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Third and Long: Seattles Desaster und die Blaupause der Chargers

Die Seattle Seahawks standen sich in Dallas - wieder einmal - selbst im Weg.
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Antonio Brown, Chargers, Defenses - eure Fragen

Niklas_Cage: Soll Pittsburgh Antonio Brown traden?

Die Steelers müssen ihren Locker Room in den Griff bekommen, und da schaue ich zuallererst nicht auf die Spieler, sondern auf Head Coach Mike Tomlin. Tomlin lässt seinen Spielern eine gewisse Leine und will ihnen so die Möglichkeit geben, sich auch selbst zu regulieren, wenn man so will.

In den letzten Jahren hatte ich allerdings zu häufig den Eindruck, dass diese lange Leine nicht funktioniert, weil die Spieler Tomlin zu häufig dafür bestrafen. Brown mag nicht der umgänglichste Typ sein, doch dass aus solchen Situationen derart riesige Probleme werden und in Pittsburgh Jahr für Jahr Drama vorzufinden ist, liegt ohne Frage auch an der Art und Weise, wie das Team geführt wird. Und das geht vom Head Coach aus.

Was Brown angeht: für mich wäre es immer noch ein Wahnsinn, einen der drei besten Wide Receiver, einen echten Unterschiedsspieler, erst recht in der modernen NFL, auch in dieser Situation abzugeben. Einerseits isoliert betrachtet, umso mehr aber, wenn man sich die Umstände anschaut.

Die Steelers sind jetzt noch im Titelfenster, solange Roethlisberger spielt. Dafür sollte man das bestmögliche Team aufs Feld bringen, und dazu gehört Antonio Brown natürlich. Umso mehr, da ein Brown-Trade Pittsburgh mit über 21 Millionen Dollar an Dead Cap für 2019 zurücklassen würde - das Team wäre also sportlich signifikant schlechter und man hätte nicht einmal finanziellen Spielraum bekommen, um das auszugleichen. 22,1 Millionen Dollar Cap Hit mit einem All-Pro-Receiver im Team, oder 21,1 Millionen Dollar Cap Hit ohne ihn.

Ab 2020 sieht das dann natürlich anders aus, Pittsburgh würde in der Summe 38 Millionen Dollar einsparen; den Effekt davon aber erst ab 2020 merken, womöglich wenn Roethlisberger dann zurückgetreten ist und die Steelers einen Umbruch einleiten müssen. Das Titelfenster mit Big Ben würde man mit einem Brown-Trade vermutlich zuschlagen.

Carsten Dreyer: Haben die Chargers vielleicht das kompletteste (Defense, Quarterback, Offensive Line, Receiver, Running Back) aller Playoff-Teams?

Ich sehe die Saints noch immer vorne, bei den Chargers macht mir die Mitte rund um die Line of Scrimmage auf beiden Seiten des Balls noch immer Sorgen: Die Interior Pass Protection ist ein Problem, das ist kein Geheimnis - und auch die Linebacker und Interior Defensive Line sind angreifbar. Letzteres versteckte ein herausragender Game Plan gegen Ravens hervorragend, doch wie sieht das gegen Teams aus, die mit einer vielseitigeren Offense kommen?

Abgesehen davon haben die Chargers sehr viele Bausteine: ein starkes Pass-Rush-Duo, die jetzt - ohne Chicago und Baltimore - beste Secondary in den Playoffs, einen Top-5-Quarterback dieser Saison, ein gutes Backfield und ein gefährliches Receiver-Duo in Mike Williams und Keenan Allen. Die Saints, vorausgesetzt Terron Armstead kehrt zurück, sind für mich aber noch einen Schritt weiter. Defensiv individuell nicht auf dem Chargers-Level, aber mit weniger deutlichen Schwachstellen - und offensiv in der Summe noch ein klein wenig stärker besetzt.

FRANKtheTank: Glaubst du, aufgrund der gestiegenen Komplexität des Spiels, insbesondere in der Offense, dass es auch bei den Coordinatoren viele Wechsel geben wird. Siehe Schottenheimer und Co.?

Nein, weil viele Teams noch immer auf diese Art spielen wollen. Mit dem Run Game und der Defense das Spiel kontrollieren, das Passing Game für vereinzelte Big Plays und ansonsten (wenn überhaupt) ebenbürtig mit dem Run Game verwenden - für viele Head Coaches ist das noch immer die Wunschvorstellung. Mit dieser Idee ist Jacksonville in die Saison gegangen, Pete Carroll in Seattle will so spielen, genau wie Mike Zimmer in Minnesota oder auch Matt Patricia in Detroit.

Das wird sich auch nicht über Nacht ändern, wenngleich erfolgreiche Konzepte in der NFL früher oder später übernommen werden; und Teams werden die Offense-Designs der Rams, Chiefs und Bears etwa in der Offseason genau studieren. Deshalb wird aber nicht plötzlich jeder Coach voll auf das Passing Game setzen, und in manchen Fällen erlaubt die Quarterback-Situation das auch gar nicht.

