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NBA

"Ich hatte einen Stempel auf der Stirn"

Von Interview: Marcel Friederich
Mit 24 erzielten Punkten hatte der Shooting Guard in Spiel 3 seinen großen Auftritt
© getty

Gary Neal gehört zu den positiven Überraschungen der laufenden NBA Finals. Im Gespräch mit SPOX berichtet er über seinen schwierigen Karriereverlauf, verschobene Flitterwochen und den Schlüssel für das fünfte Finalspiel.

SPOX: Herr Neal, eigentlich hatte sich Ihr Team beim 113:77 in der dritten Finalpartie das Momentum in dieser Serie gesichert. Was ist im vierten Spiel schief gelaufen?

Gary Neal: Man muss den Heat großen Respekt zollen. Obwohl sie so stark unter Druck standen, haben sie im vierten Finalspiel eine richtig starke Leistung abgeliefert. Deren gesamte Mannschaft hatte ein gutes Händchen an diesem Abend - allen voran LeBron und D-Wade. Wenn solche Spieler einmal ins Rollen kommen, ist es schwierig, sie wieder zu stoppen.

SPOX: Was ist aus Ihrer Sicht der Schlüssel für das fünfte Spiel, um das Offensivfeuerwerk der Heat zu stoppen?

Neal: Wir dürfen uns nicht mehr so viele Turnovers erlauben. Ich glaube, im letzten Spiel sind es 19 oder 20 gewesen. Das waren viel zu viele. Aufgrund der vielen Ballgewinne kamen die Heat sehr häufig in ihr gefürchtetes Transitiongame. Sie konnten einfach losrennen und aggressiv in Richtung Korb ziehen. Das müssen wir unbedingt verhindern, allen voran durch weniger Turnovers.

SPOX: Sie selbst hatten im dritten Finalspiel Ihren großen Auftritt, als Sie Ihr Team mit 24 Punkten (6 von 10 Dreiern) zum Sieg führten. Auch bei der jüngsten Niederlage zeigten Sie mit 13 Punkten (3 von 4) eine ansprechende Leistung.

Neal: Ich bin sehr froh, dass ich meiner Mannschaft erfolgreich weiterhelfen kann. Gerade in der Phase, wenn andere Flügelspieler wie Manu Ginobili nicht in absoluter Topform sind, muss ich auf den Punkt genau topfit sein. Auf solch eine Situation habe ich immer hingearbeitet.

SPOX: Ihre Einsatzzeiten in den Playoffs wurden kontinuierlich verringert: von 19,3 Minuten pro Spiel in der ersten Runde bis auf 12,8 Minuten pro Partie in den Conference Finals. War das für Sie eine frustrierende Sache?

Neal: Das sehe ich nicht so tragisch. Als Profisportler ist es dein Job bereit zu sein, wenn du gebraucht wirst. In den vorherigen Playoff-Runden ist es für unser Team sehr gut gelaufen. Daher gab es keinen Anlass für Coach Pop meine Spielzeit zu vergrößern. Doch ich bin positiv geblieben und habe an meine Chance geglaubt. Jetzt ist sie gekommen. Ich bin glücklich und erleichtert, dass ich es geschafft habe, mental und physisch auf den Punkt genau da zu sein.

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SPOX: Nun stehen Sie 24,8 Minuten pro Spiel auf dem Parkett und markieren dabei 13,8 Punkte.

Neal: Damit kann ich mehr als zufrieden sein. Für mich als Shooter ist es besonders wichtig, wenn sich der Ball in unseren Reihen gut bewegt. Dann ergeben sich fast automatisch Lücken für mich. Viel besser als im dritten Spiel hätten wir das kaum machen können. An dieses Ballmovement müssen wir am Sonntag unbedingt anknüpfen. Und gleichzeitig, wie gesagt, müssen wir die Anzahl an Turnovers zurückschrauben.

