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Tennis

Superhirn Craig O'Shannessy im Interview: "Du spielst wie ein 1,70 Meter großer Typ aus Bolivien"

Craig O'Shannessy (l.) gilt weltweit als bester Tennis-Analyst.

 

Sie haben von 2017 bis 2019 als Strategie-Coach mit Novak Djokovic zusammengearbeitet. Was war das für eine Zeit?

O'Shannessy: Es waren drei großartige Jahre. Ich habe für Novak Pre-Match- und Post-Match-Analysen erstellt. Entweder habe ich sie ihm persönlich präsentiert, oder ich habe sie ihm als PDF geschickt, wenn ich nicht selbst vor Ort war. Ich habe dabei sehr eng mit Marian Vajda zusammengearbeitet, wir haben immer besprochen, was wir Novak zeigen und diskutieren wollen, seien es Video-Segmente oder Daten. Es war eine Achterbahnfahrt, weil Novak so ein schwieriges Jahr 2017 hatte mit seiner Ellenbogenverletzung und auch das Jahr 2018, als er dann zurückkam, erstmal nicht gut verlief. Aber am Ende des Jahres hatte er sich in der Weltrangliste wieder von Rang 22 bis an die Spitze katapultiert und 2019 folgte ein Jahr, in dem er on fire war. Es waren viele Aufs und Abs dabei, aber insgesamt hat es eine Menge Spaß gemacht.

Warum sind Sie heute nicht mehr Teil des Teams?

O'Shannessy: Der Grund war, dass Goran Ivanisevic Teil des Teams wurde, sozusagen als neuer Head Coach. Und er hat weniger Erfahrung im Analyse-Bereich und vertraut vielleicht auch nicht so sehr darauf. Er wollte es im Endeffekt nicht mehr. Er ist der Chef und gibt die Marschroute vor, also musste ich das respektieren und akzeptieren.

Craig O'Shannessy: "Novak ist unglaublich neugierig und wissbegierig"

Was hat Sie an der Zusammenarbeit mit Djokovic besonders beeindruckt, was Sie vorher nicht so von ihm wussten?

O'Shannessy: Novak ist unglaublich neugierig und wissbegierig. Er will wirklich alles wissen. Ich erinnere mich an Unterhaltungen, bei denen er mich fragte, wie er sein Returnspiel verbessern könne. Nun wissen wir alle, dass Novak der beste Returnspieler auf dem Planeten ist. Und er ist die Nummer eins der Welt. Aber trotzdem hat er diesen Wissensdurst und diesen Drang, sich immer weiter verbessern zu wollen. Er ist auch immer bereit, Tennis im Allgemeinen und seinen Gegner im Besonderen zu studieren und zu analysieren. Er will auch immer sein Spiel verfeinern und auf ein neues Level hieven. Wir hatten nicht ein Gespräch, bei dem ich ihm etwas zeigte, er aber meinte, dass er es auf seine Art und Weise machen wollte und es ihn nicht interessiert hat. Das war sehr beeindruckend.

Djokovic ist im Prinzip immer noch ungeschlagen 2020. Seine einzige Niederlage hat er sich in NY selbst zugefügt und in Rom hat er sich beeindruckend zurückgemeldet. Was ist gerade auf Sand entscheidend für ihn?

O'Shannessy: Gerade in den vergangenen Jahren, in denen er sich nochmal gesteigert hat, sind seine Entscheidungen auf dem Court, welchen Ball er spielen muss, noch besser geworden. Er ist dabei auch disziplinierter geworden und spielt immer noch den einen Ball mehr ins Feld. Gerade auf Sand ist das ein ganz entscheidender Punkt, den einen Ball mehr zurückzubringen. Er schlägt sich da nicht mehr selbst mit schlechten Entscheidungen und gibt dem Gegner kaum einen freien Punkt. Er spürt auch die Stärken und Schwächen seines Gegners sehr gut. Er serviert mehr zweite Aufschläge in die Vorhand des Gegners als Überraschungsmoment, er spielt auch häufiger schnellere zweite Aufschläge statt den langsamen Kick - all das zusammen macht ihn schwer zu schlagen. Bei den French Open beginnt die Diskussion um den Sieger mit Djokovic und Nadal. Bevor einer der beiden nicht ausgeschieden ist, gibt es keine andere Diskussion. Djokovic steht ganz oben im Draw, Nadal ganz unten - ich will, dass meine Spieler möglichst weit weg von ihnen in der Mitte stehen. Das ist völlig klar. Und dann schauen wir mal, was passiert.

