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Tennis

Ion Tiriac im Interview: "Okay, Boris, dann ist es eben dunkel, guten Abend!"

 

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Becker charakterisieren in der gemeinsamen Zeit?

Tiriac: Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum man heutzutage ständig Psychologen braucht. Wenn du als Coach nicht gut genug bist, um deinen Spieler zu verstehen, bist du kein guter Coach. Ganz einfach. Ich habe Boris von Anfang an verstanden und ich wusste, wie ich mit ihm umgehen muss. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eines Morgens traf ich Boris und die Unterhaltung lief so:

Ion: Guten Morgen, Boris!

Boris: Guten Abend!

Ion: Warum Guten Abend, Boris?

Boris: Weil es dunkel ist.

Ion: Aber Boris, draußen scheint die Sonne.

Boris: Nein, es ist dunkel.

Ion: Okay, Boris, dann ist es eben dunkel, guten Abend!

Das klingt schräg.

Tiriac: Natürlich, die Nummer war komplett lächerlich. Aber Boris hat jeden um ihn herum ausgetestet. Er war wie ein Kind, das seine Hand auf die Herdplatte legt, um mal zu schauen, was passiert. Natürlich musste ich auch von Zeit zu Zeit mal klare Ansagen machen, zumal Günther Bosch ein viel zu lieber Mensch war und zu oft nachgegeben hat. Aber solange wir dann das Programm durchziehen, was auf der Tagesordnung stand, habe ich ihn gewähren lassen und ließ mich darauf ein. Da fällt mir eine andere amüsante Geschichte ein.

Erzählen Sie.

Tiriac: Ich erinnere mich an ein Turnier in Hamburg. In der Stadt, in der es das ganze Jahr kalt ist und regnet. (lacht) Boris hat sich mal wieder auf dem Court herum geschmissen, seine Shorts waren komplett rot, sodass wir sie waschen mussten, weil wir keine zum Wechseln dabei hatten. Das Ende der Geschichte war, dass ich ins Badezimmer gerannt bin und seine Shorts gewaschen und getrocknet habe. Ich habe allen Spielern immer gesagt: Solange du mir das mit Leistung zurück zahlst, wasche ich dir auch die Unterhosen. Du brauchst so eine Beziehung zu deinem Spieler. Ich habe einfach gewusst, wie ich das Beste aus ihm rausholen kann.

"Boris war mit 17 der reichste Sportler auf dem Planeten"

Wie ging es weiter auf dem Weg zum ersten Wimbledon-Triumph?

Tiriac: Ein entscheidender Moment war dann in Johannesburg, als Boris sich nicht mal für das Hauptfeld qualifiziert hatte. Er hatte einen Sonnenstich bekommen und war völlig fertig. Er hat geweint. Er wollte den Erfolg so sehr, aber er wusste nicht, ob er es schaffen würde. Also habe ich ein Blatt Papier genommen und Boris gesagt: Ich male dir den Plan auf, wie du in zwei Jahren zu den Top 20 der Welt gehörst. Du musst nur unterschreiben. Vertraue mir. Top 20 hört sich vielleicht gar nicht so fantastisch an, aber für Deutschland war das im Tennis zu der Zeit wie fünf WM-Titel im Fußball. Ihr hattet ja niemanden. Da war weit und breit kein Megastar in Sicht. Ab diesem Zeitpunkt lief es. 1984 erreichte Boris schon das Viertelfinale der Australian Open und wir wissen alle, was 1985 in Wimbledon passieren sollte.

Wie überraschend kam der Triumph für Sie? Boris war ja immer noch erst 17.

Tiriac: Als er beim Vorbereitungsturnier in Queens im Viertelfinale Pat Cash schlug, wusste ich, dass er eine Chance hat, Wimbledon zu gewinnen. An dem Tag war ich noch in Buenos Aires, aber einen Tag später war ich schon in London. Ich ahnte, was kommen würde. Und was soll ich sagen? Boris gewann Wimbledon und war mit 17 Jahren der reichste Sportler auf dem Planeten zu dem Zeitpunkt. Ein Tennisspieler verdient vielleicht zehn bis 15 Prozent durch Preisgelder, der Rest kommt abseits des Courts. Boris hatte eine starke Persönlichkeit, Deutschland ist ein großer Markt - und ich hatte ein paar ganz gute Ideen, um ihn zu vermarkten.

Warum ging die Zusammenarbeit irgendwann zu Ende?

Tiriac: Die Zeit mit Boris war großartig. Wir hatten schöne Zeiten zusammen, wir hatten schlechtere Zeiten zusammen. Irgendwann kam der Punkt, an dem sich die Wege einfach trennen mussten, auch wenn ich noch einige millionenschwere Verträge auf dem Tisch hatte. Aber das ist egal, Geld ist nicht alles im Leben und ich habe es keine Sekunde bereut. Und was er danach alles gemacht hat, dafür war ich nicht mehr verantwortlich. Er hat sein Leben gelebt und ich meines. Aber wenn wir uns heute wiedersehen, trinken wir ein Bier zusammen und sprechen über unsere Kinder. Oder über das heutige Tennis. Aber nie über die Vergangenheit.

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