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NBA, Dallas Mavericks - Mavs-Pressesprecher Scott Tomlin im Interview über den Titel 2011: "Ich hielt Dirk Nowitzki für verrückt"

Dirk Nowitzki wollte in den Finals 2011 Rache an den Miami Heat für die bittere Pleite von 2006 nehmen.

Vor zehn Jahren führte Dirk Nowitzki die Dallas Mavericks zum ersten und bisher einzigen Titel der Franchise-Geschichte. Mavs-Pressesprecher Scott Tomlin blickt zum Jubiläum im Interview mit SPOX auf den unwahrscheinlichen Championship-Run der Mavs zurück und gewährt einen Einblick hinter die Kulissen des entscheidenden Spiel 6 in Miami, als Nowitzki während der Feierlichkeiten plötzlich alleine in der Kabine verschwand.

Tomlin ist bereits seit 2004 in der Medienabteilung der Mavericks beschäftigt, seit 2019 ist er der Pressesprecher des Teams. Über all die Jahre hat der Junge aus dem ländlichen Kentucky eine enge Freundschaft mit dem großen Blonden aus Würzburg aufgebaut - und hat ihn durch die Höhen und Tiefen seiner NBA-Karriere begleitet.

"Scooter", wie der 41-Jährige von Nowitzki und seinen Freunden genannt wird, erinnert sich an die bittere Pleite der Mavs in den Finals 2006 gegen Miami, erklärt, warum der Championship-Run fünf Jahre später fast gescheitert wäre und wie er den in Tränen aufgelösten Nowitzki nach Spiel 6 der Finals 2011 überredete, wieder aus der Kabine zu kommen und mit seinen Teamkollegen zu feiern.

Herr Tomlin, der 12. Juni 2011 jährt sich am Samstag zum zehnten Mal. Woran denken Sie als erstes, wenn Ihnen dieses Datum durch den Kopf geht?

Scott Tomlin: Wie die Zeit verfliegt ... ich kann nicht glauben, dass es schon zehn Jahre sind. Aber ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag, ich habe damals alles aufgesaugt. Das liegt wohl auch an meinen Erfahrungen aus 2006, als wir erstmals die Finals erreicht und verloren haben. Meine Erinnerungen an diese Finals sind etwas trübe. Ich habe damals gedacht, dass ich noch in vielen Finals dabei sein werde. Wir hatten immerhin Dirk, das sollte erst der Anfang sein. Das war aber ganz offensichtlich nicht der Fall. Als wir dann in 2011 den Championship-Run hingelegt haben, habe ich mir vorgenommen, alles aufzusaugen. Ich wusste ja jetzt, wie schwierig es ist, dieses Level zu erreichen. Dieser Tag, dieses Spiel, diese Nacht ... das war eine wirklich besondere Erfahrung.

Als Pressesprecher können Sie das Spiel natürlich nicht beeinflussen, Ihnen bleibt nur die Rolle als Fan. Sie sind schon seit 2004 ein Teil der Mavs und entsprechend verbunden mit der Organisation. Wie sah Ihre ganz persönliche Gefühlswelt während Spiel 6 aus?

Tomlin: In erster Linie habe ich mich für die Jungs gefreut. Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die nicht nur bei jedem Spiel einen Platz in der ersten Reihe haben, sondern ich bin auch in jeder Trainingseinheit, bei jedem Team Huddle, bei jedem Flug mit dabei. Ich bekomme also hautnah mit, wie viel Arbeit die Jungs in so eine Saison hineinstecken.

Wie intensiv konnten Sie das Spiel überhaupt verfolgen? Was sind Ihre Aufgaben rund um eine NBA-Partie?

Tomlin: Das fängt im Vorfeld bei den Pregame-Interviews an, aber ich muss zum Beispiel auch sichergehen, dass die Familien der Spieler ihre Tickets haben. Für mich geht es darum, den Spielern so viel wie möglich abzunehmen, damit sie sich auf Basketball konzentrieren können. Wenn ich meinen Job vor der Partie richtigmache, dann kann ich das Spiel genießen und muss nicht durch die Gegend rennen und mich um Dinge kümmern, die ich vergessen habe. Richtig stressig wird es erst nach dem Spiel. In einem Finals-Spiel und vor allem, wenn man den Titel gewinnt, ist alles natürlich 100-mal größer.

