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Kyrie Irving spaltet die NBA-Gemeinde: Störenfried oder Leader?

Kyrie Irving von den Brooklyn nets hat sich gegen eine Fortsetzung der NBA-Saison ausgesprochen.

Vor gut einer Woche hat sich Kyrie Irving gegen einen Restart der NBA-Saison in Disney World Orlando ausgesprochen. Anschließend musste der Star der Brooklyn Nets einiges an Kritik einstecken, dabei ist seine Intention richtig. Doch seine eigene Vergangenheit steht ihm selbst im Weg.

Als Anfang Juni zunächst die 30 Teambesitzer und anschließend auch die Spielergewerkschaft NBPA den Plan zur Fortsetzung der Saison abgesegnet hatten, ging ein kollektiver Freudenschrei durch die Basketball-Welt: Die NBA ist zurück!

Knapp drei Monate hielt zu diesem Zeitpunkt die Corona-bedingte Auszeit bereits an, doch endlich war ein Ende der Basketball-Dürre für Spieler wie Fans gleichermaßen in Sicht. Es dauerte allerdings nicht lange, bis das euphorische Bild, das unter anderem NBA-Commissioner Adam Silver zu transportieren versuchte, erste Risse bekam.

Gut fünf Wochen vor dem anvisierten Termin für den Restart am 30. Juli gibt es weiterhin einige Fragezeichen, nicht nur aufgrund der steigenden Anzahl von Coronafällen in Florida. Sondern auch, weil in den vergangenen Wochen zahlreiche Athleten ihre Bedenken hinsichtlich der Restart-Pläne zum Ausdruck gebracht haben.

Die Gefahr durch das Coronavirus spielt dabei natürlich eine Rolle, doch in erster Linie geht es vielen Spielern um die Sorge, die Fortsetzung der NBA-Saison könnte die Aufmerksamkeit von aktuell wichtigeren Dingen wie der Black-Lives-Matter-Bewegung ablenken. Der Wortführer dieser Gruppe: Kyrie Irving.

Nach Irving-Aussagen: Perkins attackiert Nets-Star

Der Point Guard der Brooklyn Nets ist einerseits Gesicht des Protests der Spieler, andererseits Sündenbock. Ersteres für diejenigen, die die Sorgen und Bedenken der Athleten ernst nehmen. Auch für die weniger bekannten NBA-Profis, die sich über Irving eine Stimme in der Debatte erhoffen, einen prominenten Anführer.

Andere sehen in dem 28-Jährigen einfach einen Störenfried. "Niemand hört auf Kyrie", sagte Kendrick Perkins, ehemaliger NBA-Center und heutiger ESPN-Analyst, zuletzt in der Radioshow The DA Show, wenige Tage nachdem bekannt wurde, dass Irving einen Conference Call mit etwa 80 Spielern organisiert und sich gegen eine Saisonfortsetzung ausgesprochen hatte.

"Die NBA wird weitermachen. Das einzige was er macht, ist unnötiges Drama zwischen den NBA-Brüdern zu stiften, das wir aktuell nicht brauchen", schimpfte Perkins weiter. "Dass er nun um sich schlägt, macht er nur, um in die Nachrichten zu kommen. Er schmeißt einfach ein bisschen Sand ins Getriebe, ohne aber wirkliche Macht zu haben, um etwas zu ändern. Er plustert sich einfach nur grundlos auf." Der ehemalige Big Man der Celtics, Thunder, Pelicans und Cavs ist mit seiner Abneigung gegenüber Kyrie im NBA-Universum aber nicht allein.

Kyrie Irving der Verschwörungstheoretiker

Adrian Wojnarowski von ESPN beschrieb dessen Ruf in Liga-Kreisen als "Störer", regelmäßig sorgt Irving auch unter Fans mit seinen Äußerungen für Kopfschütteln. Es scheint eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Kyrie zu herrschen, für die der sechsmalige All-Star allerdings auch selbst verantwortlich ist.

Der Ursprung dieses Argwohns gegenüber Irving ist wohl auf den Februar 2017 zurückzuführen, als er erstmals mit einem Auftritt abseits des Parketts für ordentlich Wirbel sorgte. "Glaubt ihr, dass die Erde rund ist?", fragte der damalige Cavs-Guard im Podcast seiner Teamkollegen Richard Jefferson und Channing Frye. "Das ist keine Verschwörungstheorie. Ich sage euch, die Erde ist eine Scheibe."

Es war nicht Kyries einziger abstruser Gedankengang, den er in diesem Podcast von sich gab: Der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy? Getötet von der Federal Reserve. Bob Marley? Hinter dessen Tod stecke die CIA. Material, das sonst nur in den dunkelsten Ecken von Youtube zu finden ist.

Kyrie Irving der schwierige Teamkollege

Später behauptete Irving, er hätte natürlich gescherzt, nur um im Sommer 2018 in einem Interview die Bürger dazu aufzurufen, doch "eigene Recherche" zu betreiben. Wenige Monate später entschuldigte er sich zwar, doch die kruden Aussagen blieben im kollektiven Gedächtnis der NBA-Fans natürlich hängen.

