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NBA

Poker für Fortgeschrittene

Tristan Thompson und LeBron James werden vom selben Agenten vertreten
© getty

Sechs Wochen nach Beginn der Free Agency hat Tristan Thompson noch immer keinen neuen Vertrag unterschrieben. Dass er die Cleveland Cavaliers verlässt, ist trotz der Hängepartie um sein Gehalt unwahrscheinlich. Thompson spielt seine Karten clever aus und hat die Cavs in die Ecke gedrängt. Die Verantwortlichen müssen reagieren.

Als Tristan Thompson im Oktober 2014 eine Vertragsverlängerung der Cavs über 52 Millionen Dollar für vier Jahre abgelehnt hatte, fassten sich Fans, Journalisten und Spieler an den Kopf. Zu diesem Zeitpunkt vertraten die wenigsten die Meinung, dass TT mehr wert ist als 13 Mio. Dollar jährlich. Doch Thompson war das nicht genug.

Wenige Tage nach Beginn der Free Agency im Juli 2015 sickerte durch, dass sich die beiden Seiten in den Verhandlungen annäherten. 80 Millionen Dollar für fünf Jahre lautete die neueste Offerte. Doch Thompson lehnte erneut ab.

Seit einem Monat stocken die Verhandlungen nun schon, Thomson verpasst deshalb sogar die Amerikameisterschaft mit dem kanadischen Nationalteam. Der Power Forward pocht nach wie vor auf einen Max-Deal im Wert von 94 Mio. Dollar - auf den ersten Blick eine abstruse und unrealistische Forderung.

Doch bei genauerem Hinsehen ist keine unersättliche Gier, die Thompson bisher davon abhält, den Stift zu zücken und zu unterschreiben. Er nutzt die spezielle Situation, in der er und die Cavaliers sich befinden, clever aus. Und es scheint, als würde seine Strategie aufgehen.

Die Playoffs als Problem

Eigentlich war die Sache klar: Die Cavs wollten ihren Restricted Free Agent Thomson langfristig halten, Thompson wollte in Cleveland bleiben. Und zwar ebenfalls langfristig. Generell schon einmal eine gute Grundlage für die Verhandlungen zwischen beiden Parteien.

Das Problem: Nach einer soliden Saison von der Bank legte Thompson als Ersatz für Kevin Love in den Playoffs eine starke Leistung nach der anderen hin (9,6 Punkte, 10,8 Rebounds) und war an der Transformation der Cavs zum Defensiv-Giganten entscheidend beteiligt. Auch wenn die Cavs in den Finals den Kürzeren zogen, war die Meinung klar: Man braucht Thompson unbedingt.

Perfekt fürs Team

Und dabei stehen nicht seine Statistiken im Vordergrund. Thompson passt perfekt in die Mannschaft. Coach David Blatt lässt kein einziges System für ihn laufen, trotzdem punktet TT häufig zweistellig. Gerade in einem Team mit drei Stars wie LeBron James, Kyrie Irving und Kevin Love brauchen die Cavs einen Spieler, der auch ohne den Ball in der Hand glänzen kann.

Mit 12,8 Prozent liegt Thompsons Usage Rate weit im unteren Bereich der Liga, in den Playoffs waren es sogar nur 10,4 Prozent. Dass Thompson dennoch einen wertvollen Beitrag leistet, liegt an seiner Effizienz (56 Prozent FG) und seiner wohl größten Stärke, den Offensiv-Rebounds, die er entweder selbst verwertet oder wieder nach draußen weiterleitet. Seine Abschlüsse erfolgen dabei aus gutem Grund fast alle direkt am Ring: Aus mehr als einem Meter Entfernung trifft er nur noch 35 Prozent seiner Würfe.

Ein echter Duracell-Hase

Nicht zu unterschätzen ist zudem sein Einfluss auf die Verteidigung. Als einziger Big Man des Teams ist er in der Lage, das Pick'n'Roll zu switchen und zeitweise einen Guard zu verteidigen. In Zeiten von Small Ball eine immer wichtiger werdende Fähigkeit, von der Timofey Mozgov, Love und Anderson Varejao nur träumen können. Und James Jones träumt jede Nacht davon, überhaupt verteidigen zu können.

Nur wenige Spieler verdienen das Prädikat Duracell-Hase so sehr wie Thompson, der in den letzten drei Spielzeiten nicht eine einzige Partie verpasste. Er reibt sich auf, er ackert. Energie ist sein zweiter Vorname. So wird man zum Publikumsliebling.

Der große Unterstützer

Thompson ist aber nicht nur Liebling der Fans, sondern auch von LeBron James. Der King machte seine erneute Unterschrift in Cleveland zu Beginn der Free Agency sogar davon abhängig, ob die Franchise in der Lage sei, TT zu halten. Als es nach einer Einigung aussah, zog James die Reißleine und beendete die seltsame Posse. Nach seiner emotionalen Rückkehr glaubte ohnehin niemand ernsthaft, James würde die Cavs direkt wieder verlassen.

Aber darum ging es auch nicht. LeBron, der bekanntlich auch bei Rich Paul unter Vertrag steht, wollte ein Signal an Besitzer Dan Gilbert senden: Alle Register müssen gezogen werden, um mir kommende Saison einen mindestens gleichwertigen Supporting Cast zur Seite zu stellen - auch wenn wir dafür tief in die Tasche greifen müssen.

