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NBA

Schrödingers Katze

Milos Teodosic spielt die NBA-Stars endlich nicht mehr nur in der Nationalmannschaft schwindelig

Vorne genial, hinten brutal

Man darf dennoch davon ausgehen, dass er offensiv auch in der NBA eine gute Rolle spielen wird - vielleicht nicht als Superstar wie in Europa, aber doch als Maestro, der eine gute Offense anführen kann. In der Gruppenphase bei Olympia 2016 kam er gegen das All-Star-Team der US-Amerikaner schließlich auch gut zurecht und hatte sie am Rande einer Niederlage. Das wichtigste Play der heutigen NBA ist das Pick'n'Roll - und Teodosic ist ein Meister darin.

Das große Fragezeichen bei Teodosic bezieht sich vielmehr auf die Defense. Denn bei allem offensiven Genie tritt Teo in der Defense nicht nur fußlahm, sondern bisweilen sogar dilettantisch auf. Er hat nicht nur Probleme, vor schnelleren Gegnern zu bleiben, teilweise versucht er es gar nicht erst wirklich. Selbst bei ZSKA musste er stets gegen den schlechtesten Offensiv-Spieler gestellt werden, unabhängig von der Position.

In der NBA ist das etwas schwieriger. Zwar gibt es ein paar Teams, die mit reinen Defensivspezialisten wie Andre Roberson oder Tony Allen auftreten und dadurch natürliche "Versteck-Möglichkeiten" bieten, das ist aber eher nicht mehr die Norm, schon gar nicht bei den guten Teams, zu denen L.A. ja gehören will.

Ist Defense auf der Eins überbewertet?

Teodosic dürfte fraglos davon profitieren, dass die Clippers mit Austin Rivers und Beverley über zwei Spieler verfügen, die gegen die Top-Guards der Liga gut verteidigen können - Beverley kennt er ohnehin schon von einer gemeinsamen Saison bei Olympiakos Piräus. Den Russell Westbrooks oder John Walls dieser Welt wird er daher nicht nachjagen müssen. Ein defensives Mismatch dürfte er trotzdem in jedem Spiel darstellen.

Die Frage ist, wie "schlimm" das im Endeffekt ist - denn ein großer Teil der guten Point Guards der NBA verteidigt nur an Feiertagen oder in den Playoffs. Solange die offensive Produktion die schlechte Defense überwiegt, können Teams trotzdem erfolgreich sein. Kyrie Irving und Isaiah Thomas sind nur zwei von vielen Beispielen, die dies belegen.

Wichtiger als die individuelle Defense des Point Guards ist die Team-Defense und das Konstrukt des Kaders um ihn herum - allerdings spricht auch das nicht zwingend für die Clippers. Jordan ist zwar ein guter Rim-Protector, aber wenn die Clippers mit Griffin und Gallinari spielen wollen, bringt das defensiv - vor allem mit Teodosic - einen großen Haufen Probleme mit sich. Doc Rivers wird sich etwas einfallen lassen müssen.

Der Nachfolger von Chris Paul

Trotz allem ist die Verpflichtung aber ein Risiko, das zu diesem Zeitpunkt sinnvoll ist - und zwar für beide Seiten. Teodosic selbst erhält endlich die Chance, auf dem allerhöchsten Level seine Klasse zu zeigen, und hat dabei angeblich auch die Rolle als Starter vorerst sicher. Wenn er nicht glücklich wird, kann er nächstes Jahr einfach aus seinem Vertrag aussteigen. ZSKA würde ihn mit Kusshand wieder zurückholen. Das Risiko ist also minimal - und er ist eben auch nicht mehr der Jüngste.

Das Team erhält derweil einen offensiven Maestro, der mindestens als Platzhalter zwischen Chris Paul und dem nächsten Franchise-Point Guard fungieren kann und mit seinem Spiel "asses in seats" packen wird, wie man in den USA sagt. Durch die Verpflichtung halten sich die Clippers relevant - Teodosic ist längst ein Mythos, deswegen will jeder sehen, wie er in der NBA auftritt.

Natürlich ist nicht garantiert, dass Teo und die Clippers "funktionieren" werden - die Unvorhersehbarkeit macht aber auch einen Teil des Reizes aus. Teodosic' Spiel ist deswegen genial, weil man es nicht vorhersehen kann - Teodosic ist deswegen eine Kultfigur, weil das einzig Vorhersehbare an ihm der Gesichtsausdruck ist. Die NBA hat eine neue Attraktion.

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