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Wintersport

Gräßler: "Einige Leute belächeln uns"

Von Interview: Alexander Mey
Ulrike Gräßler hat den Sommer-Grand-Prix der Skispringerinnen dominiert
© Getty

Ulrike Gräßler wurde 2009 Vize-Weltmeisterin im Skispringen. Genauso wie Martin Schmitt, doch der hat einen riesigen Vorteil: Er ist ein Mann. Im SPOX-Interview erklärt Gräßler, wie hart und ungerecht das Leben als Frau im Skispringen oft ist - von lächerlichen Preisgeldern bis hin zu absurden Unterstellungen. Außerdem: Gräßler über ihre schwere Lungenkrankheit und Angst vor Spinnen.

SPOX: Wovor hat eine Skispringerin, die sich die steilsten Rampen hinunterstürzt, Angst?

Ulrike Gräßler: Vor Spinnen!

SPOX: Tatsächlich?

Gräßler: Ja, die sind nicht so mein Ding.

SPOX: Wovor noch?

Gräßler: Manchmal habe ich auch ein bisschen Angst vor der Zukunft. Die Frage ist, was kommt nach dem Skispringen? In anderen Sportarten ist es ja möglich, dass man nach der Karriere abgesichert ist. Ich weiß nicht, ob das beim Frauen-Skispringen gegeben ist.

SPOX: Sie sprechen vom Geld.

Gräßler: Durch meine Ausbildung bei der Bundespolizei bin ich zwar sehr gut abgesichert und kann dort sofort in den Beruf einsteigen, aber ein bisschen Angst davor, ob der Weg, den man eingeschlagen hat, der richtige ist, hat jeder, glaube ich.

SPOX: Worum geht es Ihnen, wenn Sie mehr Aufmerksamkeit für das Frauen-Skispringen fordern - ums Geld oder um die Anerkennung?

Gräßler: Im Prinzip um beides, aber die Anerkennung ist mir noch wichtiger als das Finanzielle. Und die wird auch schon spürbar mehr. Gerade die Verleihung des Goldenen Skis war eine große Geste des DSV in diese Richtung. Es tut sich etwas, aber es braucht noch mehr Zeit.

SPOX: Wie war es denn am Anfang?

Gräßler: Es war und ist zum Teil auch heute noch ein ständiges Sichbeweisen. Ich komme an die Schanze und will allen zeigen, dass ich gut springen kann und die Anerkennung verdient habe. Ich trainiere so hart wie die Jungs, zweimal am Tag. Ich tue fast alles für den Sport. Da ist es dann schon schade, wenn es noch einige Leute gibt, die uns belächeln.

SPOX: FIS-Präsident Gianfranco Kasper hat mal gesagt, dass bei der Landung die Gebärmutter zerstört werden könnte.

Gräßler: (lacht) Das war eine lustige Aussage! Die ist aber schon ein paar Jahre her. Heute denkt er sich sicher, dass er das lieber nicht gesagt hätte. Solche Aussagen darf man aber nicht auf die Goldwaage legen. Es gibt in jeder neuen Sportart Vorurteile, gerade auch bei den Frauen. Ich glaube, den Biathletinnen ging es am Anfang auch nicht so toll.

SPOX: Gibt es heute noch viele Machos auf den entscheidenden Positionen?

Gräßler: Keine Ahnung, ob man sie Machos nennen kann. Ich frage mich manchmal aber dennoch, warum sich die Entscheidungsträger so schwer tun. Das Publikum würde uns gerne häufiger sehen, von daher verstehe ich nicht, warum man nicht zumindest mal einen Weltcup einführt. Es müssen ja nicht gleich 20 Springen sein, aber so um die sechs unserer Continental-Cup-Events zu Weltcups zu machen, wäre ein toller Anreiz für uns. Dabei geht es noch nicht einmal um Preisgelder wie bei den Männern. Es hört sich einfach besser an, wenn man sagt, man hat einen Weltcup gewonnen.

SPOX: Wie "horrend" sind denn die Preisgelder bei Ihnen?

Gräßler: Na ja, für einen Sieg gibt es 250 Euro. Das ist eine nette Zugabe, mehr nicht. Aber Reisekosten bekommt man auf jeden Fall gezahlt.

SPOX: Gibt es Momente, in denen Sie kurz davor sind, an der Situation zu verzweifeln?

Gräßler: Im Sommer hat man schon Phasen, in denen einem der Mangel an Gleichberechtigung wehtut. Man muss sich einfach immer beweisen. Ums Geld geht es mir dabei gar nicht so sehr.

