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Olympia

Russland droht totales Olympia-Aus

SID
In Russland ist die Angst vor dem totalen Aus groß
© getty

Die Sportwelt klatscht nach dem Olympia-Ausschluss von Russlands Leichtathleten geschlossen Beifall, die Russen reagieren mit Unverständnis und Drohgebärden, doch der Höhepunkt in der größten Dopingaffäre der Geschichte könnte erst noch bevorstehen.

Ein komplettes Startverbot für Russland bei den Sommerspielen in Rio ist längst nicht mehr unwahrscheinlich.

"Das Internationale Olympische Komitee ist gut beraten, auch über einen Ausschluss der gesamten russischen Olympia-Mannschaft nachzudenken. Ich vermag nicht nachzuvollziehen, warum nur Leichtathleten betroffen sein sollen", sagte Präsident Clemens Prokop vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Der Jurist wagte sich am Wochenende bei der DM in Kassel als erster international höherrangiger Funktionär aus der Deckung.

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Prokops Gedankengang leuchtet ein: Wenn, wie es in der Begründung des Weltverbandes IAAF zum Ausschluss der Russen am Freitag in Wien hieß, "eine tief verwurzelte Kultur der Toleranz oder schlimmer gegenüber Doping" in Russland herrscht, warum sollte sich dies auf die Leichtathletik begrenzen?

Mit seiner Haltung steht Prokop nicht alleine. Diskus-Olympiasieger Robert Harting nannte eine mögliche Sperre aller Russen einen "interessanten Gedanken". Für ihn klinge das auch logisch, "dass man nicht davon ausgehen kann, dass wenn eine große Sportart das praktiziert, das nicht auf andere abfärbt", sagte der 31 Jahre alte Berliner nach seinem Sieg bei der DM in Kassel.

Weitreichende Maßnahmen möglich

Angesichts der FAZ-Berichte, dass sich russische Schwimmer in ihrer Heimat von Dopingkontrollen freikaufen konnten, sagte Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz dem SID: "Da muss man zum Schutz der Athleten über die Ausweitung der Sperre auf andere Sportarten nachdenken."

Dies geschieht offenbar bereits beim IOC, das am Samstag den "starken Standpunkt" der IAAF lobte. Am Dienstag kommt in Lausanne die IOC-Spitze mit den Führern internationaler Dachverbände zum Olympia-Gipfel zusammen.

Schon dabei könnte der Weg für weitere sporthistorische Entscheidungen bereitet werden. "Das IOC wird weitere weitreichende Maßnahme anstoßen, um gleiche Bedingungen für alle teilnehmenden Athleten sicherzustellen", teilte das IOC mit. Dies könnte im Hinblick auf die Spiele in Rio weitere russische Sportverbände betreffen bis hin zum gesamten russischen NOK. Aber auch andere Länder wie Kenia, Spanien und Mexiko, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur für "non-compliant", also nicht konform mit dem WADA-Regelwerk erklärt hatte, müssen zittern.

Das große Reinemachen im Weltsport hat womöglich erst begonnen, zumal die Lage für die Russen noch deutlich ungemütlicher werden dürfte: Am 15. Juli legt der kanadische Jurist Richard McLaren seinen Report über das vor, was er über die Machenschaften von Grigori Rodtschenko, in die USA geflohener Chef des Moskauer Doping-Kontrolllabors, in Zusammenarbeit mit staatlichen Instanzen ermittelt hat. Leichtathletik-WM 2013 in Moskau, Winter-Olympia 2014 in Sotschi, Schwimm-WM 2015 in Kasan - es wurde wohl betrogen und manipuliert, was das Zeug hielt.

"Einzig richtige Entscheidung"

In Kassel stieß der IAAF-Bann gegen Russland bei den deutschen Top-Leichtathleten auf großen Zuspruch. "Jahrelang wurde in Russland mit Systematik gegen den sauberen Sport vorgegangen, jetzt gibt es endlich klare Konsequenzen", sagte der zweimalige Kugelstoß-Weltmeister David Storl. Und Diskuswerferin Julia Fischer, wie ihr Lebensgefährte Robert Harting seit langem Kritikerin des russischen Systems, meinte: "Wenn der Weltverband weiter ernstgenommen werden will, war das die einzig richtige Entscheidung, die getroffen werden konnte."

Im Lande des gefallenen Sportriesen geht man mit dem Thema wie gewohnt um. Der erste Schritt für die Russen müsse sein, hatte IAAF-Chefermittler Rune Andersen am Freitag erklärt, anzuerkennen, ein Problem zu haben. Davon ist Moskau weit entfernt. "Natürlich ist die Sperre unfair", polterte Staatschef Vladimir Putin. Alexander Schubkov, Präsident des Russischen Olympischen Komitees (ROC), versprach pathetisch, man werde "bis zum bitteren Ende kämpfen". Und Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa sprach gar von einer "Verletzung der Menschenrechte, zu der ich nicht schweigen werde. Ich werde vor einen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen".

Issinibajewa schwant offenbar, dass das von der IAAF geschaffene winzige Schlupfloch für die Olympia-Teilnahme russischer Einzelsportler für sie nicht durchlässig ist. Denn nur Athleten, die im Ausland leben und getestet werden, also wie von der IAAF gefordert "ohne Verbindung zum System" in Russland sind, können eine Ausnahme-Berechtigung für einen Rio-Start erhalten. Eine Nutznießerin der Regelung könnte die in Florida ansässige Sieben-Meter-Weitspringerin Darja Klischina werden.

Am kommenden Wochenende finden in Tscheboxari die russischen Leichtathletik-Meisterschaften statt - die Wettkämpfe könnten nach Lage der Dinge zu einer Art "olympischer Gegenspiele" werden. "Vielleicht", sagte Issinibajewa, die eigentlich in Rio mit ihrem dritten Olympia-Gold in den Ruhestand gehen wollte, "ist das dann der letzte Wettkampf meiner Karriere."

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