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Der Schwimmer von Auschwitz

Von Maximilian Schmeckel
Alfred Nakache wäre am 17. November 100 Jahre alt geworden
© getty

Der Jude Alfred Nakache war einer der besten Schwimmer der Welt, als er 1943 von einem früheren Kontrahenten denunziert und ins KZ Auschwitz deportiert wurde. Anders als Millionen anderer Menschen überlebte er die Hölle. Obwohl er über die Hälfte seines Gewichts verloren hatte, wagte er bereits sieben Monate später sein Comeback und schwamm 1948, zwölf Jahre nach seiner Teilnahme in Berlin, erneut bei den Olympischen Spielen. Am Dienstag wäre er 100 Jahre alt geworden.

Alfred Nakache atmete tief ein, er schloss die Augen, konzentrierte sich, sammelte sich. Ein Schuss ertönte, er drückte sich fest vom Boden ab und sprang.

Als er am 04. August 1948 im ausverkauften Londoner Empire Pool die Wasseroberfläche des olympischen Beckens durchbrach, schrieb er Geschichte. Denn bereits 1936 in Berlin hatte er an den Olympischen Spielen teilgenommen. Dazwischen lag die Hölle des Konzentrationslagers Auschwitz. Er wurde somit zum einzigen Sportler der Geschichte, der vor und nach der Gefangenschaft in Auschwitz bei Olympia einen Wettkampf bestritt.

Geboren in Algerien

Die Geschichte von Alfred "Artem" Nakache begann 1915 in Constantine, einer Stadt in Nordalgerien, das damals Teil von Französisch-Nordafrika war. 20 Prozent der rund 100.000 Einwohner waren Juden, weshalb die Stadt den Titel "Petit Jerusalem" erhielt.

Dort, in diesem Schmelztiegel der Kulturen, in dem französisches Kulturgut der Besatzer auf algerische Tradition traf, in der Stadt der Brücken, mit der mehr als 100 Meter tiefen Schlucht Rhumel, wuchs Nakache als eines von zehn Kindern in einer traditionellen jüdischen Familie auf.

Auf den Märkten wimmelte es von jüdischen Spezialitäten, am Sabbat duftete es in den Straßen nach dem traditionellen Teigzopf Challa und beim Spaziergang hoben die Männer die Hand zum Gruß, wenn sie sich über den Weg liefen.

In dieser jüdisch geprägten und freundlichen Atmosphäre fand Nakache früh die Liebe zum Wasser - und das, obwohl er zunächst panische Angst davor hatte.

"Artem" wie Fisch

Sein Vater, ein passionierter Schwimmer, nahm ihn eines Tages mit in das Piscine Sidi M'Cid, nahe der berühmten Brücke Pont Sid M'Cid. Das Freibad, das noch heute existiert, mit dem hellen Stein, den über dem Becken wachenden Kreidefelsen und den Pappeln, die in der Hitze Schatten spendeten, wurde schnell zu Nakaches zweiter Heimat.

Der Junge, der sich mit fünf Jahren nicht einmal waschen wollte vor lauter Angst vor dem kühlen Nass, tauchte und schwamm bald so versiert, dass man ihm den Spitznamen "Artem" (hebräisch für "Fisch") verpasste. "Ich lernte schnell, denn man lernt schnell, was man liebt", sagte er später.

Bald konnte er drei ganze Bahnen tauchen, ohne neuen Sauerstoff einzuatmen und so schnell das Becken entlang pflügen, dass die Mitglieder des Constantiner Schwimmvereins auf ihn aufmerksam wurden und ihn aufnahmen.

Mit 17 schwamm er seinen ersten Wettbewerb, wenig später gewann er den "Coupe de Noel de Constantine", einen Wettbewerb in einem Schwimmbecken im offenen Meer, von einer errichteten Tribüne umgeben. Spätestens, als er mit salzigem Geschmack auf der Zunge, seinem Vater auf der Tribüne die Faust entgegen reckte, zuvor den Gegner um Längen hinter sich lassend, war klar, dass es ihn in die großen Hallen Frankreichs ziehen würde - zu den französischen Meisterschaften.

Pariser Leben und Olympia

Bereits 1933 nahm er zum ersten Mal daran teil und tauschte sein Becken gegen die Steinmauern und die hohen Tribünen des Piscine des Tourelles in der Hauptstadt Paris. Er genoss das Leben in Mitteleuropa, die Kinos, die Restaurants, die sauberen Becken und die Klasse seiner Konkurrenz. Er blieb und begann parallel zu den Wettkämpfen eine Ausbildung zum Sportlehrer, die er 1939 abschloss.

