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Fehlt nur noch Disney Land

Stan van Gundy zieht in Detroit im Hintergrund die Fäden
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Überbezahlt? Auf keinen Fall!

Starting Point Guard ist und bleibt Reggie Jackson, der im Sommer seine drei Kreuze unter eine Vertragsverlängerung über gleich fünf Jahre gesetzt hat. Neben dem Morris-Trade die entscheidende Aktion der Offseason in Detroit und der Grund, weswegen das Publikum im Palace of Auburn Hills kommende Saison von einem Playoff-Platz träumen darf.

Auch wenn manch einer - inklusive Wizards-Spielmacher John Wall - Jacksons Salär von 80 Mio. Dollar für übertrieben hält: Nein, der quirlige Point Guard ist definitiv nicht überbezahlt. Walls Aussage "Ich verdiene das gleiche wie Reggie Jackson!" sorgte für breites Amusement und auch im Kreise der Medien für Zustimmung. Aber erinnern wir uns doch mal zurück an den Sommer 2013.

Ein gewisser John Wall hatte eine gute dritte Saison als NBA-Profi gespielt: 18,5 Punkte, 7,6 Assists, 4,0 Rebounds, 44 Prozent FG und 27 Prozent 3FG waren seine Ausbeute. Als Konsequenz forderte er - wie inzwischen ja fast jeder, der den Spalding halten kann - eine Vertragsverlängerung zu maximal möglichen Bezügen.

In Washington schenkte man dem damals noch wurfschwachen und turnover-anfälligen Wall das Vertrauen und baute auf seine Entwicklung. Ihn mit einem Max-Deal auszustatten und damit zum Eckpfeiler der Franchise zu machen, hätte zu diesem Zeitpunkt nicht jedes Team gewagt. Die Wizards schon.

Jackson > Wall?

Die Situation bei Jackson ist nahezu identisch. Mit 17,6 Punkten, 9,2 Assists, 4,7 Rebounds, 44 Prozent FG und 34 Prozent 3FG hat er in seiner Zeit bei den Pistons insgesamt sogar bessere Zahlen aufgelegt als Wall.

Vor dem Hintergrund des steigenden Salary Cap und der dünnen Free Agency Class von 2016, in der Jackson zum Restricted Free Agent geworden wäre, ist der Deal für die Pistons richtig knorke. Nächsten Sommer hätten sie bei einer weiteren Leistungssteigerung ihres Aufbauspielers und dem omnipräsenten Cap Space für Jacksons Dienste einige Millionen drauflegen müssen.

Zusätzlich zur langfristigen Sicherheit bringt Jackson mit seinem starken Pick-and-Roll-Game eine der wichtigsten Qualitäten für das Zusammenspiel mit einem Center wie Drummond mit. Und kaum ein Coach ist so verliebt in das P&R wie van Gundy.

Jacksons Passqualitäten werden Detroit auch im Fastbreak zugutekommen. Wenn er gemeinsam mit Drummond und High Flyer KCP ins Laufen kommt, müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn der Abschluss des Spielzugs nicht in den täglichen Top 10 zu finden ist.

Der Anti-Drummond

Mittelmäßig, sub-optimal, so lala. Die Assoziationen mit der Pistons-Bank waren in den letzten Jahren alles andere als euphorisch - jetzt sieht das Ganze ein wenig anders aus. Mit Aron Baynes holte Detroit einen soliden Backup-Center für die geschätzten zwölf drummondlosen Minuten.

Sollte Hack-a-Center-who-can't-hit-freethrows kommende Saison auch in Detroit howardeske Ausmaße annehmen, wäre Baynes die richtige Wahl. Den Beinamen Anti-Drummond bekommt er aber nicht nur, weil er einer der besten Bigs von der Linie ist (84 Prozent FT).

Der zweite Grund: Anzeichen von Athletik sucht man bei Baynes vergeblich. Seine Punkte erzielte der 28-Jährige bisher vor allem dank guter Fußarbeit, seiner Raffinesse und - nicht zu unterschlagen - dank des Ball Movements der Spurs. Nun muss der in Neuseeland geborene Australier beweisen, dass er auch außerhalb der Wohlfühl-Oase San Antonio abliefern kann.

Neben dem Jahresgehalt von 6 Mio. könnten Baynes' defensive Qualitäten zum Problem werden. Mit Drummond als Rim Protector will van Gundy ein bisschen von der Bad-Boys-Defense früherer Tage zurück nach Detroit bringen. Aber was bringt das, wenn die Second Unit selbst Rasheed Wallace mit seinen 40 Jahren nicht am Dunking hindern könnte?

