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NBA-Kolumne Above the Break: "Spiel zu Spiel"? Dann sollten die Lakers Frank Vogel gleich entlassen

Frank Vogel bezahlt bei den Los Angeles Lakers für Fehler von anderen.

Frank Vogel sitzt bei den Los Angeles Lakers nach einem enttäuschenden Saisonstart offenbar auf dem Hot Seat. Das verwundert niemanden - wenn der Head Coach gehen muss, bezahlt er jedoch nicht für die eigenen Fehler.

Wer die NBA und ihre Gerüchteküche verfolgt, hat sich über die Jahre an allerlei komische Formulierungen gewöhnen müssen. Nie wurde das mehr auf die Spitze getrieben als beim Draft 2018, als die Reporter eigentlich die Anweisung erhielten, keine Picks im Voraus zu verkünden, um den Spaß nicht zu verderben. Niemand hielt sich daran.

Jedenfalls nicht richtig. Adrian Wojnarowski suchte damals einfach Schlupflöcher und erfand legendäre Floskeln wie "The Lakers are unlikely to resist Moritz Wagner with the 25th pick", "Boston is tantalized by Robert Williams" oder "Portland has a laser on Anfernee Simons", weil er es konnte. Nun kamen die Kollegen von The Athletic mit einer weniger lustigen, aber ebenfalls eigentümlichen Aussage um die Ecke.

Im Bericht um eine mögliche Entlassung von Lakers-Coach Frank Vogel hieß es, dieser werde "auf einer Spiel-zu-Spiel-Basis evaluiert" und coache sozusagen in jeder Minute um seinen Job; als würde ein angesagtes Play nach einer Auszeit oder, noch besser, ein Sideline-Interview nach dem ersten Viertel noch einen Unterschied machen.

Nun lieferte die bittere Pleite gegen die Pacers keine unbedingt hervorragenden Argumente für eine Weiterbeschäftigung. Vogels Team zerbröselte im vierten Viertel, durch das Benching von Russell Westbrook in den Schlussminuten bahnt sich neuer Ärger an, wobei das Vogel auch schon egal sein könnte. Allerdings, so heißt es unter anderem bei Yahoo Sports, wird Vogel vorerst nicht entlassen, in der Nacht auf Samstag darf er in Orlando wohl noch einmal an der Seitenlinie stehen.

Lakers: Es liegt nicht an Frank Vogel

Doch wenn dieser Punkt in der Gerüchteküche schon erreicht ist, wenn die Lakers sich mit dem Meistercoach von 2020 (!) so unsicher sind und irgendjemand aus der Organisation mit den oben genannten Aussagen an die Presse tritt, dann ist es in Wirklichkeit schon lange zu spät. Dann sollten die Lakers Vogel tatsächlich einfach entlassen - selbst wenn er daran nicht die Hauptschuld trägt.

Um das kurz aus dem Weg zu räumen: Fehlerlos ist Vogel nicht, die laufende Spielzeit ist wohl nicht sein bester Coaching-Job. Es hat lange gedauert und dauert im Prinzip immer noch an, dass Vogel die richtigen Rotationen findet. Er hielt zu Saisonbeginn (zu) lange an insbesondere DeAndre Jordan und großen, Shooting-armen Lineups im Allgemeinen fest.

Nur: Ein Coach kann eben auch nur mit dem Spielermaterial arbeiten, das ihm zur Verfügung steht. Es ist dann seine Aufgabe, das Beste daraus zu machen, und vielleicht ist Vogel da noch nicht beim Maximum angekommen. Um die Hauptursache für die miese erste Saisonhälfte (22-23, Platz acht im Westen) zu finden, muss man jedoch mindestens eine Ebene höher suchen.

Lakers: Die Offseason war verheerend

Tatsächlich hat das Front Office seinem Coach ein Blatt ausgehändigt, mit dem er wohl nicht gewinnen konnte. Verletzungen sind ein Thema, über die gesamte Saison war der Kader noch nie komplett. Die Kaderkonstruktion selbst wiederum ist das größere Thema. Die Teile passen nicht zusammen, und eigentlich sollte das niemanden überraschen.

Die Lakers hatten im Sommer bereits einen Deal für Buddy Hield auf dem Tisch, sie hatten einen DeMar DeRozan in der Hinterhand, der zurück in seine Heimat wechseln wollte. Stattdessen verliebten sie sich wieder einmal in den größten verfügbaren Namen und opferten ihre verbliebene Tiefe, um Westbrook nach L.A. zu holen.

Ungeachtet von dessen Wurfkrise zuletzt: Es war von vornherein eine eigentümliche Vorstellung, einen so balldominanten Spieler ohne Wurf an die Seite von LeBron James stellen zu können, wenn man gleichzeitig noch mindestens einen weiteren Big auf dem Court haben wollte. Wer sollte das Feld breit machen, Anthony Davis?

Lakers: Ein massiver Aderlass in der Defensive

Selbst wenn die drei Stars sich nicht im Weg stehen würden - wovon sie selbst ja überzeugt waren - der Trade führte auch dazu, dass die Lakers ihren restlichen, ziemlich dezimierten Kader lediglich mit Restposten und Minimalverträgen auffüllen konnten. Zumal man sich aus nach wie vor unerfindlichen Gründen dagegen entschied, Alex Caruso zu behalten, als hätte man nicht aus nächster Nähe sehen können, wie überragend dieser mit LeBron harmonierte.

