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Olympia

Olympische Spiele - Moritz Fürste im Interview: "Wir müssen jede Medaille in Tokio als unglaubliches Geschenk ansehen"

Moritz Fürste

 

Alle Initiativen, Sommerspiele wieder nach Deutschland zu bringen, sind gescheitert. Nach Paris 2024 und Los Angeles 2028 ist nun auch Brisbane 2032 schon klar. Wäre 2036 ein Ziel?

Fürste: Meiner Meinung nach auf jeden Fall. Die große Aufgabe der Zukunft heißt, Olympische Spiele klimaneutral stattfinden zu lassen. Wir erleben doch alle, wie elementar das Thema Ökologie für unser aller Zukunft ist. Wenn wir die Pandemie eines Tages hinter uns gelassen haben, wenn wir sie mindestens kontrollieren, ist es für mich sogar unsere Verantwortung, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Weil wir es als Land können. Deutschland kann der Welt zeigen, wie man klimaneutral Olympische Spiele ausrichtet, die auch infrastrukturell funktionieren. Wir dürfen nicht nur einfach zuschauen, wie die Sommerspiele in Länder wandern, die das nicht auf die Beine bekommen. Ich finde, das wäre eine schöne Aufgabe für unser Land, hier als leuchtendes Vorbild ein Zeichen in die Welt zu senden in den 2030er Jahren.

Die Frage, die sich anschließt, lautet aber auch: Wie wichtig ist uns eigentlich der Sport? In Tokio wird der Anspruch völlig natürlich wieder sein, im Medaillenspiegel abzuräumen.

Fürste: Dieser Anspruch ist aber völlig ungerechtfertigt. Wir sind bei weitem keine Top-3-Nation mehr bei Olympischen Spielen. Überspitzt formuliert: Wir müssen jede Medaille in Tokio als unglaubliches Geschenk und als Überraschung ansehen. Das ist viel näher an der Wahrheit, als jeden Tag vor dem Fernseher zu sitzen und einen Medaillenregen zu erwarten. Weil wir vom finanziellen Background her einfach nicht mithalten können mit den Top-Nationen. In welcher olympischen Sportart gehören wir vom finanziellen Setup zu den Top 3?

Außer Handball fällt mir keine ein.

Fürste: Richtig, im Handball sind wir vorne dabei, aber sonst sehe ich keine. Und wenn uns doch klar sein muss, dass es eine gewisse Parallelität zwischen finanziellem Invest und sportlichem Erfolg gibt, dann ist die sachliche Analyse eindeutig: Wir können in Tokio per se nicht mit wahnsinnig vielen Medaillen rechnen. Trotzdem wird Deutschland immer noch in ganz vielen Wettbewerben um die Medaillen mitkämpfen, aber das ist immer das Resultat einer außergewöhnlichen Leistung.

Fürste: "Wir haben Glück, dass die USA und China Hockey noch nicht entdeckt haben"

Im Hockey werden eigentlich nach wie vor wie selbstverständlich zwei Medaillen erwartet. Wie sieht es da aktuell aus?

Fürste: Wir haben im Hockey fünf Länder, die nur mit Vollprofis antreten: Niederlande, Belgien, Australien, Argentinien und Großbritannien. Kein Spieler dieser Nationen macht irgendwas anderes als Hockey.

Bedeutet, dass wir ja eigentlich um Rang sechs spielen?

Fürste: Genau, im Grunde ja. Diese fünf Nationen sind normalerweise nicht schlagbar für uns. Oder wo schlägt ein Amateur-Team sonst eine Profi-Mannschaft auf diesem Niveau? Dennoch sind wir auch in Tokio wieder in der Lage, all diese Nationen zu schlagen und eine Medaille zu gewinnen. Absolut ist das so. Aber dafür müsste man auch dem Hockey-Verband einen roten Teppich ausrollen. Es ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, wie wir es wieder geschafft haben, eine Top-Mannschaft aufzubauen, die in Tokio auch Gold holen kann. Aber es wird gar nicht ins richtige Verhältnis gesetzt. Ich weiß jetzt schon, was geschrieben werden wird, wenn am Ende keine Medaille herausspringt. Dann wird von der großen Hockey-Krise gesprochen werden. Das ist aber absurd. Wir haben sogar noch Glück, dass die USA und China Hockey noch nicht entdeckt haben, sonst wären wir gerade noch so Top 8.

Aber wie ändern wir das?

Fürste: Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir sind bereit, unseren Anspruch herunterschrauben.

Das ist zu bezweifeln.

Fürste: Daran glaube ich auch nicht. Aber dann müssen wir etwas tun. Wir haben nach wie vor kein eigenes Sportministerium. Wir haben berechtigterweise jetzt ein Ministerium für Digitales, weil das in der heutigen Zeit unabdingbar ist und wir dem Thema dadurch die angemessene Bedeutung verleihen. Ist die Politik dazu auch im Sport bereit eines Tages? Oder beschränkt es sich doch darauf, dass man auf den sozialen Kanälen medienwirksam die deutschen Medaillen abfeiert und sich darin sonnt? So wird es auch in Tokio wieder laufen, das wissen wir doch.

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