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Tennis

Barbara Rittner im Interview: "Alle zwei Jahre wurde eine neue Steffi ausgerufen - aber eine neue Steffi werden wir nie haben"

Von SPOX/DAZN
Barbara Rittner erklärt, warum es keine neue Steffi Graf geben kann.

 

Jetzt sind wir in einer etwas komischen Phase. Laura Siegemund hat während des Lockdowns an ihren Schwächen gearbeitet. Aber irgendwann war da einfach eine gewisse Leere, weil man sich nicht unter Wettkampfbedingungen ausprobieren konnte. Wie empfinden Sie diese Zeit?

Rittner: Erst einmal hatten wir alle so eine Phase von vier bis sechs Wochen zu Hause, wo gar nichts ging. Da haben wir wirklich versucht, mit Fitnesstraining übers Internet zu arbeiten. Mit unserem Konditionstrainer haben wir Programme aufgesetzt, die die Spielerinnen zu Hause erledigen mussten. Ich persönlich habe diese Zeit, diese Entschleunigung, sehr genossen. Ich hatte endlich mal kein schlechtes Gewissen, einfach zu Hause zu sein. Ab Mitte April hatten wir dann aber schon die Freigabe von der Kultusministerin Frau Dr. Eisenmann, dass wir in Stuttgart unter ganz großen Auflagen trainieren durften. Mittlerweile haben wir wieder Lehrgänge und alle sind hochmotiviert. Die German Ladies' Series presented by Porsche ist wichtig gewesen, weil dadurch wieder ein konkretes Ziel da war. Wir haben durch das Fitnesstraining online und dann die Lehrgänge viel Abwechslung reingebracht, aber Tennis ist eben immer noch ein Spiel und die Mädels wollen sich messen. Das können sie jetzt, alle haben körperlich an sich gearbeitet und sind wesentlich fitter geworden.

Wir haben im Rahmen der German Ladies' Series presented by Porsche das erste Match zwischen Alex Vecic und Laura Siegemund gesehen. Die ersten fünf Spiele gingen alle über Einstand, das war sehr knapp, aber am Ende hat die erfahrene Spielerin gewonnen. Wie geht man in so ein Match nach zwei, drei Monaten Pause?

Rittner: Das ist eine ganz schwere Frage, denn diese Situation hatten wir alle noch nicht. Es gab noch nie eine Zwangspause für die gesamte Tenniswelt von mindestens drei bis vier Monaten. Da muss jeder ein bisschen seinen eigenen Weg finden. Bei Alex ging es sicherlich darum, eben nicht zu viel zu wollen, nicht zu verkrampfen und zu versuchen, locker zu bleiben. Alex gegen Laura spielen zu sehen, war sehr interessant. Alex hat in diesem Match nichts zu verlieren. Aber in dem Moment, in dem Laura zu sich und zu ihrer Routine findet, hat sie noch keine Chance auf Sand. Da kann sie noch so einen guten Tag erwischen. Aber es ist auch für uns schön gewesen, das zu erleben.

Barbara Rittner: "... sonst hat man keine Chance mehr in dieser neuen Tenniswelt"

Wie kann man Erfahrung, wie sie eine Laura Siegemund hat, erlernen?

Rittner: Ich glaube, Erfahrung bringt leider nur die Zeit mit sich. Sich so vielen Situationen zu stellen, wie es geht. Und dann ist das eben so, dass die jungen Spielerinnen daraus lernen und beim nächsten Mal cooler sind. Da mache ich mir um Alex keine Sorgen. Ich glaube, dass sie sehr lernfähig und willig ist.

Wie kann die Generation Petkovic, Kerber und Co. noch unterstützend für die neue Generation wirken?

Rittner: Das ist auch ein Teil der Porsche-Geschichte, dass die Damen vom Porsche Team Deutschland sich mit den Mädchen vom Porsche Talent Team oder Porsche Junior Team austauschen. Sie sind eine Art Mentor für die jungen Talente. Gerade zuletzt im November war Andrea Petkovic hier bei einem Lehrgang und wir haben eine Frage-Antwort-Session gemacht. Oder eine Julia Görges hat beispielsweise schon mit einer Alex Vecic gespielt. Bei solchen Gelegenheiten ist es mir wichtig, dass die Nachwuchsspielerinnen diese Intensität der Profis spüren. Bei den angesprochenen Fragerunden geht es oft in die Richtung: 'Wie gehst du mit Druck um?' 'Wo hast du immer deine Motivation her?', 'Was war dein größter Erfolg?', 'Wie hast du den verarbeitet?' oder 'Was war deine schwierigste Titelverteidigung?' Das sind natürlich tolle Möglichkeiten für einen Austausch. Auch eine Angie Kerber ist offen dafür, den jungen Spielerinnen zu erzählen, wie sie sich motiviert hat und was am Ende ihrer Meinung nach ausschlaggebend für den Erfolg war.