SPOX: Bevor Sie in die NBA kamen, mussten Sie einen steinigen Weg zurücklegen. Sie waren Topscorer an der University La Salle, wurden vor dem Saisonstart 2004 jedoch aus dem Team geschmissen, weil Sie einer Vergewaltigung beschuldigt wurden.

Neal: Das war für mich eine ganz harte Zeit. Die Anschuldigungen waren falsch, ich wurde später freigesprochen. Trotzdem hatte ich ab diesem Zeitpunkt eine Art Stempel auf meiner Stirn.

SPOX: Die Saison 2004/05 mussten Sie aufgrund der Vorwürfe komplett aussetzen, ehe Sie zur Towson University wechselten.

Neal: Auch dort war ich Topscorer des Teams. Doch kein einziger NBA-Klub hat sich für mich interessiert.

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SPOX: Aufgrund der besagten Anschuldigungen?

Neal: Möglicherweise.

SPOX: Waren Sie zu dieser Zeit überzeugt, dass Sie das Potenzial für die NBA besitzen?

Neal: Ja, auf jeden Fall. Ich habe am College gegen viele gute Jungs gespielt. Deshalb wusste ich genau, dass ich die Fähigkeiten besitze, um auf höchstem Level in der NBA mithalten zu können. Es war allerdings nur die Frage, wann sich die richtige Möglichkeit dafür ergibt. Dank der Gnade Gottes habe ich diese Möglichkeit bei den Spurs erhalten.

SPOX: Zuvor spielten Sie von 2007 bis 2010 in der Türkei, in Spanien und in Italien. Unter anderem für so namhafte Klubs wie den FC Barcelona oder Benetton Treviso.

Neal: Diese drei Jahre in Europa haben mir sportlich sehr weitergeholfen. Auch finanziell bin ich absolut zufrieden gewesen. Was diese beiden Komponenten angeht, also das Sportliche und das Finanzielle, hätte ich es mir durchaus vorstellen können, in Europa zu bleiben. Doch irgendwie hatte ich den Drang zurück in die USA zu gehen und dort mit meiner Frau Leah, die ich im Juli 2010 geheiratet hatte, eine Familie zu gründen. Aus meiner damaligen Sicht ging das nur in den Staaten. Also habe ich mich bemüht 2010 an der NBA Summer League teilzunehmen. Allerdings hatte ich keine allzu großen Hoffnungen, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre alt gewesen bin und noch nie zuvor in der Summer League gespielt hatte.

SPOX: Was ist dann passiert?

Neal: Eigentlich hatte ich mit meiner Frau schon die Flitterwochen gebucht. Doch plötzlich erhielt ich den Anruf von meinem Agenten, dass ein NBA-Klub kurzfristig doch noch Interesse an mir habe: die San Antonio Spurs. Aus den Flitterwochen wurde deshalb erst mal nichts. Stattdessen bin ich zur Summer League nach Las Vegas geflogen.

SPOX: Und es hat sich gelohnt, die Flitterwochen zu verschieben...

Neal: Genau. Zwei, drei Tage, nachdem die Summer League beendet war, erhielt ich die positive Nachricht, dass mich die Spurs verpflichten wollen. Darüber war ich wahnsinnig glücklich. Meine Frau natürlich auch. (lacht)

SPOX: Nun stehen Sie als ungedrafteter Spieler in den NBA Finals und gehören bislang zu den Topscorern der Serie.

Neal: Ich kann es selbst kaum fassen, was hier gerade passiert. Es ist ein Traum, der für mich in Erfüllung geht, nachdem ich so hart für einen NBA-Vertrag gearbeitet habe. Ganz ähnlich ist das ja mit Danny Green, der eigentlich schon abgeschrieben war und mehrmals in der D-League spielen musste. Wir beide haben eine ähnliche Leidensgeschichte. Deshalb sind wir einfach sehr, sehr dankbar, dass wir die Möglichkeit haben, in den NBA Finals spielen zu dürfen.

SPOX: Und nun auch gemeinsam den Titel gewinnen?

Neal: Das wäre das Größte in unserem Sportlerleben!

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