Er lernte bald sein großes Idol Jean Taris kennen, Silbermedaillengewinner bei Olympia 1932 in Los Angeles und achtfacher Weltrekordler. Taris war vom ungestümen und charmanten Nakache sofort angetan und nahm ihn unter seine Fittiche. Zusammen trainierten sie tagsüber und genossen abends den Pariser Lebensstil voller Glanz und Tanzveranstaltungen.

Sie schwammen für Racing CF und Taris führte Nakache nicht nur in die Pariser Vergnügungswelt ein, sondern auch in die Riege der besten Schwimmer der Welt. Nakache gewann 1935 bei der Makkabiade in Tel Aviv Silber und wurde im gleichen Jahr zum ersten Mal französischer Meister - der Auftakt einer ganzen Reihe von Titeln.

1936 belegte er bei den Olympischen Spielen in Berlin gemeinsam mit Taris den vierten Platz in der Staffel und schwamm auch im Einzelwettbewerb bis ins Finale. Als einer der Pioniere des Schmetterling-Stils, der damals noch nicht als eigene Disziplin galt, prägte er die Bruststil-Szene. 1938 wurde er Vize-Europameister, ein Jahr später gewann er bei den Studentenmeisterschaften Frankreichs vier Goldmedaillen.

Nach dem Weltrekord die Flucht

Die Medien schwärmten vom "größten europäischen Champion". 1941 brach er über 200 Meter Brust den Weltrekord (2:36,8), während in Europa längst der Krieg tobte. Noch 1942 wurde er achtfacher französischer Meister, ehe der nicht nur in Deutschland wabernde Antisemitismus gnadenlos zuschlug.

Bereits 1937 hatte er in einem Duell zwischen Europa und den USA seinen Platz für einen deutschen Sportler räumen müssen. Nach der Besetzung Frankreichs durch Hitler-Deutschland im Jahr 1940 floh Nakache mit seiner Frau Paule in den Süden nach Toulouse, das noch nicht dem NS-Regime unterstand und zu Vichy-Frankreich gehörte.

Er machte ein Sportstudio auf, schwamm bei den Dauphins du TOEC und trainierte Schwimmer, zu denen auch andere Geflohene und Mitglieder des jüdischen Widerstands gehörten.

Blinder Fleck Vichy-Frankreich

In Vichy-Frankreich (benannt nach dem Regierungssitz in Vichy) - das de facto eine vollwertige Kollaboration mit Hitler einging - unter der Führung von Präsident Henri Philippe Petain wurden 1940 die anti-jüdischen Gesetze "Statut des Juifs" verabschiedet, die etwa Berufsverbote beinhalteten. Im Oktober des selben Jahres wurde das Internierungsgesetz verabschiedet, das die Einweisung von Juden in besondere Lager (camps speciaux) ohne spezielle Begründung genehmigte.

Ein Jahr später wurden die Gesetze weiter verschärft und die Diskriminierung reichte nun in nahezu alle Lebensbereiche der Juden. Bis heute ist die Judenpolitik von Vichy-Frankreich kein Gegenstand umfassender wissenschaftlicher Aufarbeitung - und bleibt ein dunkler und zugleich blinder Fleck der französischen Geschichte.

Denunziert und deportiert

Die Stimmung kippte 1943 endgültig. Nach zahlreichen Anfeindungen erteilte der französische Schwimmverband Nakache, dem Titelverteidiger in acht Wettbewerben und Held der Nation, ein Startverbot. Er "verschmutze das Wasser in französischen Schwimmbecken", schrieben die Medien, längst war eine antisemitische Hetzkampagne im Gange.

Im Dezember 1943 wurden Alfred Nakache, seine Ehefrau Paule und seine zweijährige Tochter Annie vom ehemaligen französischen Schwimmmeister Jacques Cartonnet, der nun als überzeugter Faschist Hetzartikel schrieb und noch 1935 mit Nakache um Titel geschwommen war, denunziert - und nur wenige Tage später von der SS inhaftiert.

Über die Lager Drancy und Buna-Monowitz wurde ein Konvoi von 1368 Menschen nach Auschwitz deportiert. Nur 47 von ihnen erlebten das Kriegsende. Bei der Ankunft im Vernichtungslager wurde Nakache von seiner Frau und seiner Tochter getrennt. Beide wurde direkt nach der Ankunft in den Gaskammern des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ermordet, Paule wurde 28, Töchterchen Annie zwei Jahre alt.

Seite 1: Ein Leben in Paris, Olympia und die Flucht

Seite 2: Quell der Hoffnung, Demütigungen und ein Stück Geschichte

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