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Olympia

Ski-Legende Christian Neureuther im Interview: "Es wurde ein Kind von einem System zerstört"

Bei den Alpinen hat es zum Glück am letzten Tag noch mit der ersehnten Medaille geklappt. Das muss Sie besonders gefreut haben, oder?

Neureuther: (lacht) Noch mehr hätte mich die Goldmedaille gefreut, weil ich Deutschland in unserem Familien-Tippspiel auf Eins gesetzt hatte. Diese Medaille war wirklich eminent wichtig. Unsere Alpine Mannschaft war hervorragend unterwegs, die Medaille wollte einfach nicht her. Die knappen vierten Plätze von Kira Weidle und Lena Dürr sowie der siebte Platz von Linus Straßer haben gezeigt, dass wir voll dabei sind. Insofern ist diese Silbermedaille im Team-Event der wichtige und richtige Erfolg für den DSV, der auch in der medialen Wirkung den Duck nimmt. Vor einem Jahr bei der WM in Cortina waren es noch vier Medaillen, jetzt wäre es um ein Haar keine einzige gewesen. Aber man hätte der Mannschaft gar keinen Vorwurf machen können, man sieht daran einfach nur, wie eng Glück und Pech beieinander liegen. Jetzt hat aber auch Lena Dürr ihre Medaille, was mich sehr freut, denn Bestzeit im ersten Lauf eines Slaloms ist nicht unbedingt das, was man mental für einen zweiten Durchgang braucht. Im Teamevent war sie zusammen mit Alexander Schmid grandios.

Deutschland hat jetzt immerhin eine Medaille, die große Mikaela Shiffrin muss tatsächlich ohne Edelmetall wieder abreisen.

Neureuther: Das ist eine olympische Geschichte, die besonders wehtut. Was man bei den Erfolgen von Mikaela gerne übersieht, ist, dass sie ein besonders sensibles Mädchen ist. Der Umgang mit dem Tod ihres Vaters hat das deutlich gezeigt. In Peking kam der enorme Druck der amerikanischen Medien, die eigene Erwartungshaltung und sicher auch des eigenen Umfelds hinzu. Man hat ja schon von fünf Medaillen gesprochen. Wir alle schätzen Mikaela so sehr. Ihre Art skizufahren und auch ihre Strahlkraft sind bewundernswert. Es wurde wahrscheinlich zu viel erwartet. Und für jemanden wie Mikaela, die vom Typ nicht so gebaut ist, dass sie alles locker wegstecken kann, war das nicht zu bewältigen. Hinzu kommt, dass die sicher auch Probleme mit dem Setup ihres Materials hatte.

Walijewa? "Hier wurde ein Kind zerstört"

War der chinesische Schnee ein Problem?

Neureuther: Der chinesische Schnee ist in der Materialabstimmung so herausfordernd wie kaum ein Schnee in Europa, und das vor allem in den technischen Disziplinen. Auf diesem extrem aggressiven Kunstschnee spielten Kälte und Wind eine zusätzliche Rolle. Man musste eine perfekte Abstimmung zwischen Ski, Schuh und Platte finden, um den Ski ruhig und ohne "Rattern" durch den Kurvenradius zu ziehen. Das ist nicht so leicht und da spielen auch grundsätzlich Eigenschaften eines Skis oder Schuhs eine Rolle, die man nicht so leicht verändern kann. Das ist ein äußerst komplexes System, ähnlich wie in der Formel 1, wo ein Auto auf einem Kurs überlegen gewinnt und zwei Wochen später auf dem nächsten Kurs keine Chance mehr hat. Das konnte selbst das große Serviceteam rund um Mikaela nicht perfekt lösen, es kann aber bei den nächsten Rennen in Europa schon wieder ganz anders sein. Dafür fährt Mikaela viel zu gut Ski. Sie ist für mich die derzeit beste Skirennfahrerin. Hoffentlich holt sie sich noch den Rekord der meisten Weltcup-Siege von Ingemar Stenmark.

Wir müssen auch kurz über die Österreicher sprechen, die in Person von Matthias Mayer und Johannes Strolz für historische Erfolge sorgten.

Neureuther: Matthias Mayer, dreimal Gold bei Winterspielen in Folge, Toni Sailer als erfolgreichsten österreichischen Skifahrer bei Olympia abgelöst - das ist schon grandios. Ich schaue ja immer auf den Menschen, der solche Leistungen bringt. Und Matthias Mayer ist einfach nicht nur ein fantastischer Skifahrer, er ist ein fantastischer Typ. Mit seiner Bodenhaftung und seiner Bescheidenheit erinnert er mich an Typen wie Franz Klammer. Mit diesen Eigenschaften erreichst du die Herzen der Menschen. Und die Geschichte von Johannes Strolz ist natürlich auch wie ein Märchen. Mit seinem Vater Hubert bin ich fast noch zusammen Rennen gefahren. 34 Jahre nach der Kombi-Gold von seinem Vater holt er jetzt auch Gold in der Kombi, Gold im Teamevent - und dann noch Silber im Slalom: Wahnsinn. Eine der schönsten Geschichten, die nur der Sport schreiben kann. Zu Beginn der Saison war er in keinem Topkader der Österreichischen Mannschaft, musste sich die Ski selber herrichten und jetzt dieser Erfolg. Im Januar hatte er aus dem Nichts mit hoher Startnummer seinen ersten Weltcupsieg in Adelboden geholt. Und das als Österreicher, wo der Skisport einen Stellenwert hat wie bei uns vielleicht der Fußball. Was er für den Sport geopfert hat, mit welcher Leidenschaft er gekämpft hat und wie er den Druck der Goldmedaille des Vaters ausgehalten hat, das ist eine wahrhaft olympische Geschichte. Er ist genau auch so ein Vorbild, das unsere Kinder brauchen.