Craig O'Shannessy: "Siehst du den Jungen da unten, der wird mal in den Top 10 der Welt stehen"

Es werden ganz andere French Open als gewohnt, alleine wegen des späten Termins.

O'Shannessy: In diesem Jahr wird es besonders interessant, da es kälter sein wird als normal und nicht so schnell. Es wird windiger sein. Es könnte bei Flutlicht gespielt werden. Das spielt alles mit rein. Die Bedingungen werden nicht so ideal sein für Nadal wie sonst im Sommer, aber dennoch muss man ihn als Topfavorit nennen, da gibt es keine andere Möglichkeit. Daran ändert auch die Niederlage in Rom gegen Schwartzman nichts. Schwartzman hat das beste Match seines Lebens gespielt, auch weil er davor furchtbar gespielt hat und überhaupt nichts zu verlieren hatte. Nadal ist die Eins vor Paris, Djokovic die Zwei und Thiem die Drei.

Sie arbeiten aktuell neben Matteo Berrettini auch mit Jan-Lennard Struff zusammen, wie ist es dazu gekommen?

O'Shannessy: Als ich 2014 meinen ersten Online-Strategie-Kurs anbot, hat ihn Struffs heutiger Coach Carsten Arriens als einer der ersten gebucht. Er hat früh den Wert der Analysen erkannt und hat dabei geholfen, das Thema in Deutschland in die Szene zu tragen und Aufmerksamkeit zu schaffen. Carsten und ich kannten uns deshalb schon, bevor er begann, Jan-Lennard zu trainieren. Da Jan-Lennard dem Thema auch sehr aufgeschlossen gegenüberstand, haben wir zusammengefunden. Seitdem stelle ich für ihn auch vor und nach den Matches Analysen zusammen und wir besprechen es zum Beispiel in Zoom-Calls. Ein großer Faktor für seine tolle Entwicklung ist, dass er gelernt hat, sich auf seine Gegner einzustellen. Er schießt sie nicht mehr nur vom Platz. Er versteht es inzwischen exzellent, die Schwachstellen seiner Gegner zu attackieren und seinen Gameplan durchzuziehen. Es ist eine große Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten und ein Teil des Teams sein zu dürfen.

Nun müssen wir natürlich auch über Alexander Zverev sprechen, der bei den US Open nur so knapp seinen ersten Grand-Slam-Erfolg verpasste. Zverev kann Tennis spielen wie vom anderen Stern, er kann einem aber auch Rätsel aufgeben. Wenn Sie ihn über die Jahre analysiert haben, was sehen Sie?

O'Shannessy: Wenn wir zunächst mal rein über sein Talent, seine Fähigkeiten und sein Potenzial sprechen, wenn wir uns die Frage stellen, wie gut Alexander Zverev ist, dann sage ich ihnen: Zverev ist ein unfassbarer Spieler. Ich erinnere mich an ein Future-Turnier in Houston, bei dem er mitspielte. Da war er 16 Jahre alt und hat mich schon umgehauen. Als ich ihn da sah, habe ich mich zu meinem Sitznachbarn umgedreht und gesagt: Siehst du den Jungen da unten, der wird mal in den Top 10 der Welt stehen. Ich wurde ungläubig angeschaut, aber für mich war es sofort klar. Das Talent war unverkennbar. Er hatte damals schon diese unglaublich geschmeidige Rückhand, sein Aufschlag war brutal, man konnte es einfach sehen, dass hier ein spezieller Junge auf dem Platz steht. Mein Sitznachbar fragte mich dann, ob dieser Junge eine bessere Karriere haben würde als Grigor Dimitrov, der ja damals schon viel weiter war als Zverev. Ich habe gesagt: Ja, wird er. Und ich sollte Recht behalten. Was nicht mal etwas gegen Dimitrov aussagt, er hat ja auch eine tolle Karriere gemacht, aber dass Zverev es eine Stufe weiter schaffen würde, war mir klar.

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