Versteckte Kosten

Derzeit liegen die Cavs 4 Millionen Dollar über der Luxussteuer-Grenze, ein neuer Vertrag für Thompson würde ein großes Loch ins Portemonnaie von Gilbert reißen. Bei einem Jahresgehalt von beispielsweise 15 Millionen Dollar müsste Cleveland zusätzlich 35 Millionen an Steuern abdrücken. Macht insgesamt 50 Millionen Dollar. Ist Thompson das wert?

Auf einer Pressekonferenz vor wenigen Tagen erneuerte James seine Forderung: "Tristan ist ein unverzichtbarer Teil unseres Teams", so LBJ. "Kurzfristig und langfristig macht er unsere Mannschaft viel gefährlicher. Es sind noch Dinge zu verhandeln, aber wir brauchen ihn zurück. Er ist eine wichtige Stütze. Das Front Office hat großartig gearbeitet, aber der nächste Schritt muss es sein, den Deal mit Tristan abzuschließen."

Flexibilität ade?

Leichter gesagt als getan. Folgen die Cavs Thompsons Wunsch und geben ihm wirklich einen 94-Millionen-Dollar-Vertrag über fünf Jahre, berauben sie sich einem großen Teil ihrer Flexibilität. Mit James, Irving und Love stehen zudem bereits drei Großverdiener in Ohio unter Vertrag.

Thompson würde dann mehr als Irving und fast genauso viel wie Love einstreichen. Für das Gehaltsgefüge alles andere als optimal, zumal im kommenden Sommer auch Mozgov bezahlt werden möchte.

Keine Frage: Thompson ist sicherlich einiges wert, aber ohne ein vernünftiges Offensiv-Spiel noch lange keinen Max-Deal. Zumindest nicht aktuell. Aber genau das ist der Knackpunkt. Nach dem Anstieg des Salary Cap, der ab 2016 dank des neuen TV-Deals jede Saison weiter emporschießen wird, wäre ein mit 16 Millionen Dollar pro Jahr dotierter Vertrag bald nur noch Mittelmaß.

Portland oder nichts

Doch welche Alternativen gibt es? Den Cap Space, Thompson seinen gewünschten Vertrag anzubieten, besitzen einzig und allein die Trail Blazers. Doch Portland hat einen anderen Weg eingeschlagen und will den Abschied von LaMarcus Aldridge mit einem Rebuild um Zugpferd Damian Lillard vergessen machen.

Bliebe noch die Qualifying Offer. Anfang der Free Agency legte Cleveland Thompson einen Einjahresvertrag im Wert von 6,8 Millionen Dollar vor, um Angebote für den Restricted Free Agent matchen zu können. Das könnte nun eine wichtige Rolle in den Verhandlungen spielen.

Sollten sich beide Parteien nicht auf eine langfristige Verlängerung einigen können, könnte Thompson dieses Angebot unterschreiben. Zeit hat er dafür noch bis zum 1. Oktober. Agent Paul hat aber bereits betont: "Wenn Thompson die Qualifying Offer annimmt, wird es sein letztes Jahr bei den Cavs sein." Und das ist vermutlich kein Bluff.

Poker für Fortgeschrittene

Das zweite Ass im Ärmel von Thompson ist nämlich das simple Prinzip von Angebot und Nachfrage. Die Free Agency 2016 hat nur wenige hochkarätige Big Men zu bieten. Mit 24 Jahren ist TT zudem im perfekten Alter und neben Al Horford und Hassan Whiteside der wohl begehrteste große Spieler. Mehr als 20 Franchises werden den Cap Space haben, um Thompsons Taschen füllen zu können. Die Cavs hätten kaum eine Chance, adäquaten Ersatz zu finden.

Die Qualifying Offer anzunehmen, wäre allerdings auch für Thompson nicht ohne Risiko. Sollte er sich kommende Saison schwerer verletzten, könnte er sich den großen Vertrag womöglich abschminken.

In die Ecke gedrängt

Mit ihren offensiven Äußerungen haben Thompson und Paul die Verantwortlichen der Cavaliers in die Ecke gedrängt - vergleichbar mit einer guten Trap. Aber GM David Griffin hat nicht den Luxus einer Auszeit, um sich aus der misslichen Lage zu befreien. Er muss sich entscheiden. Und er muss hoffen, dass Thompson sein letztes Druckmittel nicht zieht. Als Ultima Ratio könnte er den Trainingsauftakt sausen lassen, um eine Einigung zu forcieren.

Noch wird aber sachlich diskutiert, deutlich ruhiger als beispielsweise vergangenes Jahr im Fall Eric Bledsoe. Die Suns wollten ihrem Guard deutlich weniger zahlen als er forderte, doch nach langem und heftigem Hin und Her gaben sie nach. Die Verhandlungen führte übrigens auch damals Rich Paul...

Thompson wird 2015/2016 in Cleveland bleiben - alles andere wäre eine riesige Überraschung. Aber zu welchen Konditionen? Die Cavs sind unter Zugzwang. Thompson hat sein Blatt clever gespielt und er wird sein Geld bekommen. Wenn nicht in diesem, dann im nächsten Jahr.

Der Kader der Cavaliers im Überblick

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