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Der Rugby-Krieg

Von Maximilian Schmeckel
Die Proteste in Neuseeland fanden ihren Ursprung in den Townships von Johannesburg
© getty

Ein kollektives Wirtschaftsembargo scheiterte im UN-Sicherheitsrat gleich 13 Mal wegen des Vetos der USA. Das sind ganze 13 Prozent aller US-amerikanischen Vetos überhaupt. Zu wichtig waren die Wirtschaftsbeziehungen, zu wichtig das Uranvorkommen in Südafrika. Und auch Deutschland unterhielt wirtschaftliche Beziehungen, die man "nicht ohne Not kappen sollte", wie der damalige Außenminister Willy Brandt kundtat.

Und auch der hierzulande als konservativer Grandseigneur der Politik gefeierte Franz-Josef Strauß befürwortete die Beziehungen. Und mehr: "Die Politik der Apartheid beruht auf einem positiven religiösen Verantwortungsbewusstsein für die Entwicklung der nichtweißen Bevölkerungsschichten. Es ist deshalb falsch, von der Unterdrückung der Nicht-Weißen durch eine weiße Herrenrasse zu sprechen", soll er gesagt haben. Aus heutiger Sicht unvorstellbar.

Die Springboks kommen

1981 hatten sich die großen Proteste beruhigt, die Medien hatten längst andere Themen. Die Verbrechen in Südafrika waren von den Titelseiten in die Randspalten gerutscht und routiniert zur Kenntnis genommen, wie heute inzwischen der Islamische Staat oder die Ukraine-Krise. Mitten ins bequeme Nichtstun platzte die Meldung, dass die Springbokke, wie es auf Afrikaans heißt, zu einer Tour nach Neuseeland aufbrechen würden. Premier Robert Muldoon ließ den Verband gewähren, obwohl er selbst in Gleneagles den sportlichen Boykott unterzeichnet hatte. "Die Politik darf sich nicht in den Sport einmischen", sagte er und in Thomas Oliver Newnham kochte es.

Der Trauer von 1976 über den Tod Pietersons und seiner Mitschüler war längst Wut gewichen. Wut darauf, dass sich nichts verändert hatte. Wut auf die Weltbevölkerung, die kurz an seiner Seite marschiert war, dann aber das Interesse verlor und sich abwandte. Unter seiner Führung formierte sich, ausgehend von HART, in Hamilton Widerstand, der sich erst auf das ganze Land ausweitete und schließlich auf Europa und die USA.

"Ihr ladet Männer in unser Land ein, die Menschenrechte mit Füßen treten? Ihr kooperiert mit Männern, die Unschuldige wegen ihrer Hautfarbe einsperren?", rief Newnham und die Menge klatschte dem Lehrer frenetisch Beifall. Viele beließen es nicht bei Plakaten, Trillerpfeifen und ihrer Stimme. Sie bevorzugten Eisenstangen und ihre Faust. Neuseeland wurde kurzzeitig zu einem Land, in dem ein Kleinkrieg herrschte, The Rugby War. Der Rugby-Krieg.

Prügeleien, Spielabbruch, Mehlbomben

Rugby-Fans und Rechtsradikale prügelten sich mit Aktivisten und Linken. Südafrikanische Geschäfte wurden verwüstet. Einige bastelten Grabsteine mit den Namen südafrikanischer Spieler und Politiker. Fotos wurden angezündet und jedes Spiel der Springboks wurde auf jedwede Weise versucht zu verhindern, zu stören oder zum Abbruch zu zwingen. In Hamilton, dem Epizentrum des Bebens, wo der Proteste-Seismograph Newnham immer wieder gewaltlosen Protest proklamierte, rissen 350 Menschen die Absperrungen nieder und sorgten für einen Abbruch des Spiels.

In der Wellingtoner Molesworth Street prügelten Polizisten auf Demonstranten mit Gummiknüppeln ein. Dutzende sanken blutend auf den Asphalt. Als Reaktion wurde dazu aufgerufen, Motorradhelme zu tragen, um sich gegen die Attacken zu schützen. Am 15. August besetzten die Demonstranten die Straßen in Christchurch außerhalb des Stadions und zwangen die Polizei die Zuschauer stundenlang im Inneren zu halten, ehe sie die Blockaden lösen konnten.

Ziviler Ungehorsam als Beschäftigungstherapie

Überhaupt wurden diverse Maßnahmen ersonnen, um das Polizei-Aufgebot zu schwächen und auseinander zu ziehen. So stieg der zivile Ungehorsam sprunghaft an, um durch Verhaftungen die Beamten dauerhaft zu beschäftigen.

