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NBA

Gefangen im Niemandsland

Michael Jordan hatte als Besitzer der Hornets bisher nicht allzu viel zum Jubeln
© getty

Die Charlotte Hornets haben vorm Draft alle Angebote für ihren Pick abgelehnt, um Wunschspieler Frank Kaminsky zu holen. Schon kurz davor wurde das Experiment Lance Stephenson beendet und dafür Nicolas Batum aus Portland losgeeist. Beide dürften weiterhelfen - die entscheidenden Probleme lösen sie aber nicht. Der Ausweg aus dem Mittelmaß ist immer noch nicht gefunden.

Michael Jordan muss an keinem Ort der Welt vorgestellt werden. Jeder kennt den Mann, der die 90er Jahre über mit den Bulls dominierte und der spätestens seit seinem zweiten von drei Rücktritten 1998 als bester Basketballspieler aller Zeiten gilt.

Doch während es auf dem Feld nichts gab, das Air Jordan nicht beherrschte, hat ihm seine Karriere seither keinen vergleichbaren Erfolg gebracht. Weder als Manager oder Präsident der Wizards, noch bei den Hornets, deren Besitzer er seit 2009 ist. Sein Plan, dieses Team binnen sechs Jahren zum Contender zu machen, schlug fehl.

Ein einziges Mal haben die früheren Bobcats die Playoffs erreicht, 2014 war das. Nach nur vier Spielen war diese Erfahrung allerdings auch wieder beendet, und die vergangene Saison war ein deutlicher Rückschritt.

Miese Bilanz in der Lottery

Mit Lance Stephenson wollte man sich der Elite im Osten weiter annähern, stattdessen wurde seine Verpflichtung zum Desaster und die Playoffs wurden abermals verpasst. Das brachte den Hornets zwar abermals einen hohen Draft-Pick ein, ihre Lottery-Bilanz ist in der Ära Jordan allerdings nicht gerade erfolgreich.

Zwischen 2009 und 2014 durfte Charlotte sechsmal in der Lottery auswählen, mit Picks vom zweiten bis zum zwölften. Die Resultate: Gerald Henderson, Kemba Walker, Bismack Biyombo, Michael Kidd-Gilchrist, Cody Zeller, Noah Vonleh. Klingt nicht allzu beeindruckend? Ist es auch nicht.

Teilweise war das Pech: In einem Draft mit Anthony Davis den zweiten Pick zu bekommen, ist automatisch eine Niederlage, und MKG macht durchaus Fortschritte. Teilweise wurden aber auch schlicht falsche Entscheidungen getroffen, wie 2011: Damals waren Klay Thompson, Kawhi Leonard, Nikola Vucevic und viele andere noch zu haben, stattdessen setzte man auf Biyombo und Walker.

Dabei ist der Draft für die "Hornbobnetcats" essenziell - Free Agents vom höchsten Kaliber entscheiden sich, falls sie überhaupt wechseln, nicht für Charlotte. "Die beste Möglichkeit für uns, ein Team aufzubauen, ist und bleibt der Draft", bestätigte Jordans Vize Curtis Polk kürzlich gegenüber Grantland.

Monster-Angebot aus Boston

Dementsprechend bekam der Draft auch in diesem Jahr wieder die größte Aufmerksamkeit, wenngleich das Team schon vorher zwei seiner vorigen Lottery-Picks - Vonleh und Henderson - sowie Stephenson weggeschickt hatte. Mit Nicolas Batum, Spencer Hawes und Jeremy Lamb wurden dadurch bereits drei neue Rotationsspieler geholt.

Die meiste Beachtung fand trotzdem das, was die Hornets während des Drafts machten - beziehungsweise das, was sie nicht machten. Denn früh sickerte durch, dass sie ein sehr lukratives Angebot für ihren No.9-Pick abgelehnt hatten - nach ESPN-Informationen hatten die Celtics ihnen satte vier Erstrundenpicks geboten.

Diese Information an sich irritierte schon einige, der tatsächliche Pick dann ebenfalls. Denn Charlotte holte nicht etwa einen Spieler mit verbrieftem Starpotenzial, oder den Mann, den Boston unbedingt wollte (Justise Winslow) - Charlotte holte Frank Kaminsky.

Die Hausaufgaben nicht gemacht

Gerüchten zufolge Jordans Entscheidung, Polk allerdings gab Grantland eine andere Erklärung: "Man hat keinen Tag, man hat auch keine Stunden. Wir hatten uns lange mit Frank befasst und hatten eine hohe Meinung von ihm. Aber wenn man sich innerhalb von zwei Minuten entscheiden muss, wen man an 16 oder 20 holen soll? Mit diesem Bereich hatten wir uns nicht so befasst."

Einerseits vielleicht logisch, andererseits aber auch ein wenig peinlich für das Front Office der Hornets. Eine Scouting-Abteilung, die sich nur auf einen kleinen Bereich des Drafts fokussiert? Eigentlich ein Kardinalsdelikt. So verbaut man sich die Möglichkeit, aktiv zu werden, falls wie in diesem Fall unverhofft ein sehr gutes Angebot hereinflattert.

