"Talent reicht nicht mehr"

Neues Jahr, neues Glück: Julia Görges will in der kommenden Saison wieder angreifen
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SPOX: Es gab 2013 wenige Highlights für Sie, aber die Australian Open gehörten definitiv dazu. Mir ist dieser erste Satz im Achtelfinale gegen Na Li in Erinnerung geblieben, dieses ärgerliche 6:7. Da waren Sie lange Zeit die klar bessere Spielerin. Wie gehen Sie mit solchen Niederlagen um?

Görges: Hmm, ich habe im Jahr davor auch das Achtelfinale gespielt und kein tolles Match abgeliefert. Für mich war es erstmal gut zu sehen, dass ich diesmal dichter an einem Grand-Slam-Viertelfinale dran war. Das war das Positive. Auch aus der Art, wie ich durch die Matches gekommen bin, habe ich Erfahrungen mitgenommen.

SPOX: Macht Sie das nicht wahnsinnig auf dem Platz, wenn Sie genau wissen, bis eben kam die Vorhand überragend, jetzt schaltet sich der Kopf ein und es wackelt der Arm?

Görges: Klar, man denkt, den Ball kann ich nachts um zwei reinspielen. Das ist von außen leicht zu sagen, ich sehe das ja auch bei anderen Spielern und denke mir, das hätte jetzt nicht sein müssen. Aber an solchen Erfahrungen wächst man. Je schlimmer die Situation, in der einem so etwas passiert, desto abgeklärter wird man. Bei dem Turnier habe ich jedenfalls mehr Positives als Negatives mitnehmen können.

SPOX: Das heißt aber nun auch, dass es in Melbourne 2014 für Sie gleich mal ordentlich Punkte zu verteidigen gibt. Setzt Sie das unter Druck?

Görges: Weniger, für mich fängt das Jahr von Null an. Ich mag das Wort verteidigen nicht. Klar, man meldet mit dem Ranking, das man hat, und möchte bei gewissen Events dabei sein. Aber das Punktesammeln dauert das ganze Jahr. Bei uns gibt es nicht nur Olympia und Weltmeisterschaften, wir können jede Woche ein Turnier spielen. Wenn man gut genug ist, erreicht man seine Ziele und zieht Kraft daraus. Das hängt aber nicht von einem Achtelfinale in Australien ab. Vorher spiele ich zwei Turniere, da kann ich genauso Punkte sammeln. Für mich ist es wichtig, mich weiterzuentwickeln.

SPOX: Sie haben Ihr Ranking angesprochen. Vor einem Jahr waren Sie 18., jetzt sind Sie die Nummer 72 der Welt. Sie werden womöglich ein paar Mal in die Qualifikation müssen. Ändert sich dadurch Ihre Turnierplanung?

Görges: Ich werde bei größeren Turnieren Quali spielen müssen, aber ich sehe das nicht als Nachteil. Qualifikanten kommen immer wieder weit. Wenn du die Qualität hast, spielst du dich da durch. Ich finde es auch keine Schande, mal kleinere Events zu spielen, die sind schwierig genug zu gewinnen.

SPOX: Schon vor Ihrer Verletzung lief es im letzten Frühjahr nicht mehr rund für Sie. Sie verloren Matches beispielsweise gegen Spielerinnen wie Johanna Larsson, Stefanie Vögele... Nicht, dass das keine talentierten Spielerinnen sind, aber was lief in dieser Phase schief?

Görges: Naja, eine wie die Steffi Vögele könnte eigentlich viel höher stehen, sie ist sehr talentiert und hat nach mir auch eine Wozniacki geschlagen. Leider gehen die Leute immer sehr schnell vom Ranking aus. Aber daran sieht man, was die Topspielerinnen leisten, wenn sie sich über Jahre da oben halten. Es ist schwierig, gegen eine Nummer 50 oder 100 zu gewinnen. Alle können Tennis spielen. Für mich ist es immer einfacher, gegen einen größeren Namen zu anzutreten, weil ich dabei nichts zu verlieren habe. Die Großen müssen fast jedes Match gewinnen und sind immer der Favorit. Das ist definitiv ein Punkt, an dem ich mich verbessern kann und muss.