SPOX: Haben Sie sich früher manchmal gewünscht, ein Junge zu sein?

Gräßler: Das nicht. Aber ich habe mich oft gefragt, ob ich nicht doch lieber eine andere Sportart ausüben sollte (lacht). Doch wer weiß, ob ich woanders genauso gut geworden wäre. Vielleicht habe ich alles genau richtig gemacht. Und irgendjemand muss schließlich anfangen. Ich habe durch den Sport auch sehr viele schöne Dinge erlebt. Es ist ja nicht alles ungerecht.

SPOX: Wie gut ist eigentlich Ihre Technik mittlerweile? Springen die Männer nur noch weiter, weil sie mehr Sprungkraft haben?

Gräßler: Die Weltspitze bei den Frauen springt technisch sehr gut und sauber. Wir haben schon Vergleichsstudien gemacht, die gezeigt haben, dass wir sehr nah an den Männern dran sind. Aber wie in jeder Sportart können wir einfach nicht die gleiche Kraft aufbringen wie die Männer. Da kann ich noch so oft in den Kraftraum gehen.

SPOX: Wie finden denn die Männer Frauen-Skispringen? Gibt es Feedback von einem Martin Schmitt zum Beispiel?

Gräßler: Bisher haben Martin Schmitt und Michael Uhrmann immer nur Positives gesagt. Die erkennen uns auf jeden Fall an und sehen auch, was wir leisten.

SPOX: Dass es mit der Anerkennung generell besser wird, hat die WM 2009 gezeigt. Dort durften Sie mitmachen - bei Olympia 2010 in Vancouver nicht.

Gräßler: Um Medaillen werden wir auf keinen Fall springen. Meine klitzekleine Hoffnung ist aber noch, dass es einen Demonstrations-Wettkampf gibt.

SPOX: Skispringen ist die einzige Olympische Sportart, in der nur Männer starten.

Gräßler: Stimmt - und es gibt dafür eigentlich keine richtige Begründung. Okay, man kann sagen, dass unsere oft noch nicht volljährigen Teilnehmerinnen zu jung sind, aber warum sollen sie denn lange weitermachen, wenn die Basis fehlt? Viele fragen sich mit 18, 19 Jahren, ob sie arbeiten gehen, studieren oder den Sport weitermachen. Früher oder später wird die Doppelbelastung den meisten zu viel.

SPOX: Es gibt also keinen Grund, um die Karriere fortzusetzen.

Gräßler: Genau. Wenn man klein ist und noch zur Schule geht, ist das alles kein Problem. Aber danach wird es kompliziert. Ich hatte das Glück, dass gerade, als ich vor der Entscheidung stand, beschlossen wurde, dass auch Skispringerinnen bei der Bundespolizei aufgenommen werden. Sonst hätte ich vielleicht ebenfalls aufgehört.

SPOX: Kostet dieser ständige Kampf um Anerkennung Energie oder macht er Sie härter?

Gräßler: Beides. Es gibt Momente, wo der Kampf um Ansehen viel Energie gekostet hat, oder wo ich zu viel Energie hineingesteckt habe, weil ich ein bisschen verzweifelt war. Manchmal macht es einen aber auch stärker. Man ist für das Leben besser gerüstet. Ich musste mich schon in der Jugend gegen die Jungs durchbeißen - das hat mich geprägt.

SPOX: Sie sind 22 Jahre alt. 2010 klappt es nicht mit Olympia. Ist 2014 ein Traum?

Gräßler: Das ist in der Tat ein Traum. Dann bin ich 26, das ist das beste Alter, um zu Olympischen Spielen zu fahren. Schade ist nur, dass ich jetzt gerade so gut in Form bin. 2010 hätte ich sehr gute Chancen, zu Olympia zu fahren. Wer weiß, was in vier Jahren ist? Da spielen so viele Faktoren eine Rolle - vor allem die Gesundheit, ohne die geht gar nichts.

SPOX: Sie sprechen aus Erfahrung, schließlich hatten Sie schon zweimal eine schwere Lungenkrankheit.

Gräßler: 2001 ist meine Lunge zusammengefallen, weil sich kleine Bläschen gebildet haben und die Luft herausgeströmt ist. Das ist mir dann innerhalb von vier Jahren noch ein zweites Mal passiert, und mir ist im Krankenhaus empfohlen worden, nicht mit dem Leistungssport weiterzumachen. Danach habe ich mich extra noch einmal von einem Spezialisten operieren lassen, damit die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas noch einmal passiert, so gering ist wie bei jedem anderen auch. Das habe ich nicht nur wegen des Sports getan, es war vielmehr eine Lebensentscheidung.

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