Kurz nach der finalen Sirene war es Ihre Aufgabe, Postgame-Interviews für die TV-Sender und Radio-Stationen zu organisieren. Auf einmal haben Sie beobachtet, wie Nowitzki über den Anschreibetisch sprang und in die Katakomben flüchtete. Was ging Ihnen da als erstes durch den Kopf?

Tomlin: Ich wusste bereits kurz vor Schluss, dass Dirk als Finals-MVP ausgezeichnet wird. Sein Interview würde also erst bei der Übergabe der Trophäe stattfinden. Bevor der übertragende Sender in die Werbung ging, sollten Jason Kidd und Jason Terry die Walkoff-Interviews machen, also die Interviews direkt nach Spielschluss auf dem Court. Ich stand neben Kidd und sah auf einmal Dirk im Augenwinkel. Da er den schnellsten Weg in die Katakomben gesucht hat, ist er über den Anschreibetisch geklettert. Und wenn ein 2,13 Meter großer Typ über einen Tisch springt, dann ist das nur schwer zu übersehen. Auf dem Court wurde bereits alles für die Feierlichkeiten vorbereitet. Ich habe mir nur gedacht, er sollte nicht in der Kabine sein, sondern hier draußen. Also habe ich Kidd stehen gelassen und habe Dirk gesucht.

Tomlin: "Hatte Angst, dass Dirk gar nicht reagieren würde"

Sie sind ihm in die Katakomben gefolgt. Wo haben Sie Nowitzki letztlich gefunden?

Tomlin: In der Kabine habe ich ihn zunächst nicht gesehen. Tim Frank, der Vice President of Basketball Communications der NBA, war Dirk ebenfalls gefolgt. Wir haben uns umgesehen und ich habe ihn auf einer Bank in der Dusche gefunden. Die Emotionen hatten ihn einfach überwältigt. Als ich gesagt habe, wir müssen wieder rausgehen und die Trophäe in Empfang nehmen, war seine Antwort nur: "Okay, ich brauche ungefähr 30 Minuten." Da habe ich erwidert: "Wir haben keine 30 Minuten, ich weiß nicht einmal, ob wir 30 Sekunden haben."

Wie haben Sie Nowitzki überzeugt, wieder aus der Kabine zu kommen?

Tomlin: Er war sehr emotional und hat einen Moment für sich gebraucht, nachdem er sein großes Ziel erreicht hat. Mein Argument war: Du musst bei deinem Team sein, wenn sie die Larry O'Brien Trophy überreichen. Dieses Bild, diese Erinnerung wirst du später haben wollen. Er hat zunächst nichts gesagt, ich hatte kurz Angst, dass er gar nicht reagieren würde. Dann ist er aber aufgestanden, rausgegangen und gerade rechtzeitig auf die Bühne gekommen, bevor ABC aus der Werbeunterbrechung kam.

Sie haben Nowitzki anschließend ein gerahmtes Bild geschenkt, wie er die Trophäe in die Höhe streckt mit seinen jubelnden Teamkollegen im Rücken.

Tomlin: Nach Saisonende ist Dirk nicht lange in Dallas geblieben, einen Großteil seiner Offseason hat er in Deutschland verbracht. Nach der Championship-Parade wollte er in die Heimat. Bevor er geflogen ist, habe ich ihm das Bild vorbeigebracht. Ich war mir einerseits sicher, dass er es haben wollte, andererseits war es eine Art Dankeschön, dass er doch aus der Kabine gekommen ist. Das ist nicht nur ein tolles Foto, sondern auch eine fantastische Erinnerung - und zwar nicht nur für ihn und seine Teamkollegen, sondern für Mavs-Fans weltweit.

In einem Interview hat Nowitzki vergangenes Jahr gesagt, dass er Ihnen und Frank dankbar sei, dass sie ihn überredet haben, wieder rauszugehen. Hatten Sie jemals Angst, dass er sich weigert aus der Kabine zu kommen?

Tomlin: Das hatte ich wirklich. Als ich mit ihm in der Kabine gesprochen habe, hat er mir zwar zugehört, aber ich habe keine wirkliche Reaktion bekommen. Ich war mir nicht sicher, wie er sich in diesem Moment fühlt. Ich war also sehr erleichtert, als er aufgestanden ist. Er hat einen Moment für sich gebraucht, aber es war gut, dass er die Situation verstanden und realisiert hat: Ich will bei meinen Teamkollegen sein.

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