SPOX: Wie arbeiten Sie daran?

Görges: Ich glaube, man muss sich unabhängig vom Gegner machen. Es geht darum, sein Level konstant das Jahr über zu halten. Das ist gar nicht so sehr eine mentale Frage. Wichtig ist, das eigene Spiel durchzuziehen, egal gegen wen, wann und wo.

SPOX: Als Sie auf den Hartplätzen im Sommer noch von der Verletzung gehandicapt waren, hieß es häufig, im Training läuft es eigentlich immer besser. Wie schwierig ist es, das im Match auf den Court zu bringen?

Görges: Eben sehr schwierig. Manche Spieler sind Trainingsweltmeister, weil alles einfacher ist. Weniger Druck, weniger Adrenalin, man denkt weniger. Deswegen gibt es so wenige Leute an der Spitze.

SPOX: Haben Sie die Erstrundenniederlagen noch gezählt?

Görges: Nein, wenn ich nicht positiv bleibe, kann ich es gleich vergessen. Es gibt Schlimmeres, als dieses Jahr 2013. Solche Phasen machen Sportler auch stärker. Viele Leute würden davon träumen, in den Top 100 zu stehen. Nichts passiert ohne einen Grund, wir werden sehen, wofür es gut war.

SPOX: Um ihre gerade Vorhand beneiden Sie sicher viele Kolleginnen. Wenn sie kommt, ist es eine echte Waffe. Warum ist sie andererseits auch so anfällig?

Görges: Ich bin ein aggressiver Spieler. Ich werde immer mehr Fehler machen, als Leute, die den Ball eher reinspielen und mehr laufen. Ich habe die Gabe, von überall auf dem Platz den Punkt zu machen. Aber ich arbeite natürlich daran, konstanter zu werden. Ich muss ja den Winner nicht immer mit dem ersten oder zweiten Ball machen, sondern kann den Punkt gewissenhaft aufbauen. Da gehören natürlich die Beine dazu, denn sobald ich mich gut bewege, kommen die Schläge zu 99 Prozent.

SPOX: Welche Rolle spielt Fitness im heutigen Spitzentennis?

Görges: Der Anteil ist sehr groß. Es gibt Athleten, bei denen das Spielerische nicht unbedingt zum hohen Ranking passt. Die setzen sich eben nicht mit großartigen Schlägen durch, bringen aber Fitness, Beinarbeit und das Mentale zusammen. Talent reicht halt nicht mehr in unserem Sport.

SPOX: Sie werden auch 2014 wieder mit Barbora Zahlavova-Strycova ein festes Doppel bilden. Habe Sie keine Angst, dass die Belastung zu stark wird?

Görges: Nein, mir persönlich bringt es fürs Einzel sehr viel. Man spielt viel Aufschlag und Return, mein Volley ist viel, viel besser geworden. Ich habe viel mehr Übersicht, wenn ich im Einzel ans Netz gehe. Und ich kann ein Doppel mit zwei Sätzen und Matchtiebreak als Einheit nutzen. Training unter Matchbedingungen bekommt man sonst nicht. Wenn ich im Einzel mal sehr weit spiele, gibt es die Doppelbelastung, okay. Aber dafür trainiere ich auch.

SPOX: Sie haben einen Twitteraccount, verzichten aber auf Facebook. Täuscht der Eindruck, dass Sie zuletzt in den sozialen Netzwerken weniger aktiv waren?

Görges: Weniger aktiv bin ich eigentlich nicht. Mir ist es wichtig, wirklich etwas zu berichten zu haben, das die Leute interessiert. Das war im Urlaub eben nicht so viel. Ich bin keine, die twittert, um zu twittern.

SPOX: Was man auf Twitter sehr schnell erfährt: Sie sind ein großer Bayern-Fan - wie konnte das einem Nordlicht wie Ihnen passieren?

Görges: Meine Mama ist Fränkin, aber das ist vermutlich auch keine gute Erklärung. (lacht) Ich verfolge die Bundesliga seit ungefähr zehn Jahren und finde einfach, dass die Bayern sehr attraktiven Fußball spielen. Ich bin aber auch ein großer Biathlon-Fan.

Julia Görges im Steckbrief

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