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WNBA - Deutsche Nationalspielerin Marie Gülich im Interview: "Wäre cool, der weibliche Dirk Nowitzki zu sein"

Marie Gülich wurde 2018 an 12. Position gedraftet.

In den vergangenen beiden Spielzeiten war Marie Gülich die einzige deutsche Spielerin in der WNBA. Im Draft 2020 sind nun drei weitere deutsche Talente hinzugekommen. Im Interview mit SPOX spricht die 25-Jährige über die Leistungsstärke des deutschen Frauen-Basketballs, Vergleiche mit Dirk Nowitzki und ihre zwei Trades in zwei Jahren WNBA.

Außerdem erzählt die deutsche Nationalspielerin, die vor ihrem dritten Jahr in der WNBA steht, wie Mobbing im Schulbus sie zum Basketball gebracht hat und beschreibt das Gefühl, gedraftet zu werden.

Frau Gülich, seit knapp zwei Wochen dürfen Sie sich nicht mehr als einzige aktive deutsche Basketballerin in der WNBA bezeichnen. Sind Sie ein bisschen traurig, dieses Alleinstellungsmerkmal verloren zu haben?

Gülich: Ganz und gar nicht. (lacht) Ich habe mich sehr für die drei gefreut, ich bin auch extra nachts aufgestanden und habe den Draft angeschaut. Ich gönne es ihnen, weil ich weiß, wie hart man für so eine Chance arbeitet. Und dann diese Ehre, gedraftet zu werden - das ist eine geile Erfahrung. Ich habe schon meine Glückwünsche ausgerichtet und habe natürlich immer ein offenes Ohr, wenn sie Fragen haben sollten.

Die drei von Ihnen angesprochenen deutschen Talente, die im WNBA-Draft 2020 gezogen wurden, sind Satou Sabally, Luisa Geiselsöder und Leonie Fiebich. Wie schätzen Sie die Leistungsstärke des deutschen Frauen-Basketballs derzeit ein?

Gülich: Wir haben viele junge Spielerinnen, die wirklich sehr viel Talent und Potenzial haben. Dass die drei jetzt gedraftet wurden, kann sehr inspirierend und motivierend sein. Das ist auf jeden Fall sehr gut für den Frauen-Basketball in Deutschland.

Marie Gülich: "Ich wurde in der Schule gehänselt"

Als Sie 2018 in die WNBA kamen, waren Sie erst die vierte Deutsche, die jemals den Sprung geschafft hatte. Damals waren Sie 23 Jahre alt, dabei haben Sie erst im Alter von 13 Jahren mit dem Basketball begonnen. Wie kamen Sie zu dem Sport?

Gülich: Das ist eine lustige Geschichte ... was heißt lustig, damals war es eher traurig. Ich war schon immer sehr groß und ich habe mich ziemlich unwohl in meinem Körper gefühlt. Ich wurde in der Schule gehänselt und einmal bin ich weinend nach Hause gekommen, weil mich irgendwelche Jungs im Bus "Giraffe" und "Eiffelturm" genannt haben. Das war eine ziemlich schwere Zeit für mich. Irgendwann meinte meine Mama: "So, wir schicken dich jetzt zum Basketball." Ich habe einfach angefangen und hatte Spaß dabei, weil ich die Akzeptanz gespürt habe. Alle fanden es cool, dass ich so groß bin, das war eine ganz andere Erfahrung.

Am Anfang war die Größe also Ihre einzige Stärke. Wie lange hat es gedauert, bis Sie das Basketball-Einmaleins drauf hatten?

Gülich: Ich war schon immer jemand, der viel gearbeitet hat und sehr ehrgeizig war. Es war für mich aber nicht einfach, gegen Leute Basketball zu spielen, die schon länger dabei sind. Ich bin immer ein bisschen hinterhergerannt. Das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, dass ich es draufhabe, war, als ich zur Nationalmannschaft eingeladen wurde und bei der U16-Europameisterschaft war. Da habe ich gemerkt, ich bin nicht nur groß, ich habe auch noch etwas Anderes beizutragen.

Haben Sie sich damals schon vorstellen können, eine Karriere als Basketball-Profi in Angriff zu nehmen?

Gülich: Nicht so richtig. Als ich noch jung war, habe ich das nur aus Spaß gemacht. Erstmals musste ich wirklich darüber nachdenken, als mir gesagt wurde: Wenn du besser werden und weiter Nationalmannschaft spielen möchtest, dann musst du in die zweite Liga. Ich habe vorher im Internat Schloss Hagerhof gespielt und konnte nach Leverkusen wechseln. Da musste ich mich entscheiden, ob ich professionell und auf einem höheren Level spielen oder ob ich einfach nur Spaß haben möchte. Aber ich habe mir das nie so ausmalen können, wie es jetzt ist.

Marie Gülich über ihren Weg ans College und frühe Rückschläge

Ähnlich schwierig war sicherlich die Entscheidung, 2014 nach Oregon State ans College zu wechseln. Haben Sie Ihren eingeschlagenen Weg jemals bereut?

Gülich: Wenn ich die Entscheidung nochmal treffen müsste, würde ich es genauso machen. In Oregon hatte ich die beste Zeit meines Lebens - bis jetzt. Es hat einfach unglaublich viel Spaß gemacht, alle meine Teammates sind auch heute noch meine besten Freunde. Aber mein erstes Jahr war wirklich sehr, sehr schwer. Die Sprache ist anders, die Kultur ist anders. Nach meinem ersten Jahr habe ich gedacht, ich gehe nicht mehr zurück. Aber wenn man sich darauf einlässt und versucht, Leute kennenzulernen, kommt am Ende immer etwas Gutes bei herum. Ich bin sehr dankbar, dass ich durchgehalten habe.

Wie haben Sie die sportliche Herausforderung weggesteckt? Vor allem in Ihrem Freshman-Jahr haben Sie nur wenig Spielzeit bekommen.

Gülich: Ich habe gemerkt, dass ich noch viel an mir arbeiten muss, um mithalten zu können: An der Athletik, am Kraftraining, aber auch am Basketballerischen. Das war natürlich erstmal frustrierend. Aber ich habe mich durchgebissen.

Kann man sich die Begeisterung für Frauen-Basketball am College ähnlich vorstellen, wie man es bei den Männern kennt?

Gülich: Das kommt drauf an, wo man spielt. Aber der Frauen-Basketball am College wird sehr gut unterstützt und in Oregon State hatten wir im Schnitt immer um die 3.000 oder 4.000 Zuschauer. Als wir im Pac12-Finale standen, war die Halle sogar ausverkauft. Es waren gut 10.000 Leute da, die uns angefeuert haben. Das war eine richtig coole Erfahrung, der Frauen-Basketball in den USA ist auf jeden Fall viel mehr angesehen als in Europa.

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