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NFL

NFL: Eine Abrechnung mit der aktuellen Overtime-Regel

Der Coin Toss zwischen den Chiefs (l.) und Patriots im AFC Championship Game.

Trotzdem werden weiterhin Argumente für die aktuelle Regel ins Feld geführt. Das Problem: Keine einzige davon hält Stand, wenn man sie genauer analysiert.

"Defense gehört zum Football dazu. Soll das Team ohne Ball eben Defense spielen und sich den Ball holen."

Antwort: Ganz genau. Wie schon oben erwähnt, gehört die Defense dazu. Aber eben bei beiden Teams. Niemand will, dass es ein Team gewinnt, wenn es in der Defense niemanden stoppt und in OT nur Touchdowns zulässt. Nur soll sich auch die zweite Defense dieser Herausforderung stellen.

Wenn man dann noch bedenkt, dass Offenses immer dominanter werden und Defenses zum Ende eines Spiels generell platter und deshalb im Nachteil sind, funktioniert dieses Argument nicht.

"Man hätte ja in der regulären Spielzeit den letzten Drive des Gegners verhindern/das entscheiden Field Goal schießen/die Interception nicht werfen/dies und das tun können. Also selbst schuld."

Antwort: Hat man doch! Man hat - in der Kombination aus Offense und Defense! - genauso viel wie nötig getan, damit es am Ende unentschieden stand.

Das Argument "Sie hätten besser spielen können!" ist, wenn man es logisch bis zum Ende durchdekliniert, ein Totschlagargument. Man hätte IMMER besser spielen können. Deshalb darf es niemals als Rechtfertigung für Benachteiligung genutzt werden.

Außerdem: Das weiß ja auch jeder. Es ist die Aufgabe von Trainern, Spielern und Verantwortlichen, besser zu spielen. Niemand legt sich in der Offseason auf die faule Haut, weil man ja gewonnen hätte oder zumindest hätte gewinnen können.

Aber ist auch die Aufgabe der Referees und des Regelwerks, dafür zu sorgen, dass man dafür belohnt wird, wenn man besser war als der Gegner. Oder zumindest nicht bestraft wird, wenn man genauso gut war.

Das ist nämlich das entscheidende Kriterium im Leistungssport. Es geht nicht darum, dass man hätte besser spielen können. Man muss "nur" besser sein als der Gegner. Ein "Sie hätten ja besser sein können" als Begründung führt den Wettbewerb ad absurdum. Man soll so gut sein wie möglich, natürlich. Aber zunächst einmal muss man besser sein als der oder die Gegner an diesem Tag.

"In der Overtime gewinnt das Team mit dem ersten Ballbesitz nur knapp über 50 Prozent der Spiele. Die Regel ist also fair."

Antwort: Laut dem NFL-Experten Ross Tucker sind es 52,7 Prozent, um genau zu sein. Also alles paletti? Schließlich haben die Rams ja gegen die Saints den Coin Toss verloren und das Spiel trotzdem gewonnen.

Nein, auch dieses Argument zieht nicht. Allein die oben genannte Statistik sollte zu denken geben: 7-1 für das Team mit Ball, fünfmal kam der zweite Quarterback nicht zum Zug - die Statistik in den Playoffs ist also eine ganz andere. Zudem wissen wir, dass das Spiel immer offensiv-lastiger wird und damit für das Team ohne Ball unfairer. Sollte man jetzt warten, bis die Quote bei 60/40 liegt? 70/30?

Entscheidend bei diesem Argument ist jedoch Folgendes: Die Statistiken spielen letzten Endes keine Rolle. Denn: Selbst ein Ergebnis von genau 50/50 wäre kein Beweis für Fairness. Das ist ein fataler Denkfehler. Ein ausgeglichenes Ergebnis ist kein Beweis für gleiche Chancen. Man muss kein Statistik-Experte sein, um das zu verstehen.

Das Argument muss vielmehr umgekehrt aufgebaut werden: Zuerst sorgt man für gleiche Chancen, so gut wie es auf dem Papier eben möglich ist. Danach schaut man sich die Statistiken an. Und für gleiche Chancen hat die NFL nicht gesorgt.

Statistiken können natürlich ein HINweis darauf sein, dass eine Regel fair oder unfair ist. Ich habe ja selbst auch schon Statistiken zitiert. Aber sie sind kein BEweis. NFL-Spiele sind unberechenbar, es kann selbst bei Chancengleichheit hunderte Gründe geben, warum am Ende kein 50/50 herauskommt.

Warum eine 50/50-Statistik kein Beweis für Fairness ist

Warum ist 50/50 kein Beweis? Stell dir einen Boxkampf vor, bei dem nach zwölf Runden und gleicher Wertung folgende Regel gilt: Dein Gegner hat einen Münzwurf gewonnen und darf zuerst zuschlagen (mit einer beträchtlichen Chance, dich auszuknocken - vielleicht darfst du dich nicht bewegen/nur eine Hand zur Deckung nehmen/wie auch immer). Wenn du danach noch stehst, bist du dran.

Ist das unfair? Selbstverständlich. Aber was ist, wenn diese Regel zuvor schon ein Dutzend Mal angewendet wurde, mit einem exakt ausgeglichenen Ergebnis? Ist sie dann kein Nachteil mehr für dich?