Als Sie Profi geworden sind, Ende 1989, gab es schon Wechsel an der Spitze, aber auch sehr lange Phasen, die bestimmte Spielerinnen dominiert haben. Das gab es für die Generation um Kerber und Görges im Grunde auch noch ein bisschen mit Serena Wiliams. Aber seit ein paar Jahren hat man das Gefühl, da ist eine unfassbare Dichte in der Profi-Tenniswelt. Wo kommt diese Generation jetzt rein? Auf was müssen sie sich da einstellen?

Rittner: Sie müssen körperlich topfit sein. Sonst hat man keine Chance mehr in dieser neuen Tenniswelt. Das war zu meiner Zeit noch anders. Da konnte man sich auch noch mal ein bisschen durchmogeln. Jetzt sind sie eigentlich alle fit, und zwar nicht nur die ersten hundert, wie vielleicht damals, sondern die ersten fünfhundert. Die letzten 20 Grand Slams haben 15 verschiedene Mädchen gewonnen. Das spricht für die Breite und dafür, dass es heutzutage nicht so einfach ist, so dominant zu sein. Hut ab vor Serena Williams, die jetzt immer noch spielt und immer noch an guten Tagen jede schlägt. Aber logisch, mit Ende 30 geht das nicht mehr so konstant. Das macht es aber auch interessant. Spielerinnen wie eine Ashleigh Barty oder eine Naomi Osaka sind alle top austrainiert, aber durch diese hohe Belastung auch immer mal wieder verletzt. Das ist der Preis, den man zahlt, weil das Tennis so athletisch geworden ist.

Barbara Rittner: "Ich sehe eine Alex schon ein bisschen im Spielstil von Andrea Petkovic"

Wie würden Sie Alex Vecic als Spielerin auf dem Feld sehen und wo würden Sie sie, wenn sie die Lust am Tennis nicht verliert und fit bleibt, in zwei, drei Jahren sehen?

Rittner: Alex hat zwei Schwächen. Eine ist der Aufschlag. Sie hatte in letzter Zeit immer wieder Probleme mit der Schulter. Erst mal muss sie die Schulter wieder voll belasten können, um druckvoller aufschlagen zu können. Denn ohne einen effektiven Aufschlag kommt man heute nicht mehr in die Weltspitze. Das zweite ist, dass sie schneller werden muss in der Defensive. Sie ist eine, die keinen Ball verloren gibt, aber sie ist auch nicht naturgegeben die Schnellste. Das ist natürlich harte Arbeit und auch schwieriger zu trainieren, als andere Sachen. Insofern ist es gut, dass sie dieses andere Megatalent hat - nämlich hart zu arbeiten und sich zu quälen. Ich sehe eine Alex schon ein bisschen im Spielstil von Andrea Petkovic. Also, Druck von hinten machen, auf beiden Seiten die Bälle früh nehmen, mental stark sein. Der Aufschlag muss verbessert werden, dann traue ich ihr schon den Schritt unter die ersten 50 der Welt zu. Aber der Weg ist noch weit. Und was dann passiert, dazu brauche ich eine Glaskugel.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, bei dem man nicht über Geld nachdenken muss, was würden Sie sagen? Wie können wir noch besser arbeiten, um Talente zu fördern und vielleicht auch noch mehr Talente zu fördern?

Rittner: Wenn wir uns an den Grand Slam-Nationen orientieren, dann wäre der nächste Schritt, jeder geförderten Spielerin einen eigenen Coach zur Verfügung zu stellen. Aber das ist ein absolutes Traum-Programm. Ich glaube, so schnell werden wir da nicht hinkommen. Wir holen schon das Optimum raus. Dazu haben wir jetzt auch noch einmal die Arbeit im Bereich Mentaltraining intensiviert. Am Ende sind sicher das Bewusstsein für Eigenverantwortung und das Verlassen der eigenen Komfortzone der Schlüssel zum Erfolg.

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