Spannender wird es eher sein, ob die NFL hier irgendwann wieder in einen Kreislauf verfällt. Seit Jahren ist jetzt feststellbar, wie das Passing Game nicht nur dominanter, sondern auch im Vergleich mit dem Run Game die immer größere Rolle einnimmt, wenn es darum geht, was über Sieg oder Niederlage entscheidet. Gibt es hier womöglich irgendwann den Trend dahin, dass Defenses so Pass-orientiert werden - individuell wie auch schematisch - dass das Run Game wieder über einen längeren Zeitraum effizienter wird? Noch sind wir davon weit weg.

LukardoS und Taufeger: Die Saison war ja sehr offensiv geprägt, woher kommt der Wandel in den Playoffs, dass eigentlich alle Spiele Defensivschlachten waren?

Kein Team hatte mehr als 24 Punkte am Wochenende, das war schon auffällig - genau wie die Tatsache, dass die beiden besten Defenses der Regular Season mit den Bears und den Ravens trotzdem den Rest der Playoffs von der Couch aus verfolgen werden. Die sieben besten Defenses was zugelassene Yards pro Play angeht (Bears, Ravens, Bills, Vikings, Jaguars, Steelers, Titans) sind allesamt nicht mehr im Rennen. Aber ich bin ein Fan davon, die Spiele individuell zu betrachten:

Ravens vs. Chargers: Die Ravens hatten fast die ganze Saison über eine herausragende Defense und haben den Chargers schon vor zwei Wochen große Probleme bereitet. Dass es hier für L.A. wieder schwer werden würde, war nicht überraschend - gleichzeitig war Lamar Jackson über etwa 80 Prozent des Spiels im Passing Game ein Totalausfall und Baltimores Offensive Line wurde vom Pass-Rush der Chargers dominiert, was hier ebenfalls für defensive Dominanz sorgte.

Cowboys vs. Seahawks: Die Cowboys haben ihre Sache defensiv insofern gut gemacht, als dass sie das stoppten, was Seattle machen wollte - gemeint ist natürlich das Run Game. Trotzdem ist die Antwort hier vor allem im Game Plan der Seahawks zu finden: Hätte Seattle dieses Spiel in die Hände von Russell Wilson gelegt, die Seahawks wären deutlich näher an die 30-Punkte-Marke gekommen - und wären vielleicht noch im Wettbewerb.

Texans vs. Colts: Houston hatte über weite Teile der Saison derart große Offensive-Line-Probleme, dass es für mich noch immer überraschend ist - und ein großer Verdienst von Hopkins und Watson -, dass die Texans die Division überhaupt gewinnen konnten. Das war so aber einfach nicht aufrecht zu erhalten, umso mehr, da Houston mit den Zone Coverages der Colts schon vor einigen Wochen größere Probleme hatte. Auf der anderen Seite des Balls haben die Colts offensiv anfangs gemacht, was sie wollten; erst später wurden sie konservativer und verwalteten die Führung.

Bears vs. Eagles: Auf beiden Seiten hat man eine Säule der Erfolgsformel beider Teams gesehen: Pressure mit vier Spielern. Das klappte vor allem in der ersten Hälfte; doch als beide Offensive Lines stärker wurden, kam es auch zu den Big Plays im Passing Game. Die Bears konnten Philadelphia dabei wieder einmal mit Double Moves schlagen, während bei Chicago defensiv der Ausfall von Eddie Jackson schwer ins Gewicht fiel.

In der Summe also: gar nicht so überraschend, wie die Spiele verliefen, wenn man sich die Stärken und die Schwächen der einzelnen Teams anschaut; individuell wie auch in puncto Coaching. Für mich ist der Takeaway dennoch: Eine Top-Defense kann dich auch auf Playoff-Level im Spiel halten - gewinnen musst du es aber mit der Offense.

Ein Juppie: Der kommende Draft-Jahrgang wird ja als "Elite-Defense-Klasse" bezeichnet, glaubst du, wir sehen nächstes Jahr dann wieder mehr dominante und vor allem konstante Defenses als dieses Jahr?

Ich glaube, dass Defenses immer mehr Antworten finden und Offenses im Gegenzug wieder mehr Denkaufgaben und Herausforderungen bereiten werden, und dass dieser Prozess bereits begonnen hat. Die Ravens mit ihren komplexen Pressure- und Blitz-Paketen, die Bears mit ihren schwer lesbaren Matchup-Coverages, die Patriots mit ihren diversen Linebacker-Rushes und -Blitzes: Gute Defenses werden im Pass-Rush effizienter, weil sie Blocker beschäftigungslos und damit unnütz machen und weil sie auf jedem Level schwer lesbar sind.

Was wir außerdem wieder sehen: Teams, die ohne Blitzing Druck auf den Quarterback ausüben können, sind noch immer eine Herausforderung, auch für die Top-Offenses. Die Eagles, Cowboys und Chargers stechen dabei in den Playoffs besonders hervor; drei Defenses, die alle wenig auf Blitzing setzen (müssen) und dafür in ihren Zone Coverages im Laufe der Saison immer sicherer und schneller wurden.

Letzteres trifft auch auf die Colts zu, wenngleich Indianapolis im Pass-Rush mehr über das Blitzing kommt. Das ist per se keine neue Erkenntnis, aber unterstreicht nochmals, dass für viele Teams Pass-Rusher noch mehr die zentrale Premium-Position in ihrer Defense sein werden. Und da wird der kommende Draft einige Defenses nochmal deutlich gefährlicher machen.