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NBA

"Dann bist du der letzte Depp"

Von Philipp Dornhegge
Kevin Durant (M.) und den Oklahoma City Thunder fehlt Russell Westbrook an allen Ecken und Enden
© getty

Kevin Durant spielt eine grandiose Serie, trotzdem wirken die Oklahoma City Thunder ohne den verletzten Russell Westbrook planlos, die Offense vorhersehbar. Die Houston Rockets kehren mit einem Haufen Selbstvertrauen von Spiel fünf (hier geht's zum Spielbericht) in die Heimat zurück.

Francisco Garcia verriet seinem Coach Kevin McHale vor Spiel fünf, wieviel Spaß er aktuell mit den Rockets in den Playoffs habe. McHales Reaktion war kurz und knapp: "Dann sorge dafür, dass es nicht vorbei ist."

Gesagt, getan: Garcia und seine Teamkollegen schossen sich in der Chesapeake Energy Arena in einen Rausch, widerstanden erneut dem Comeback-Versuch der Thunder und haben nun gute Chancen, im heimischen Toyota Center weiteren Druck auf den haushohen Favoriten auszuüben.

Zum jetzigen Zeitpunkt sprechen nur wenige von einem möglichen Weiterkommen. Nach einem 0-3-Rückstand wäre das in der NBA-Geschichte ein einmaliger Vorgang.

Aber wer das fünfte Duell der jüngsten Mannschaft der Liga mit dem Vorjahresfinalisten gesehen hat, kam wohl nicht umhin zu fragen: Sind die Thunder denn wirklich noch die Favoriten?

Garcia als Houstons Stabilisator

Nach dem Saisonaus von Russell Westbrook war schnell die einhellige Meinung in NBA-Kreisen, dass es fortan für OKC zwar schwerer würde im Westen, dass ein Finaleinzug aber trotzdem möglich sei.

Doch es stellt sich heraus, dass Oklahoma City alle Hände voll zu tun hat, überhaupt die erste Runde zu überstehen -, nur um dann womöglich auf die toughen, playoff-erprobten Memphis Grizzlies zu treffen.

Houston spielt dabei sicher eine Rolle. Die Rockets haben sich in die Serie richtig reingefuchst, reifen quasi mit jedem Spiel, jedem Viertel und jedem Spielzug. Der Einfluss des 32-jährigen Garcia als Stabilisator darf dabei nicht unterschätzt werden.

Der Dominikaner hat vor dieser Spielzeit selbst erst sechs Playoff-Spiele bestritten, bringt aber trotz allem die Erfahrung aus fast 500 Ligaspielen mit. Er kann das Spiel beruhigen oder für Feuer und Aggressivität sorgen. Seine Defense gegen Kevin Durant ist vielleicht die beste, die Houston dem Topscorer entgegenwerfen kann.

OKC entscheidet über Ausgang der Serie

Letzten Endes aber hängt es an der Nummer eins der Western Conference, wie die Serie ausgeht. Wenn der Favorit sein Potenzial voll abruft, dann wird er in die zweite Runde einziehen - Westbrook-Ausfall hin oder her.

Aber genau das ist die Frage: Wird Oklahoma City sein Potenzial in Spiel sechs (und in einem möglichen Spiel sieben) abrufen?

Zum jetzigen Zeitpunkt muss man daran ernste Zweifel haben. Die Thunder haben eine ganze Reihe von Problemen, die nie offenkundiger waren als in Spiel fünf.

Thunder: Eine Reihe von Problemen

Zum einen wäre da das mangelhafte Ball Movement. Wer erwartet hat, dass OKC ohne seinen All-Star-Point-Guard die Verantwortung verteilen wird, sieht sich getäuscht. Reggie Jackson ist fast eins-zu-eins in Westbrooks Rolle geschlüpft, gibt den Ball oft nur widerwillig her und nimmt für einen Spieler, der bisher nur von der Bank kam, viel zu viele Würfe.

Bei allem Talent bringt er dabei lange nicht die Qualität eines Westbrook mit. Die Folge dieses Stils zeigt sich vor allem an den Leistungen der anderen Spieler: Kevin Martin (1/10 FG) war völlig von der Rolle, Derek Fisher (2/6) und Thabo Sefolosha (3/8) nahmen zusammen weniger Würfe als Jackson (7/15) und genau so viele wie Serge Ibaka (7/14), der mit Sicherheit darauf gehofft hatte, jetzt eine größere Rolle im Angriff zu spielen.

Der Ball läuft nicht, was unweigerlich dazu führt, dass sie keinen Rhythmus haben, wenn ihnen plötzlich doch die Kugel in die Hände fällt.

Coach Scott Brooks sieht das auch so: "Wir haben ja unsere Möglichkeiten. Die Rockets machen die Zone dicht, wenn wir also den Ball laufen lassen, dann bekommen wir irgendwann freie Würfe - und müssen sie nur noch treffen."

Durant überragend, aber...

Würfe treffen: Das ist natürlich die große Spezialität von Kevin Durant. Der Thunder-Topscorer spielt eine absolut überragende Serie, macht 33,6 Punkte pro Spiel und hat zudem seine Assistzahlen nach oben geschraubt (von 4,6 in der Regular Season auf 6,0 in den Playoffs).

Durant ist der Grund, warum die Thunder in den letzten drei Spielen noch nicht vollständig implodiert sind. Doch bei aller Klasse, die der Forward Spiel für Spiel aufs Parkett zaubert, wirkt er total unzufrieden.