Natürlich ist sie das. Deswegen lenkt das alleinige (!) Fokussieren auf Statistiken vom eigentlichen Problem ab. Die Regel ist dazu da, um im Einzelfall für gleiche Chancen zu sorgen - völlig unabhängig von historischen Bilanzen. Es geht um den Einzelfall, und für die Chiefs war es am Sonntag vor einer Woche ein brutaler Nachteil. Und es wird wieder passieren. Ein ausgeglichenes Ergebnis ist schön und gut. Aber es garantiert kein "Level Playing Field". Und das muss das Ziel sein.

"Brady-Hater! Hätte Mahomes gewonnen, oder die Falcons im Super Bowl LI, würde sich niemand beschweren."

Antwort: Natürlich würde sich jemand beschweren - nämlich die Pats-Fans, und das mit Recht. Die Tatsache, dass die Patriots in der Brady-Ära in Playoff-OT dreimal den Münzwurf gewonnen und danach direkt einen Touchdown erzielt haben, macht sie zur ultimativen Kombination aus "lucky and good". Hätten sie den Münzwurf und die Overtime dreimal verloren, wäre die Regel genauso ungerecht.

Man stelle sich vor, Brady spielt noch ein paar Jahre und erreicht noch dreimal den Super Bowl. Dreimal bringt er sein Team mit einer übermenschlichen Leistung im Schlussviertel zurück, erreicht wie durch ein Wunder die Overtime - und kommt dann dreimal nicht an den Ball. Der GOAT, ausgebremst von einer Regel. Wollen wir das wirklich?

"Man kann eben nicht ewig weiterspielen, denkt nur an die Verletzungen. Außerdem haben alle anderen Regeln ja auch Nachteile."

Antwort: Richtig, die vergleichsweise hohe Verletzungsrate in der NFL unterscheidet sie von anderen Ligen, das darf man in der OT nicht außer Acht lassen. Aber übertrumpft sie wirklich die Tatsache, dass derzeit eine klar unfaire Regel den Ausschlag geben kann - und es auch oft tut?

Es werden 16 Spiele in der Regular Season gespielt, dazu bis zu vier Playoff-Spiele, nicht zu vergessen die vier Preseason-Spiele. Alles, um einen würdigen Champion zu ermitteln. Aber die Overtime auf ein komplettes Viertel auszudehnen, um eine klar unfaire Regel zu entkräften, ist plötzlich undenkbar? Das ergibt keinen Sinn.

Die NFL-Profis sind klar gegen ein zusätzliches Saisonspiel - absolut verständlich. Ich wage zu behaupten, dass es gegen potenziell ein paar Minuten mehr in den Playoffs keine Proteste gebe, wenn es darum geht, auf faire Art und Weise den richtigen Champ zu ermitteln. Das Argument greift einfach nicht.

Welche Overtime-Regel wäre die Beste?

Ich bin übrigens auch kein knallharter Verfechter des "Lasst uns noch ein komplettes Viertel spielen." Wobei es eine bessere Regel wäre, ganz klar. Das Argument, dass das zweite Team ja dann weiß, ob und wie der Gegner gepunktet hat und deshalb den vierten Versuch ausspielen kann, wird hier gern ins Feld geführt. Aber das ist auch jetzt schon der Fall, wenn zunächst nur ein Field Goal erzielt wird. Damit können die Befürworter der jetzigen Regel leben - aber wenn nach Touchdown ebenfalls weitergespielt wird, plötzlich nicht mehr?

Und es gäbe eine Vielzahl an Varianten, um diesen Vorteil zu entschärfen: Beim vierten Versuch muss gepuntet werden. Oder er muss ausgespielt werden. Oder das zweite Team muss die 2-Point-Conversion ausspielen, wenn dem ersten Team ein Touchdown gelungen ist. Oder, oder oder ...

Wer jetzt direkt entgegnet, dass die genannte Variante Nachteil X hat, dem erwidere ich: Gut! Lasst uns diskutieren, lasst uns Varianten wälzen! Ich hänge nicht am kompletten Viertel, es gibt so viele Möglichkeiten:

  • (Eine Variante der) College-Regel
  • Abwechselnde 2-Minute-Drives von einem festgelegten Startpunkt
  • Abwechselnde 2-Point-Conversions (auch als möglicher Tiebreaker nach 2-Minute-Drives)
  • Das Heim-Team darf entscheiden, ob es den Ball will
  • Kreative Varianten, in denen der Coin Toss durch einen Wettbewerb ersetzt wird
  • Kreative Varianten, um den Ball zu bekommen. Zum Beispiel: Beide Coaches "bieten" geheim um den Ball - wer näher an der eigenen Endzone beginnt, bekommt Ballbesitz

Ich weiß, es ist ungewohnt, manches ist sinnvoller und manches nicht, und wir sind sowieso Gewohnheitstiere. Es gibt sicherlich keine Regel, die alle auf Anhieb überzeugt.

Vielleicht gibt es überhaupt keine perfekte Regel. Aber das darf kein Argument gegen eine Regeländerung sein - es gibt nämlich definitiv bessere, weil fairere Varianten. Welche auch immer.

Hauptsache, die derzeitige wandert in den Mülleimer der Geschichte.

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