Und auch Intellektuelle wurden aktiv. Der Künstler Ralph Hotere zeichnete eine Bilder-Serie gegen die Springboks-Tour und Kollektive zeichneten Karikaturen, in denen Muldoon Verbrecher mit offenen Armen empfing. Beim letzten Spiel am 12. September gegen die All Blacks, von denen sich bis auf einige Maori alle Spieler aus den Protesten heraus hielten, gelang der spektakulärste Schlag.

Eine von Marx Jones und Grant Cole geflogene Cessna 172 warf Mehl-Bomben über dem Spielfeld ab. Die Partie wurde zwar fortgesetzt, der feine Staub in der Luft, einige Fans, die die Black-Power-Faust zeigten, und die gedemütigten Sportler wurden aber zum Bild eines Siegs.

"Schlacht verloren, Krieg gewonnen"

Als die südafrikanische Rugby-Nationalmannschaft das Land verließ, hatte Neuseeland gezeigt, dass es zusammen stehen kann. Der nationale Stolz war zementiert. Der inhaftierte Nelson Mandela wurde mit den Worten zitiert, die Sonne habe durch die Zelle geleuchtet, als er von den Protesten gehört habe.

"Als Ergebnis der Proteste hier, akzeptierte kein anderes großes Rugby-Land Südafrika in den nächsten zehn Jahren", sagte John Minto, zeitweise Vorsitzender von HART, später nicht ohne Stolz. "Wir glaubten, dass das eine schwere Verletzung der Menschenrechte war und waren bereit, Maßnahmen zu ergreifen, um sie zu stoppen. Wir haben die Schlacht, die Tour zu stoppen, verloren. Den Krieg aber haben wir gewonnen."

1985 hatte der Widerwille gegen Südafrika das ganze Land durchdrungen. Eine Tour wurde nach einer Sammelklage vom Court of Appeal verboten. Von 30 Nationalspielern flogen 28, die sich "Cavaliers" nannten, trotzdem. Ihnen winkten üppige Prämien, aus Politik machten sie sich nicht viel. Nur David Kirk und John Kirwan weigerten sich - und werden seitdem als Helden verehrt, während die "Cavaliers" als "Schande" in die Geschichte eingingen. Bei ihrer Rückkehr wurden sie alle für die nächsten beiden Spiele der All Blacks gesperrt.

1987 Weltmeister, 1994 Mandelas Triumph

Es wurden Talente und No-Names berufen, die unter "Captain Kirks" Führung als "Baby All Blacks" überragend aufspielten und 1987 beim Triumph bei der ersten Rugby-WM den Kern des Titel-Teams bildeten. Eines Teams, das die Menschen mit den All Blacks Frieden schließen ließ. Über 48.000 sahen das Finale gegen Frankreich in Auckland. Dieses Mal fiel keine Mehl-Bombe.

Es ging um diesen faszinierenden Sport. Vor dem Match formierten sich die All Blacks zum legendären "Haka Haka". Sie streckten ihre Zungen heraus, schnitten Grimassen. Der Tanz des Lebens erinnert an die Wurzeln eines jungen Volkes, ist er doch ein Ritualtanz der Maori. Und auf der Tribüne machten sie alle mit. Ein Volk tanzte, die Politik war endlich wieder weit weg.

Neuseeland als Vorreiter

Sieben Jahre später, 1994, endete die Apartheid in Südafrika und Nelson Mandela wurde zum ersten schwarzen Präsidenten der Geschichte Südafrikas gewählt. Die Bilder des strahlenden Mandelas, die um die Welt gingen, wären ohne den weltweiten Protest niemals möglich gewesen.

Das Zentrum der Proteste im Ausland war das kleine Neuseeland. Weil dort der Volkssport Rugby die Massen aufwühlte. Weil dort Männer wie Thomas Oliver Newnham auf die Straßen gingen. Männer, die jeden Menschen als gleich ansahen. Pioniere der weltweiten Demokratie, die nach Soweto 1976 nicht weg sahen, sondern sich auflehnten und im Sport etwas erkannten, das Tausende zunächst nicht erkannten: die Chance, politisch etwas zu bewegen.

Seite 1: Vom Aufstand in Soweto bis zum Olympia-Boykott

Seite 2: Mehl-Bomben, die "Baby All Blacks" und das Strahlen von Mandela

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