Die Eskapaden mit den Teamkollegen bei seinen verschiedenen Stationen taten ihr übrigens, um den Ruf von Irving nachhaltig zu belasten. Nachdem er an der Seite von LeBron James 2016 den Titel nach Cleveland holte, wollte er ein Jahr später weg, raus aus dem Schatten des Kings. Angeblich sprach er während den Playoffs tagelang nicht mit seinen Mitspielern.

Irving erzwang einen Trade, die Celtics schnappten zu, doch bereits im zweiten Jahr der Irving-Achterbahn schien er die eigenen Mitspieler gegen sich aufgebracht zu haben. Spätestens seit seiner Zeit in Boston sind seine Stimmungsschwankungen berüchtigt.

Nach seinem Wechsel zu den Nets im Sommer 2019 dauerte es nur wenige Monate, bis Jackie MacMullan (ESPN) von den ersten Spannungen berichtete. Im Januar schien Irving dann einige Mitspieler öffentlich vor den Bus zu werfen. Gut möglich, dass dies gar nicht der Intention seiner Worte entsprach, doch aufgrund seiner Historie als zumindest schwieriger Mitspieler stürzten sich die Medien sofort auf die Geschichte.

Nicht der Überbringer ist entscheidend, sondern die Nachricht

Die vergangenen Spielzeiten haben gezeigt, dass Irving kein guter Leader auf dem Parkett ist, entsprechend stellten Perkins und einige andere in Frage, warum Irving nun ein guter Leader für die Interessen der NBPA sein soll? Dabei sind Irvings Bedenken berechtigt, was auch der Zuspruch zahlreicher Spieler wie unter anderem John Wall oder Dwight Howard zeigt.

"Ich bin nicht so sehr an ihm als Nachrichtenüberbringer interessiert als an der Nachricht selbst", erklärte ein anonymer Spieler aus der Western Conference gegenüber ESPN, als die Sorgen der Spieler aus dem Conference Call an die Öffentlichkeit drangen.

Neben Irving hat auch Avery Bradley die Rolle als Anführer einer Spielerkoalition übernommen, die die Sorgen und Bedenken der Spieler an die Liga herantragen und sich mit den Ressourcen der NBA für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen will. Die Inhalte dieser Überlegungen sind das entscheidende, nicht die Personen, die sie übermitteln.

Davon abgesehen liegt es in Irvings Verantwortung als von den Spielern gewählter Vizepräsident der NBPA, deren Anliegen zu vertreten. Dass die Black-Lives-Matter-Bewegung in Anbetracht des nahenden NBA-Restarts nicht in den Hintergrund gerät sowie gesundheitliche Bedenken aufgrund der Coronavirus-Pandemie gehören zweifelsfrei dazu. Diese Bedenken haben offenbar einige NBA-Spieler, auch wenn andere wie beispielsweise Austin Rivers sich dafür ausgesprochen haben, die Bühne der NBA für ihre Botschaften zu nutzen.

Kyrie Irving der NBPA-Vizepräsident

Anfang des Jahres wurde Irving in das Amt gewählt, nachdem Pau Gasol nach drei Jahren als einer von sechs Vizepräsidenten ausschied. Neben Irving haben auch Bismack Biyombo, Malcolm Brogdon, Jaylen Brown, C.J. McCollum und Garrett Temple dieses Amt inne, dazu sind Andre Iguodala (erster Vizepräsident), Anthony Tolliver (Schatzmeister) und Chris Paul (Präsident) Teil des Executive Committees der NBPA. Viele von ihnen haben sich in den vergangenen Wochen an Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt beteiligt.

"Ich will dabei helfen, die Union mit innovativen Ideen, nicht nur bei sozialen Problemen, sondern auch im unternehmerischen Bereich, voranzubringen", sagte Irving damals in einem Statement. Nichts anderes macht er aktuell.

Seine eigenen öffentlichen Ausrutscher in der Vergangenheit haben jedoch dafür gesorgt, dass jedes Wort beziehungsweise jede Handlung Irvings auf die Waagschale geworfen wird. Warum hat er beispielsweise nicht schon vor der Abstimmung über die Wiederaufnahme der Saison seine Kritik zum Ausdruck gebracht?

Die Restart-Pläne der NBA wurden mit keiner Gegenstimme der NBPA akzeptiert, zudem ist Irving, der verletzungsbedingt übrigens nicht in Disney World dabei sein wird, mit seiner Idee einer eigenen Basketball-Liga der Spieler sicherlich über das Ziel hinausgeschossen.

Mit diesem Vorschlag hat Irving den Kritikern wie Perkins eine hervorragende Vorlage gegeben, ihn zu attackieren. Interessant wäre aber die Reaktion auf die Sorgen und Bedenken der Spieler gewesen, hätte jemand anderes als Kyrie seine Stimme als erstes erhoben. Der Aufschrei wäre sicherlich nicht so groß gewesen. Vielleicht wären die Bedenken sogar untergegangen.

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