Der alte Mann und der See

Es ist eine Schande. Danny Granger letzte Saison spielen zu sehen, tat im Herzen weh. Man kann es nicht anders sagen. Den einstigen Allstar und Franchise-Player der Pacers nach seinen Verletzungen in Miami so zu erleben - ohne Spielfreude, ohne Selbstbewusstsein, ohne Rolle - es war einfach grausam.

Lediglich 76 Spiele hat der Swingman in den letzten vier Jahren absolviert, am Eriesee bekommt der körperlich alte Mann (eigentlich ist er ja erst 32) die letzte Chance, einen Beitrag zu leisten. Man kann allerdings nur beten, dass er ein van-Gundy-Trainingscamp verletzungsfrei übersteht und es ins Team schafft. Wenn ja, könnte er den Part des erfahrenen Veteranen übernehmen, den jungen wilden zur Seite stehen und ab und zu ein paar Dreier einstreuen.

Ersan, der neue Hedo

Regelmäßig erwartet wird das hingegen vom neuen Power Forward Ersan Ilyasova. Abgesehen von seinem Ex-Schützling Ryan Anderson hätte SVG wenige bessere Frontcourt-Partner für Dummond finden können. Im Tausch für Caron Butler war der Türke trotz der schwächeren letzten Saison ein Steal.

Hinter Ilyasova, der verglichen mit van Gundys altem Magic-Team am ehesten den Part von Hedo Turkoglu übernimmt, sind die Pistons mit Anthony Tolliver und Cartier Martin nicht herausragend aufgestellt. Zur Not kann aber auch Morris einige Minuten als Power Forward abreißen.

Jodie Meeks und Reggie Bullock als Backups auf der Zwei runden die gute Bank ab. Fehlt eigentlich nur noch ein junger Spieler mit Entwicklungspotenzial für den Flügel. Auftritt Stanley Johnson.

Stan draftet Stan

Es wird wohl nicht am gleichen Vornamen gelegen haben, dennoch durfte sich Johnson vor dem feuchten Händedruck von Commissioner Adam Silver ein Pistons-Cap aufsetzen - und nicht nur die Fans waren irritiert.

In Justise Winslow war schließlich ein frisch gebackener NCAA-Champion und laut einhelliger Meinung besserer Flügelspieler noch auf dem Board. Doch Stan entschied sich für Stan - und die bisherigen Eindrücke in der Summer League stützen seine Wahl.

Als variabel einsetzbarer Swingman zeigte Johnson in Orlando mit 16,2 Punkten, 6,8 Rebounds und einer Trefferquote von 58 Prozent aus dem Feld eine äußerst starke Vorstellung. Übersicht und gutes Entscheidungsverhalten sprechen ebenfalls dafür, dass Johnson Morris im Laufe der Saison den Platz in der Starting Five abjagen könnte.

Genau darauf hofft van Gundy. Die Entwicklung der jungen Spieler, allen voran natürlich von Drummond, Johnson, Jackson und Caldwell-Pope bildet der Fokus der Saison. Mit einem Auge schielt der geneigte Pistons-Fan aber auch Richtung Playoffs. Und das zu Recht.

Ende der Durststrecke?

Das Rennen um die Plätze 6-10 der Eastern Conference wird wieder genau so eng wie vergangene Saison - und Detroit darf sich durchaus Chancen ausrechnen, das erste Mal seit sieben Jahren Fan-Shirts mit sprachlich hochwertigen Slogans auf die Sitzplätze des Palace legen zu können.

Dennoch müssen sich die Pistons die Frage gefallen lassen, ob ein Center-fokussiertes Spiel in Hochzeiten von Small Ball wirklich eine Chance bietet, in den nächsten Jahren um den Titel mitzuspielen. Van Gundy wird versuchen, es zu beweisen.

Im Gegensatz zu einigen anderen Franchises verfolgt man in Motor City immerhin einen konkreten Plan. SVG hat seine Umbaumaßnahmen akribisch vorbereitet und in der Offseason abgeschlossen. Was zum Vorschein kommt, ist ein Abziehbild seines Magic-Teams der späten 2000er. Fehlt nur noch Disney Land - van Gundy würde den Unterschied zu damals selbst wohl kaum noch merken.

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Der Kader der Pistons im Überblick

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