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Tennis

Julia Görges im Interview vor den Australian Open: "Ich kam aus einer ganz anderen Welt"

Julia Görges feierte 2011 mit dem Triumph in Stuttgart einen ihrer größten Erfolge.

Welche Note würden Sie Ihrer Karriere bis hierhin geben?

Görges: Eine 2+. Zu einer 1 fehlt noch ein bisschen was, aber das kann ja vielleicht in den nächsten zwei Jahren noch kommen. Ich bin unabhängig von Ergebnissen froh, welche Entwicklung ich vor allem als Person genommen habe und dass ich so ein glückliches und zufriedenes Leben führen darf. Wenn ich mir anschaue, welcher Mensch vor zehn Jahren auf dem Platz stand und welcher heute auf dem Platz steht, dann ist er in keiner Weise mehr zu vergleichen. Ich bin sehr dankbar für den Weg, den ich gegangen bin. Mit allem, was dazu gehört. Er hat mich reifen lassen und zu der Jule gemacht, die ich heute bin.

Hat es Sie nie belastet, wenn es negative Schlagzeilen gab?

Görges: Das gehört alles zum Geschäft. Wenn du dem nicht gewachsen bist, wirst du in diesem Beruf keinen Erfolg haben können. Du kannst es nicht jedem recht machen. Ich kann es auch nicht beeinflussen, was jemand über mich schreibt, auch nicht, wenn ich nett "Hallo" sage. Ich wollte immer authentisch bleiben, das ist mir glaube ich gut gelungen.

Julia Görges: "Der Respekt ist deutlich verloren gegangen"

Was hat sich seit Ihrem Beginn auf der Tour am meisten verändert?

Görges: Der Respekt ist deutlich verloren gegangen, ganz klar. Ich meine nicht den Respekt vor irgendwelchen Namen, es geht mir um den menschlichen Respekt. Gerade wir Spielerinnen aus der älteren Generation unterhalten uns viel darüber und sind bei einigen Situationen sehr verwundert, wie durchschnittlich oder eher unterdurchschnittlich das Benehmen manchmal so ist. Manchmal ist es wohl eine Frage der Erziehung und wie jemand groß geworden ist, manchmal denke ich, dass die gesellschaftliche Entwicklung aber auch generell leider in diese Richtung geht.

US-Profi Noah Rubin hat 2019 im SPOX-Interview ein eher düsteres Bild vom Zustand des Tennissports gemalt und unter anderem erklärt, wie das Zuschauerinteresse gesunken ist abseits der Grand Slams. Was ist Ihr Eindruck auf der Frauen-Tour?

Görges: Wenn ich auf die Frauen-Tour schaue, stelle ist fest, dass Asien den Markt regiert. Immer mehr Events wandern nach Asien ab. Und ja, leider haben wir da wenige Zuschauer. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich froh bin, in meiner Karriere so weit fortgeschritten zu sein, weil ich keine Lust hätte, langfristig das ganze Jahr nur nach Asien zu reisen und dort ein Doppel teilweise vor fünf Fans zu spielen. Wir spielen ja alle auch deshalb Tennis, weil wir die Leute unterhalten wollen. Dass es nicht so viel Spaß macht, in einem großen leeren Stadion zu spielen, ist logisch. Leider ist es aber zunehmend der Fall.

2020 wird auch der Fed Cup zum ersten Mal nicht mehr so sein wie früher. Beim Davis Cup haben wir die neue Version schon gesehen. Wie hat sie Ihnen gefallen?

Görges: Für mich hatte das mit Davis Cup nichts zu tun. Ich erinnere mich spontan an mein Fed-Cup-Match gegen Petra Kvitova in Stuttgart, das ich 8:10 im Dritten verloren habe. Da kriege ich jetzt noch sofort Gänsehaut, wenn ich nur an diese grandiose Stimmung von damals denke. Ich habe es lange Jahre erleben dürfen, aber für die nachkommenden Generationen finde ich es tragisch, dass man das kaputt macht.

Julia Görges: "Ich mache ja gerne Büroarbeit"

Letzte Frage: Andrea Petkovic hat Ende 2019 zum ersten Mal die ZDF-Sportreportage moderiert. In welcher Rolle sehen Sie sich nach der Tennis-Karriere?

Görges: Also ich mache ja gerne Büroarbeit, Abrechnungen und so.

Ernsthaft?

Görges: Ja, wirklich. (lacht) Ich mochte auch Mathe in der Schule. Ich hätte schon gerne eine Aufgabe, für die ich mein Köpfchen anstrengen muss. Ich hätte aber auch nichts dagegen, eine Zeit lang einfach die Seele baumeln zu lassen und nichts zu machen. Aber nur Kinder und Hunde wäre auch nicht unbedingt mein Fall. Ich hätte schon gerne irgendwann ein paar Tage in der Woche eine Aufgabe.

Julia Görges im Steckbrief

geboren2. November 1988 in Bad Oldesloe
WTA-Titel:7 (Bad Gastein 2010, Stuttgart 2011, Moskau 2017, Zhuhai 2017, Auckland 2018, Luxemburg 2018, Auckland 2019)
Beste Grand-Slam-ErgebnisseHalbfinale Wimbledon 2018, 6x Achtelfinale
Beste Weltranglisten-Position9 (August 2018)
Aktuelle Weltranglisten-Position38
TrainerJens Gerlach
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