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NBA

Wenn nur noch der pure Wille zählt

Von Philipp Dornhegge
LeBron James führte seine Miami Heat mit einem Triple-Double zum Sieg im 6. Spiel
© getty

Mit einer Energieleistung haben die Miami Heat den schon sicher geglaubten Titelgewinn der San Antonio Spurs im sechsten Spiel verhindert und die Finalserie nach Verlängerung in ein siebtes Spiel geschickt. Zum x-ten Mal ist das Momentum gekippt, aber was zählt das jetzt noch?

Als der Rauch verzogen war, blieb den Gästespielern nur noch die pure Resignation. "Es geht uns schlecht, sehr schlecht", sagte Manu Ginobili. "Wir waren nur ein paar Sekunden vom Titel entfernt, und haben ihn entgleiten lassen."

San Antonio und Miami hatten gerade eines der packendsten Final-Spiele aller Zeiten hinter sich gebracht, in dem es so viele Wendungen, so viel Dramatik und auch so viele Fehler gab, dass man ein ganzes Buch damit füllen könnte.

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Aber den Spurs blieb nach der Schlusssirene nur völlige Leere: "Ich weiß gerade nicht, wie wir uns für Spiel sieben noch mal aufraffen sollen", gab Ginobili zu. "Aber wir müssen."

"Müssen" ist besonders für den Argentinier selbst das Stichwort. Nach seinem starken Auftritt in Spiel 5 wurde er in dieser Partie von James verteidigt und völlig aus dem Spiel genommen, der Lefty nahm lediglich fünf Würfe (2 Treffer, 9 Punkte) und fabrizierte dafür 8 (!) teils haarsträubende Ballverluste.

Ginobili mit miserablem Auftritt

Zudem vergaben er und Kawhi Leonard und den letzten 28 Sekunden zwei Freiwürfe, die den Sieg - und damit die Meisterschaft - endgültig hätten klar machen können. Stattdessen verkürzte James per Dreier, 5,2 Sekunden vor Schluss nagelte Ray Allen einen weiteren durch die Reuse und brachte Miami in die Overtime.

Viele Heat-"Fans" vor Ort erlebten dieses Comeback gar nicht mehr mit: Sie waren schon eine halbe Minute vor Schluss zu den Ausgängen geströmt und werden ihren Freunden und Familien in den kommenden Tagen, Wochen, Jahren und Jahrzehnten einiges zu erklären haben.

Miami Heat vs. San Antonio Spurs: Hier geht's zum BOXSCORE

Immerhin waren die meisten dieser Anhänger in der Verlängerung wieder da. Dort rehabilitierte sich Leonard für seinen Fehlwurf von der Linie, Ginobili aber legte weitere Fehler nach: Er schlief in der Transition Defense gegen Chris Bosh ein und foulte halbherzig, er spielte einen Katatstrophenpass genau in die Arme von James und wurde in der entscheidenden Szene des Abends von Allen gestoppt, der sich allerdings mit einem Foul behalf, das nicht gepfiffen wurde.

"Manu macht sich selbst die meisten Vorwürfe", wollte Tim Duncan aber nicht zu hart mit ihm ins Gericht gehen. "Sicher hat er ein paar Fehler gemacht, und das macht ihn jetzt stinksauer. Aber das wird ihn für Spiel 7 nur noch aggressiver machen."

James: "Das beste Spiel, bei dem ich dabei war"

"Wir haben das Championship-Podium gesehen und das gelbe Absperrband", erinnert sich derweil James, woher die Heat den letzten Funken Motivation nahmen. "Heute hat man gesehen, dass man immer bis zum Schluss spielen muss. Das war das beste Spiel, bei dem ich je dabei war."

Auf Anhieb ließe sich wohl kaum jemand finden, der ihm da widersprechen möchte. Außer vielleicht Gregg Popovich: "Es war ein Wahnsinnsspiel. Aber es war auch ein Spiel der Fehler. Und die Heat hatten das bessere Ende für sich."

Und Mario Chalmers, für den der Titelgewinn mit der University of Kansas nach eigenen Angaben ein noch größeres Erlebnis war. Allerdings war es genau dieser Chalmers, der in ersten Hälfte auf Seiten Miamis groß aufspielte und die große Tim-Duncan-Show (25 Punkte, 8 Rebounds in Halbzeit eins) konterte.

"Wir haben das Gefühl, dass wir immer wieder zurückschlagen können", sagte Chalmers, nachdem San Antonio zwischenzeitlich mit 13 Punkten vorn gelegen hatte. "Wir sind Kämpfer."

