NBA

NBA - Jerry Krause: Der Architekt und Erzfeind der Chicago Bulls um Michael Jordan

Jerry Krause (l.) und Phil Jackson konnten zum Ende ihrer gemeinsamen Arbeit kaum noch im gleichen Raum sitzen.
© imago images
Cookie-Einstellungen

Nicht mit, sondern gegeneinander

Sein nächster Fehler (in Jordans Wahrnehmung) erfolgte dann 1988, als er MJs besten Kumpel (und de facto-Leibwächter auf dem Court) Charles Oakley für Bill Cartwright tradete - ein Deal, der sich im Nachhinein übrigens als eminent wichtig für die ersten drei Titel der Bulls herausstellen sollte, weil Cartwright vor allem Knicks-Superstar Patrick Ewing stark verteidigte. Für die Fehde war es unerheblich.

Zumal es weiterging. Krause suchte immer nach dem nächsten Ding, wodurch sich seine Spieler nicht selten behandelt fühlen, als seien sie nur Lückenfüller. Jahrelang buhlte er etwa um den jugoslawischen Superstar Toni Kukoc, der rein zufällig die gleiche Position spielte wie Scottie Pippen.

1992 kam es dann bei Olympia zum Duell und Jordan half Pippen dabei, Kukoc so schlecht wie möglich auszusehen. "Es wirkte, als würden sie nicht gegen Kukoc, sondern gegen Krause spielen", kommentierte Autor David Halberstam in seinem Jordan-Buch "Playing for Keeps". Dies ereignete sich satte fünf Jahre vor dem Start des nun beschworenen "letzten Tanzes".

Jerry Krause: Michael Jordan nannte ihn "Crumbs"

In der Zwischenzeit arbeitete man nebeneinander her, tolerierte sich aber nicht wirklich. Jordan nannte Krause jahrelang "Crumbs" ("Krümel"), um sich über dessen Statur und gelegentliche Donut-Krümel am Hemdkragen lustig zu machen - wie die ersten Folgen der Doku zeigten, war das eher noch harmlos.

Bösen Zungen zufolge hat selbst das Boss-Alien Mr. Swackhammer in "Space Jam" eine gewisse Ähnlichkeit zu Krause. Als Jordan vor dem Start der 97/98er Saison gefragt wurde, wer in dieser Saison der größte Rivale der Bulls sein würde, richtete er grinsend seinen Blick Richtung Büro des General Managers. Zu diesem Zeitpunkt war die Situation ohnehin längst so weit fortgeschritten, dass es kein Zurück mehr gab.

Krause wollte das Team schon zu früheren Zeitpunkten auflösen. Bereits 1996 umgarnte er College-Coach Tim Floyd und wollte ihn zum Nachfolger Jacksons machen, den er für arrogant und überschätzt hielt - nicht Jackson, sondern die Triangle Offense seines Assistenten Tex Winters sei entscheidend für den Erfolg der Bulls. Pippen stand im Lauf der 90er Jahre etliche Male vor einem Trade, unter anderem nach Seattle (für Shawn Kemp).

Michael Jordan entschied sich für Phil Jackson

Die Bulls jedoch gewannen, und allem Anschein nach gewannen sie trotz Krause, dessen Stolz wohl sein größter Fehler war. Stets wollte er Anerkennung, verstand jedoch nicht, dass er in der öffentlichen Wahrnehmung nie an Jordan oder auch Jackson vorbeiziehen würde können.

Er konnte es nicht erwarten, ein neues Team aufzubauen, um seine Brillanz zu zeigen, und vergaß dabei, dass sein Team die Spitze der Olymps bereits erreicht hatte. Und dort noch immer residierte.

"Wir haben das Recht, zu verteidigen, was wir haben, bis wir es verlieren", betonte Jordan auf der Pressekonferenz nach den Finals 1997. "Und Phil sollte der Head Coach sein. Und ich sollte nicht dazu gezwungen werden, mich dazu entscheiden, ob ich für einen anderen Coach spielen will. So einfach ist das."

Auch Jerry Reinsdorf hatte seine Finger im Spiel

Es mag plump klingen, aber so einfach ist das tatsächlich. Wer das vielleicht beste Team der Geschichte hat, sollte alles tun, um dieses zusammenzuhalten, selbst wenn man sich dabei schlecht behandelt oder übersehen fühlt. Und wer unbedingt etwas Neues aufbauen will, sollte in dieser Situation eigentlich ein anderes Team suchen. Deswegen ist "The Last Dance" irgendwo auch eine Kritik an Krause.

Man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass Reinsdorf am ganzen Schlamassel sicherlich nicht unbeteiligt war. Zu den Spannungen mit Pippen etwa trug der Besitzer mit seiner kategorischen Weigerung, den lächerlich miesen Vertrag neu zu verhandeln, mindestens ebenso stark wie Pippen bei. Auch er traf sich bereits 1996 mit Tim Floyd, der Jacksons Nachfolger werden sollte.

Reinsdorf ist jedoch Teil der Dokumentation und in der Lage, seine Sicht der Dinge zu erklären. Es ist schade, dass Krause dazu nicht in der Lage ist. Ob man mit ihm sympathisiert oder nicht: Er ist eben doch ein zentraler Teil dieser Geschichte.

Inhalt:
Artikel und Videos zum Thema