Durant nimmt mehr Fouls als in der Regular Season (3,0 statt 1,8), was man auf eine Mischung aus Frust, Müdigkeit (Durant spielt knapp 43 Minuten pro Spiel) und einer hohen Aggressivität des Gegners zurückführen kann.

Ständig sucht er den Kontakt mit den Schiedsrichtern, wenn mal ein Wurf daneben geht. In Spiel fünf holte er sich - als das Spiel längst gelaufen war - noch ein technisches Foul ab, weil er sich gefoult wähnte.

Rollenspieler völlig von der Rolle

Zudem schmollt er, wenn er den Ball nicht bekommt und hadert sichtlich mit seinen Teamkollegen, wenn er ihn hat. Westbrook war sein bester Mitspieler und Kumpel, dem er stets vertraut hat. Martin, Sefolosha und Co. aber bringen nicht die nötige Konstanz mit, um in der Crunchtime die wichtigen Würfe zu nehmen.

Das weiß Durant, der deshalb nur zögerlich den Ball abspielt, das wissen aber auch die Rockets. "Sie interessieren sich gar nicht für die anderen Spieler", analysierte Durant selbst. "Wenn ich den Ball hatte, hatte ich zum Teil vier Gegenspieler."

Und wenn Durant dann trotzdem nicht abspielt oder die Passempfänger nur Fahrkarten werfen, dann verliert Oklahoma City eben das Spiel.

"Ich muss einfach weiter Vertrauen in mich haben und ein besserer Leader sein, dann wird alles gut werden", sagt zwar Durant. Und man ist geneigt, ihm zu glauben.

Brooks steht in der Pflicht

Genauso wichtig wird es aber sein, dass Coach Brooks endlich Lösungsansätze findet. Spielzüge, die die Rollenspieler der Thunder stärker einbinden und ihnen neues Selbstvertrauen geben. Und die die Rockets wenigstens ansatzweise überraschen.

Gegen Houston, dessen Defense ligaweit zu den schwächeren gehört, mag der phantasielose und leicht ausrechenbare Basketball der Thunder vielleicht sogar noch funktionieren - solange Durant wie von einem anderen Stern spielt.

Spätestens gegen Mannschaften wie Memphis, das sowohl im Defensiv-Verbund als auch im Eins-gegen-Eins auf allen Positionen eine ganz andere Hausnummer ist, wäre das das sichere Ende.

Das sinkende Vertrauen sowie die steigende Panik und Einfallslosigkeit dehnte sich in Spiel fünf auch auf die Defense aus. Da fehlte die nötige Aggressivität beim Verteidigen der Dreier und die geistige Frische, um die flinken Flügelspieler der Rockets aus der Zone zu halten.

Hack-An-Asik-Taktik als Offenbarungseid

Anstatt bei einem Rückstand auf die eigene Stärke in der Verteidigung zu vertrauen, rief Brooks deshalb sechseinhalb Minuten vor Spielschluss eine Hack-An-Asik-Taktik aus - ein Offenbarungseid für ein Spitzenteam.

Ömer Asik bestrafte die Marschroute mit einer ordentlichen Quote an der Linie (13/18), Houston ließ die Thunder somit nicht ins Spiel zurück. Aber selbst wenn es funktioniert hätte, Brooks hat seiner Mannschaft damit genau die falsche Message mit auf den Weg gegeben: "Wir können die Rockets nicht stoppen und stattdessen nur hoffen, dass sie sich selbst schlagen."

TV-Kommentator Chris Webber brachte es auf den Punkt: "Wenn es funktioniert, sieht man vielleicht gut aus. Aber wenn nicht, dann bist du der letzte Depp."

Die Thunder-Fans wendeten sich in ihrer Verzweiflung derweil gegen Houstons Guard Patrick Beverley, der den nach wie vor verletzten Jeremy Lin als Starter ersetzte. Die Fans geben Beverley die Schuld an der Verletzung Westbrooks und buhten ihn gnadenlos aus. Der drahtige 24-Jährige antwortete mit 14 Punkten und 8 Assists.

Smith: "Houston kann gewinnen"

"Wir haben überhaupt keinen Druck", begründet All-Star James Harden (31 Punkte in Spiel fünf) die Leistung der jungen Rockets. "Wir sind an Position acht gesetzt. Niemand erwartet von uns, dass wir etwas reißen."

Das ist nicht mehr ganz richtig. Denn mit jedem statischen Angriff der Thunder und jedem eiskalt verwandelten Dreier Houstons wächst die Schar derer, die Historisches wittern.

"Absolut kann Houston diese Serie noch gewinnen", ist sich "TNT"-Experte und Ex-Rocket Kenny Smith sicher. Denn, und da sind sich alle einig: Erst jetzt, wo er nicht mehr da ist, weiß man so richtig zu schätzen, wie wertvoll Russell Westbrook für die Oklahoma City Thunder ist.

"Er fehlt ihnen an allen Ecken und Enden", so Rockets-Coach McHale. "Er ist einer der besten Spieler der Ligas. Er fehlt im Locker Room, beim Shootaround, im Teambus, im Flugzeug, in der Offense, in der Defense. Hab ich was vergessen? Ganz ehrlich, es tut auch mir leid, dass er verletzt ist."

Dem Spaß, den seine Mannschaft derzeit hat, tut das aber sicher keinen Abbruch.

Der Playoff-Spielplan im Überblick

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