihre zuständige Gap, anstatt aktiv den Weg zum Quarterback zu suchen. Auch das gab Jackson die nötige Zeit, um seinen Receiver tief für einen 83-Yard-Touchdown zu finden. Später erklärte Miamis Defensive Tackle Davon Godchaux selbst, die Dolphins hätten Jackson dazu zwingen wollen, den Ball zu werfen.

Zu guter Letzt beweisen sowohl der Touchdown von Willie Snead als auch Mark Andrews' 39-Yard-Catch in der zweiten Halbzeit, dass die Ravens trotz ihres starken Fokus auf dem Running Game keineswegs ausschließlich auf enge Formationen, heavy Personnel und Power-Backs bauen wollen. Bei beiden Catches callte Greg Roman ein Play aus der Empty Formation, um die Defense auseinanderzuziehen und durch Jacksons Fähigkeiten als Runner dennoch einen Linebacker in der Mitte des Feldes zu binden. Bei beiden Plays attackierte Jackson schließlich die vertikale Seam-Route (bei Andrews' Catch callte Roman sogar "5 Verticals"), beide Male gegen Pressure in der Pocket.

Jacksons Spiel gegen die Dolphins: "Nicht schlecht für einen Running Back"

Es kann also festgehalten werden: Die Leistung der Ravens, und von Jackson im Besonderen, war am vergangenen Wochenende herausragend - und das nicht, nur weil es gegen das wohl schlechteste Team der Liga ging. "Wir haben exzellenten Football gespielt", zeigte sich auch Harbaugh entsprechend zufrieden. Welche Schlüsse dieses Spiel in Bezug auf den weiteren Saisonverlauf zulässt, ist allerdings noch fragwürdig.

Jackson wird kein weiteres Mal so gut wie jeden vertikalen Pass perfekt anbringen können und seine Receiver nicht jeden Ball problemlos fangen. Es ist somit wahrscheinlich, dass die Ravens ihr bestes Spiel der Saison 2019 bereits gespielt haben. Und dennoch macht diese Offense Lust auf mehr. "Wir habe vorher schon gesagt, dass wir eine andere Offense spielen werden, auch wenn viele Leute uns wohl nicht geglaubt haben", erklärte Andrews. "Wir können den Ball laufen, wenn wir müssen und wir können den Ball werfen, wenn wir müssen. Die Defense wird sich entscheiden müssen."

Jackson selbst zeigte sich trotz seiner historischen Leistung noch zurückhaltend. "Ich schätze schon", antwortete der Quarterback auf die Frage, ob Baltimore mit seiner Vorstellung ein Statement gemacht habe. Statement hin oder her, seine größten Kritiker hat Jackson bereits nach nur einem Spiel schon Lügen gestraft - und ist sich dessen auch bewusst. "Nicht schlecht für einen Running Back", beschrieb Jackson sein Spiel augenzwinkernd. Das kann man so unterschreiben.

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