Man hatte sich allerdings auf Kaminsky versteift und hofft nun, dass er mehr bringen wird als Vonleh, der nach bloß einer Saison schon wieder verschifft wurde. Die Hornets bauen darauf, dass der verhältnismäßig alte Rookie direkt helfen kann. "Er ist 22. Er ist erwachsen. Bei vielen One-and-Done-Spielern weiß man nicht, was man bekommen wird", sagte Polk.

Kaminsky: Ein bisschen redundant?

"Frank the Tank" kann man nach vier Jahren in Wisconsin hingegen tatsächlich gut einschätzen. Der Big Man ist ein sehr versierter Offensivspieler, der einen potenziell tödlichen Distanzwurf besitzt und sich auch im Post zuhause fühlt.

Er kann zudem gut passen und verfügt über eine sehr gute Arbeitseinstellung, auch wenn er eher verschlafen aussieht - seinen Status als Lottery-Pick hat er sich hart erarbeiten müssen, da er weder über die Athletik noch die Schnelligkeit eines typischen Top-Prospects verfügt. Noch vor seiner letzten College-Saison galt er höchstens als Kandidat für das Ende der ersten Runde.

Einerseits spricht das natürlich für Kaminsky. Andererseits ist es jedoch stark zu bezweifeln, dass er viel mehr werden kann als ein solider Rollenspieler. Schwache Verteidiger hat Charlotte unter seinen Bigs zudem genug; Al Jefferson ist häufig verletzt und war schon immer fußlahm, Hawes ist vom Skillpaket her relativ ähnlich wie Kaminsky und Blockmonster Biyombo spielt nun in Toronto.

Es wird zudem interessant zu beobachten sein, wie Coach Steve Clifford die Minuten im Frontcourt verteilen will, in dem sich auch noch Zeller und Neuzugang Tyler Hansbrough tummeln. Bekommt der designierte Wunschspieler überhaupt ausreichend Möglichkeiten, um sich auszuzeichnen?

Lin als potenzieller Steal

Natürlich war der Kaminsky-Move aber bei weitem nicht der einzige in Charlottes Offseason. Jeremy Lamb will nach enttäuschenden Jahren in OKC endlich beweisen, dass er in der NBA eine Rolle spielen kann, Rookie Aaron Harrison bringt Shooting, Hansbrough bringt Toughness und ein wenig Wahnsinn unterm Korb.

Als Steal könnte sich Jeremy Lin herausstellen, der in Charlotte bloß etwas mehr als 2 Millionen Dollar pro Jahr verdient und Charlotte einen fähigen Backup-Aufbau beschert, der zuvor fehlte. Hawes wurde in erster Linie geholt, weil man durch diesen Trade Stephenson loswerden konnte.

Der große Hoffnungsträger neben Kaminsky heißt aber zweifellos Batum, auch wenn er gerade eine ganz schwache Saison hinter sich hat (Career-Lows aus dem Feld und vom Perimeter). Der Franzose beherrscht auf dem Court eigentlich alles, kann werfen, rebounden, exzellent passen und ist ein starker Verteidiger.

Hoffen und Bangen um Batum

Nur die Konstanz fehlte ihm bisher immer, um von einem "echten" Durchbruch sprechen zu können. Darauf hoffen sie nun in Charlotte - wenngleich auch Batum ein gewisses Risiko mitbringt, da er nach der Saison Free Agent wird. "Klar gibt es ein Risiko", sagte GM Rich Cho, "aber wir haben über die letzten Jahre gesehen, dass Spieler gerne hier sind."

Diese Aussage ist allerdings sehr optimistisch und nur bedingt wahr - traditionell gehört Charlotte eher zu den Teams, die Free Agents nur dann bekommen oder halten, wenn sie sie überbezahlen. Das Risiko ist durchaus real, zumal die Franchise eben auch im sechsten Jordan-Jahr nicht wirklich eine klare Richtung zu haben scheint.

Ist genug Potenzial da, um im Osten die Playoffs zu erreichen? Absolut. Ist darüber hinaus mehr drin? Wahrscheinlich nicht. Kann abseits vom Draft jemand verpflichtet werden, der daran etwas ändert? Wahrscheinlich auch nicht. Ist das den Entscheidern bewusst? Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Schadet MJ dem Team?

Eine klare Linie ist bei den Hornets nicht zu erkennen. Wohl auch deshalb, weil eben ziemlich viele Leute etwas zu sagen haben. Seit langem gibt es Gerüchte, dass andere General Manager direkt mit Jordan und nicht mit Cho verhandeln, oder dass Clifford keine Zukunft hat, wenn die Hornets in diesem Jahr nicht die Playoffs erreichen.

MJ ist in jedem Fall wesentlich mehr in die Entscheidungen involviert als andere Team-Besitzer und hat logischerweise das finale Wort. Vielleicht hat der GOAT ja einen genauen Plan im Hinterkopf - die Erfahrungen der letzten Jahre und die Win-Now-Moves dieses Sommers weisen nicht darauf hin. Der Weg heraus aus dem Niemandsland ist nicht abzusehen, weder kurz- noch langfristig.

Die Hornets im Überblick

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