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Olympia

Don Quijote des Sports

SID
Digel, Helmut, Olympia
© Getty

Frankfurt/Main - Einen guten Monat vor dem Olympia-Startschuss wollen die Leichtathleten die kurze Fußballpause nutzen und endlich auch einmal im Rampenlicht stehen. Die olympische Kernsportart kämpft gegen den Sport-Monopolisten seit Jahren wie Don Quijote gegen Windmühlenflügel.

Während der EM war der gemeine Leichtathlet im Fernsehen praktisch eine persona non grata. "Wir haben stark darunter gelitten", sagte Uli Hobeck (Cottbus), der Präsident der Veranstalter-Organisation German Meetings.

Doch vor den deutschen Meisterschaften in Nürnberg plagen die Leichtathletik auch hausgemachte Probleme: zu wenig Stars, Zuschauer und Fernsehzeiten - dazu die weltweite Doping-Problematik.

"Es ist ein Punkt erreicht, wo nicht mehr viel passieren darf. Das Damoklesschwert des Dopings schwebt über den Wurf- und Sprintdisziplinen", warnte Hartmut Zastrow, Vorstand des Beratungs- und Forschungsunternehmens "Sport+Markt" in Köln.

Mittlerweile, klagte dieser Tage der beste deutsche Kugelstoßer, Peter Sack (Leipzig), "denkt doch außerhalb der Leichtathletik niemand mehr, dass unser Sport sauber ist". Die meisten Funktionäre sehen jeden überführten Athleten als Beweis für das funktionierende Kontrollsystem. Dass die Sportart zuletzt die größten Schlagzeilen durch den Fall des US-Sprintstars Marion Jones geschrieben hat, wollen nicht alle wahrhaben.

"Kritische Schwelle"

Dennoch werden in Peking die Übertragungen wieder TV-Quotenrenner sein. Und bei der Weltmeisterschaft 2009 in Berlin hofft der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) auf eine Riesenparty. Doch der Alltag sieht anders aus.

"Das Interesse an der 'Mutter aller Sportarten' darf hierzulande nicht mehr viel tiefer sinken. Die Sportart steht an einer kritischen Schwelle", meinte Zastrow. Nicht einmal mehr die Golden League, die Premium-Serie mit einem Jackpot von einer Million US-Dollar, ist im Fernsehen zu sehen, seit Premiere ausgestiegen ist.

Und die nationalen Sportfeste? "Wir kämpfen heute um Fernsehpräsenz wie die Leichtathletik allgemein", sagte Peter Schramm, Organisator des Hochsprung-Meetings in Eberstadt. Sein Cottbuser Kollege Hobeck stellt derweil etwas resigniert fest: Die Aufmerksamkeit bei "König Fußball" habe derart zugenommen, dass man inzwischen wisse, "welche Schnürsenkel die Spieler anhaben und wann sie zuletzt auf der Toilette waren".

Selbst schuld?

Die deutsche Leichtathletik hat natürlich keinen Michael Ballack oder Bastian Schweinsteiger. Aber sie hat auch nicht einmal mehr eine Heike Henkel oder einen Harald Schmid. "Unter den deutschen Athleten gibt es derzeit allenfalls Talente mit Starpotenzial wie Hochspringerin Ariane Friedrich", behauptete der Marketing-Experte und frühere Diskuswerfer Zastrow.

Das Probleme: Die Asse sind praktisch nur bei EM, WM oder Olympia im Fernsehen zu sehen - es sei denn, "Eurosport" überträgt mal einen Grand Prix.

Helmut Digel (im Bild), Mitglied im Council des Weltverbandes IAAF, betont immer wieder: "Es ist ein Skandal, dass die Leichtathletik und viele andere Sportarten von den öffentlich-rechtlichen Sendern vernachlässigt werden."

Doch der Tübinger räumt auch ein, dass die Sportart dies zum Teil mitverursacht hat, "weil sie sich nicht attraktiv genug darstellt". So ist der völlig zerfranste internationale Kalender, deren World Athletics Tour 42 Meetings umfasst, für den normalen Sportinteressierten nicht durchschaubar.

Hoffnung WM 2009

Bei den Meisterschaften in Nürnberg sind die Leichtathleten mal wieder im Bilde - am Samstag und Sonntag insgesamt 190 Minuten live in "ARD" und "ZDF". Es geht um die Olympia-Tickets, doch die Titelkämpfe mit ihren zähen Vorläufen und der meist farblosen Präsentation ist eher etwas für die Experten.

Im Verbandsrat, so DLV-Generalsekretär Frank Hensel, "wird regelmäßig über die Frage diskutiert: Ist dies ein großes Familienfest der Leichtathletik - oder eine kleine Zirkustruppe, die uns nach draußen vertritt?"

Bei seinem Wettlauf um die Gunst der TV-Anstalten und des Publikums setzt der DLV mittelfristig auf die Sog- und Nachwirkungen der WM 2009. "Wenn in einem Jahr in Berlin ein rauschendes Fest der Leichtathletik gefeiert wird, ist uns die geballte mediale Aufmerksamkeit sicher", schrieb kürzlich Präsident Clemens Prokop als Grußwort beim Kongress "Leichtathletik mit Perspektiven".

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