Kinder sind ein gutes Stichwort, der Fall der 15-jährigen russischen Eiskunstläuferin Kamila Walijewa war ohne Frage das Negativ-Highlight der Spiele. Wie haben Sie dieses Drama erlebt?

Neureuther: Wir saßen als Familie vor dem Fernseher und waren fassungslos. Wir haben Kamila in erster Linie aus der Sicht von Eltern verfolgt. Aus der Sicht von Eltern, die die Problematik mit eigenen Kindern im Leistungssport und den enormen Druck, der damit einhergeht, sehr gut kennen. Für uns steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht was man aus einem Sportler herauspressen kann. Hier wurde aber ein Mensch, noch dazu ein Kind zerstört. Das war der schlimmste Moment der Winterspiele. Es wurde ein Kind von einem System zerstört, das wir alle kennen. Wir wissen ja, wie bekannter Weise der Sport in Russland funktioniert. Es gibt genügend Beispiele, gerade im Eiskunstlauf. Schade, dass es Kamila Walijewa erst brauchte, um Änderungen anzugehen. Die letzten russischen Goldmedaillengewinnerinnen im Eiskunstlauf in Sotschi und Pyeongchang, Adelina Sotnikowa und Alina Sagitowa, einmal 18 und einmal 16 Jahre alt bei ihrem Triumph, waren nur ein paar Jahre später nicht mehr dazu in der Lage, Leistungssport zu betreiben. Die sind einfach verschwunden. Es ist höchste Zeit für Veränderungen.

"Das wird doch bitte auch in den Gremien des IOC für Diskussionen sorgen"

Wenn wir den Bogen vom Eiskunstlauf generell auf die Olympische Idee spannen. Haben Sie denn noch Hoffnung, dass das IOC wirklich an einem Wandel interessiert ist?

Neureuther: Die Einschaltquoten bei NBC in den USA sind drastisch eingebrochen. 8 Milliarden zahlt NBC für olympische Übertragungsrechte, die über Werbung mit entsprechenden Quoten wieder eingespielt werden sollen. Es wird bei NBC jetzt nach Peking genau analysiert werden, was die Gründe dafür sind. Das mag an der Zeitverschiebung, an der Rivalität zwischen China und USA, am eigenen Team oder an der redaktionellen Aufbereitung liegen. NBC wird sich aber auch fragen, ob das olympische Produkt noch so hohe Zahlungen rechtfertigt. Und da habe ich die Hoffnung, dass sich unter diesen Prämissen auch ein IOC ernsthafte Gedanken macht, das Gesamtpaket zu überdenken und neue Schwerpunkte zu setzen. Die weltweite Kritik an den Spielen in Peking mit der Politisierung der Spiele, mit dem fehlenden Nachhaltigkonzept, mit der Überkommerzialisierung und den gigantischen Kosten so einer Veranstaltung, das wird doch bitte auch in den Gremien des IOC für Diskussionen sorgen, und wie ich hoffe, auch für Veränderungen sorgen. Wenn kein westlicher Politiker mehr zu einer Eröffnungsfeier kommt, wenn die weltweite Kritik unüberhörbar ist und die Marke "Olympische Spiele" beschädigt wird, dann muss sich auch "Lausanne" hinterfragen, ob die Ausrichtung noch zeitgemäß ist.

Was wäre Ihr größter Wunsch?

Neureuther: Mein großer Wunsch wäre, dass das IOC bereit ist, sich auf eine offene Debatte einzulassen. Dass man Menschen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen an den Tisch holt und diskutiert. Auch Menschen, deren Meinungen einem nicht passen. Sich ehrlich und offen mit Politikern, Sportverbänden, Medienvertretern, Sponsoren und anderen Kritikern auseinanderzusetzen. Und am Wichtigsten: Gebt den Sportlerinnen und Sportlern eine Stimme, aber bitte nicht über eine steuerbare Athletenkommission, sondern durch eine unabhängige Athleten-Vereinigung, die sich selber konstituiert, unabhängig finanziert wird und auch tatsächlich in Entscheidungsprozesse integriert wird. Das wäre mein Wunsch. Ich freue mich für die Sportler darüber, dass die nächsten Olympischen Spiele wieder in Europa und in westlich orientierten Ländern stattfinden. Ich freue mich schon jetzt auf Paris 2024 und Mailand 2026.

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