Caruso symbolisiert vor allem den defensiven Aderlass. Die Lakers konnten für einen Haufen Minimalverträge überraschenderweise keine herausragenden 3-and-D-Wings in ihren besten Jahren bekommen, entsprechend schwer ist es in dieser Spielzeit, defensiv die Klasse der vergangenen Jahre aufrecht zu erhalten (Platz 20 beim Defensiv-Rating).

Zur Erinnerung: 2020 wurden die Lakers mit der drittbesten Defense der NBA Meister. In der enttäuschenden vergangenen Saison stellten sie die zweitbeste Defense, obwohl ihr bester Verteidiger Davis bloß 36 Spiele absolvierte. Es galt als riesiger Verdienst Vogels, dass er auch in dieser Situation eine starke Defense zusammenbasteln konnte.

Wie viel kann Anthony Davis retten?

Seit der Meistersaison verließen unter anderem Caruso, Danny Green, Kentavious Caldwell-Pope und Kyle Kuzma das Team und wurden eben nicht durch gute Verteidiger ersetzt, sondern durch Spieler wie Westbrook, Carmelo Anthony oder Malik Monk, der offensiv ja durchaus gute Leistungen zeigt, defensiv aber seine Probleme hat.

Dieses Puzzle scheint auch Vogel bisher nicht zusammenfügen zu können, zumindest nicht ohne Davis, mit dem die Defense immerhin nur 109 gegnerische Punkte pro 100 Ballbesitze erlaubte (statt 113 ohne ihn). Allerdings haben Vogel ja selbst die guten Defensivleistungen der vergangenen Saison keineswegs in Sicherheit gebracht.

Das gehört ja auch noch zu der Lakers-Vogel-Beziehung: Er war von Anfang an nicht die erste Wahl des Front Office (Platz 3, hinter Monty Williams und Tyronn Lue) und hatte selbst nach der Meisterschaft in seiner ersten Saison keine sichere Position. Bis August 2021 musste er warten, um eine Vertragsverlängerung über ein mickriges Jahr (bis Ende 22/23) zu bekommen, um nicht als lahme Ente in die laufende Spielzeit zu gehen.

Die Lakers stecken in einer Sackgasse

Eine lahme Ente ist er nun nicht, aber Vertrauen sieht anders aus. Natürlich kommt das auch beim Team an. Es ist ein etwas seltsamer Umgang mit einem verdienten Coach, der nun zu einem Bauernopfer werden könnte. Zur Situation der Lakers gehört schließlich auch, dass sie sich in eine Lage manövriert haben, in der nicht mehr allzu viele andere Optionen als ein Trainerwechsel auf dem Tisch liegen.

Westbrook ist aller Voraussicht nach nicht tradebar mit seinem Vertrag, angefragt haben die Lakers Berichten zufolge bereits. Top-Assets gibt es nicht, wenn James nicht zufällig großer "Succession"-Fan ist und bereit ist, Davis zu opfern (kleiner Scherz - oder???). Dann bleiben Talen Horton-Tucker (wechselhaft), Kendrick Nunn (verletzt) und ein 2027er Erstrundenpick als die besten Trade-Chips. "Beste" ist hier relativ zu verstehen.

Die Lakers haben über die vergangenen Jahre zwar schon das eine oder andere Kaninchen aus dem Hut gezaubert, auf dem Buyout-Markt sind sie immer in einer guten Position, aber in der jetzigen Lage fällt es schwer zu erkennen, wie ihnen der ganz große Wurf gelingen soll.

Lakers: Kleine Lösungen gibt es nicht

Genau das hat sie wiederum in diese Situation gebracht - diese ständige Suche nach dem ganz großen Wurf, dieses Bedürfnis, ein bewiesenes Konzept (die Meisterschaft ist 14 Monate her!) sofort einzureißen, weil es in der Vorsaison aus diversen Gründen nicht funktioniert hat. Deswegen werden sie jetzt erst recht nicht stillsitzen.

Für etwas Nachhaltiges haben weder die Lakers noch LeBron die Zeit oder Geduld. Anders käme man nicht auf die Idee, einen Coach "von Spiel zu Spiel zu evaluieren", der, sobald er das Team verlässt, ziemlich sicher sofort der heißeste "Free Agent" auf dem Coaching-Markt wäre.

Nicht vergessen: Relativ früh in seiner Miami-Zeit wollte LeBron auch den heute besten Coach der NBA ersetzen lassen, weil die Resultate nicht da waren. Der Unterschied der damaligen Heat zu den heutigen Lakers: Sie hatten in Pat Riley eine Person an der Spitze der Organisation, die das große Ganze, oder in dem damaligen Fall Erik Spoelstra, nie für puren Aktionismus geopfert hätte.

So jemanden haben die Lakers nicht, und das ist vermutlich schon seit dem Tod des früheren Besitzers Dr. Jerry Buss der Fall. Bleibt zu hoffen, dass Vogels etwaige/r Nachfolger/in weiß, worauf er oder sie sich einlässt.

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