Boshs leistet großen Beitrag

Diese Beschreibung passte in Spiel sechs auf keinen Spieler besser als auf Chris Bosh. Miamis Big Man, der offensiv in dieser Serie so wenig zum Zug kommt, wurde in Halbzeit eins auch defensiv von Tim Duncan schwindlig gespielt, fand sich nach der Pause aber zunehmend gut zurecht und ließ im vierten Viertel und in der Overtime keinen Duncan-Punkt mehr zu.

Zudem sicherte er den Offensivrebound vor Allens Dreier und verbuchte zwei gigantische Blocks gegen Tony Parker und mit ablaufender Uhr in der Overtime gegen Danny Green. Am Ende standen neben 10 Punkten sehr starke 11 Rebounds, 3 Steals und 2 Blocks zu Buche.

Damit unterstrich er nicht nur seinen eigenen Kampfgeist, sondern auch eine Eigenschaft der Heat, die ihnen lange abgesprochen wurde, die sie vielleicht erst mit dem Titelgewinn 2012 erlernt haben: den Willen, bis zum letzten Moment alles zu geben. "Die mentale Toughness, die wir gezeigt haben", war wirklich etwas Besonderes", bestätigte James.

Haben die Spurs die Nerven verloren?

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Die Miami Heat waren eine halbe Minute vor Schluss mausetot, und haben ihren Kopf doch irgendwie aus der Schlinge gezogen. "Am Ende des Tages ist uns eine Aktion mehr geglückt als dem Gegner", fasste der erneut bärenstarke LeBron James (32 Punkte, 10 Rebounds, 11 Assists, 3 Steals, 6 Turnover) zusammen.

"ESPN"s Michael Wilbon freilich sah es genau andersrum: "San Antonio hat die Nerven verloren. Ich kann mich an kein Spurs-Team erinnern, dass in der entscheidenden Phase so unruhig und überhastet gespielt hätte."

In der Tat kam die Offense der Gäste im letzten Viertel und der Overtime weitgehend zum Erliegen und lebte fast nur noch von Einzelaktionen. 13 Assists bei 37 Field Goals entsprechen so gar nicht der Art und Weise, wie das Popovich-Team normalerweise agiert.

Welche Rolle spielt die Erschöpfung?

Worauf sich allerdings alle Beteiligten werden einigen können - und was doch kaum einer zugeben wird -, ist die Tatsache, dass in diesem Spiel jeder Akteur an seine körperlichen Grenzen gegangen ist. Parker wirkte in den Schlussminuten, als würde er jeden Moment umfallen, James traute man schon nach Spiel 5 eine solche Energieleistung nicht mehr zu.

Auf die Frage, ob Duncan am Ende zu kaputt gewesen sei, antwortete Popovich trocken: "Klar ist er kaputt, aber nicht mehr als jeder andere."

Die entscheidende Frage vor Spiel 7 ist deshalb ganz einfach: Welches Team kann für den letzten großen Auftritt die meisten Reserven mobilisieren?

Die Spurs, deren Schlüsselspieler teils weit jenseits der 30 Jahre sind? Oder die Heat, die in der zweiten Serie nacheinander in ein siebtes Spiel müssen und deren MVP unglaublich viele Minuten spielen muss (50 in Spiel 6)?

Duncan: "Machen das, was wir immer machen"

"Erschöpfung ist Teil dieses Sports", sagte James. "Aber ich glaube nicht, dass sie einen großen Einfluss auf das heutige Ergebnis hatte. Hier haben zwei Championship-Teams um alles oder nichts gekämpft. Da kann man sich hinterher nicht auf seine Müdigkeit berufen."

Auch in taktischer Hinsicht darf man von beiden Mannschaften keine Überraschungen mehr erwarten. Beide Teams kennen das Personal und die Taktik des Gegners inzwischen in- und auswendig.

Kleine Dinge, wie die letzte Konsequenz beim Reboundkampf oder das harte Zumachen der Dreierschützen - Dinge eben, die Miami im Schlussspurt von Spiel 6 besser machte - werden vermutlich den Unterschied ausmachen.

San Antonio ist zu erfahren, um sich von dieser - zweifelsfrei dramatischen - Schlappe aus der Bahn werfen zu lassen. "Wir werden genau das machen, was wir immer machen: Wir schauen uns Videos an, wir werden ein paar Sachen besprechen und am Donnerstag bereit sein", kündigt Duncan an.

Und die Basketball-Welt kann es kaum erwarten.

Der Finals im Überblick

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